Festivalzeit = Müllzeit?

Sommer – Sonne – Festivalsaison. Die Besucher kommen wieder zu Tausenden in die Innenstädte und auf die Campingwiesen, um ihre Lieblingsbands abzufeiern. Und dabei hinterlassen sie vor allem eins: Müll. Jeder von ihnen verursacht durchschnittlich fünf Kilogramm Abfall an drei Tagen auf einem Festivalcampingplatz. Die Veranstalter versuchen schon seit langem, die Belastungen zu reduzieren. Was die Festivals in NRW für die Umwelt tun? Die pflichtlektüre hat sich bei Bochum Total und dem Area 4 umgehört und geklärt, was das Projekt „Sounds for Nature“ gegen den Müll-Wahn unternimmt.

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Bei Bochum Total ist das ganze Bermuda-Dreieck mit Menschen bevölkert. Den Müll lässt man einfach da fallen, wo man steht. Foto: cooltour Bochum

Eine Million Besucher in vier Tagen. Sie drängen sich durch das Bermudadreieck in der Bochumer Innenstadt. Vorbei an Essensresten, leeren Getränkedosen und zerrissenen Verpackungen schieben sie sich zu den Bühnen – und bringen noch mehr Müll auf das Gelände mit. Einlasskontrollen gibt es beim Umsonst- und Draußen-Festival nicht, jeder darf so viel Essen und Trinken mitnehmen, wie er möchte. Das hat Folgen: Letztes Jahr fielen beim viertägigen Innenstadtfestival etwa 20 Tonnen Müll an.

Marcus Gloria ist der Inhaber der Agentur cooltour, die Bochum Total seit 1986 ausrichtet. Für ihn ist die Umweltverträglichkeit von Festivals eine Herzensangelegenheit, wobei er relativiert: „Wir sind nicht darauf aus, einen Orden zu bekommen.“

Mehr Sicherheit durch Glas-Verbot

Dabei ist Bochum Total auf dem Gebiet Müllvermeidung schon immer sehr fortschrittlich gewesen: „Wir waren eins der ersten Festivals mit Pfandbechern. Damals wurden wir noch belächelt, heute gibt es das überall“, erinnert sich Gloria. Es folgten Mülltrennung, klimaneutrale Programmhefte sowie Nutzung von Ökostrom.

Und meist sind es vermeintlich selbstverständliche Innovationen, die eine große Wirkung erzielen: Seit 2010 herrscht im gesamten Festivalbereich ein Glasflaschenverbot. Mit Scherben übersäte Bürgersteige gehören damit der Vergangenheit an – und Schnittverletzungen gingen um 90 Prozent zurück. „Auch eine Art von Ökologie“, konstatiert Gloria.

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Durch Infostände und mit Helfern die Besucher aufklären, so will "Sounds for Nature" die Besucher für mehr Umweltbewusstsein sensibilisieren. Foto: Sounds for Nature

Umwelt-Siegel für Festivals

Festivals umweltfreundlicher zu gestalten, ist auch das Ziel von Franz August Emde. Er ist kein Veranstalter, sondern Referatsleiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bundesamt für Naturschutz. Nebenbei engagiert er sich ehrenamtlich für das Projekt „Sounds for Nature“. Das Projekt will zum einen versuchen, Besucher für das Thema Naturschutz zu sensibilisieren, anderseits aber auch helfen, Festivals hinsichtlich ökologischer Fragen besser zu managen.

Dazu wurde ein Leitfaden entwickelt. Den können Festival-Veranstalter benutzen, um sich die Frage zu stellen: „Wo sind konkrete Verbesserungsmaßnahmen möglich?“. Danach setzen sie sich freiwillig Ziele, die sie auf ihren Festivals umsetzen wollen. Werden die Ziele kontinuierlich höher gesteckt und verwirklicht, gibt es als Belohnung das „Sounds for Nature“-Siegel.

Und was nützt dieses Siegel? Emde erklärt: „Festivals kommen zu uns, weil sie merken, dass das Logo Vorteile bringt. Zum Beispiel sind viele Behörden bei Genehmigungen gefälliger.“ Ein Grund dafür ist sicherlich, dass das Bundesamt für Naturschutz die Trägerschaft des Projekts übernommen hat. „Seitdem wir aktiv sind, hat sich die Situation auf Open Airs extrem verbessert“, sagt Emde.

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Auf vielen Open Airs ist die Müllsituation noch wesentlich verbesserungswürdig. Foto: privat

Derzeit befindet sich das Projekt im Umbruch, weil der Aufwand nebenbei nicht mehr erbracht werden kann. Deshalb soll das Projekt in eine Stiftung überführt werden, um umfassender informieren zu können. Spätestens dann werde man versuchen, weitere Festivals und ihre Besucher für die ökologischere Denkweise zu begeistern. Da gibt es noch viel zu tun, denn „die großen Festivals kümmern sich kaum darum“, sagt Emde.

Mehr Müll, mehr Kosten

Der Morgen danach: Die Ruhe auf dem Campingplatz nachdem die Besucher "gewütet" haben. Foto: Richard Heinicke

Der Morgen danach: Die Ruhe auf dem Campingplatz, nachdem die Besucher "gewütet" haben. Foto: privat

Diese Kritik lassen die großen Festivals aber nicht gelten: „Wir sind dabei, uns für all unsere Festivals einen eigenen Standard zu überlegen, der erstmal erfüllt sein muss. Danach kann man sich damit beschäftigen, sich einem Siegel anzuschließen“, sagt Evelyn Afful der Produktionsfirma FKP Scorpio aus Hamburg, die neben dem Hurricane und Southside auch das Area4-Festival in Lüdinghausen ausrichtet.

Dass die Firma Umweltschutz ernst nimmt, sieht man auch an der Kommunikation mit den Besuchern. In einem Newsletter kurz vor dem Area 4 im vergangenen Jahr heißt es:

„Beim Area 4 2009 haben wir leider die Erfahrung gemacht, dass nicht nur das durchschnittliche Müllaufkommen bei deutlich über 5 kg pro Besucher gelegen hat, sondern der Müll von einigen nicht nur am eigenen Zeltplatz, sondern auch weiträumig auf dem Campingplatz verteilt wurde, so dass das Gelände am Montagmorgen einem Müll-Schlachtfeld glich. […] Bislang konnten wir den Ticketpreis unter 100 Euro inklusive Müllpfand halten. Doch wenn durch das Verhalten einiger Besucher die Reinigungskosten enorm steigen, müssen wir leider auch zukünftig den Müllpfand von 5 Euro auf 20 Euro anheben und/oder allgemein die Ticketpreise erhöhen.“

Bekommen die Veranstalter das Müllproblem nicht in den Griff, könnte sogar der Standort des Area 4 zukünftig nicht mehr für das Festival freigegeben werden.

Becherpfand, Müllpfand, Festivalapp

Deswegen stehen bei den Hamburger Veranstaltern schon seit 1997 ökologische Planungen auf der Tagesordnung. Den Anfang machte das Becherpfand, dann folgte das Müllpfand. Das bezahlt jeder Besucher beim Kauf seines Tickets und bekommt es schließlich im Tausch gegen voll gefüllte Müllsäcke wieder zurückerstattet.

Mittlerweile wird sogar versucht, gänzlich auf Programmhefte zu verzichten – zugunsten von Festivalradio, SMS-Service oder Festivalapp fürs Smartphone. Außerdem will der Veranstalter die Besucher dazu ermutigen, zur Anreise die Bahn oder Fahrgemeinschaften zu nutzen. So will FKP den CO2-Fußabdruck – also die Summe der durch die Anreise verursachten Treibhausgase – minimieren.

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Müllsammelstellen sollen an günstigen Stellen dazu ermutigen, den Müll auch wirklich aufzusammeln und ohne großen Aufwand abzugeben. Foto: privat

Ganz neu ist die Idee des Green-Campings: In einem speziellen Bereich im Campingareal soll es für „umweltbewusste Besucher die Möglichkeit geben, sauber und ruhig zu übernachten“, heißt es von den Veranstaltern. Diese Möglichkeit bleibt zwar bisher nur den Hurricane- und Southside-Besuchern vorbehalten, aber bewährt sie sich, könnte es auch bald auf dem Area 4 eingeführt werden.

Denn schaut man sich in den Internet-Foren der Festivals um, wird deutlich: Nur ein kleiner Teil der Festivalgemeinde zieht das Leben in den eigenen Abfällen – zwischen halbgegessenen Raviolidosen und stinkenden Müllbergen – einem müllfreien Acker vor.

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