Kreationismus: Studenten kritzeln Gästebuch voll

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Noch 150 Jahre nach seinem Tod löst Hermann Müller heftige Debatten aus.

Das Gästebuch der Ausstellung über Hermann Müller, Naturforscher und früher Anhänger von Charles Darwins Lehren, sorgt für Aufregung. Neben rassistischen Kommentaren, die von Unbekannten herausgerissen wurden, melden sich Kritiker der Evolutionstheorie heftig zu Wort. Sie machen das Buch in der Dortmunder Universitätsbibliothek zum Forum für radikale Meinungen: Die Evolutionstheorie wird als falsch hingestellt, Darwin beleidigt. Ihre Ablehnung begründen die Schreiber entweder gar nicht oder religiös: Sie können nicht akzeptieren, dass sie mit Tieren gemeinsame Vorfahren haben sollen.

Mal schreiben die Evolutions-Gegner verhältnismäßig harmlos: „[…] beschäftigen wir uns weiter mit langweiligen THEORIEN, denn nicht mehr ist sie die Evolutionstheorie“ , mal radikaler in gebrochenem Deutsch: „Er [Darwin] hat die Theorie auf die Welt gesetzt, damit der Glaube in Vergessenheit geräht.“ Dies habe er mit Erfolg in die Seele der Menschen „ebranntmalt!!!“. Die Evolutionstheorie sei außerdem „nicht LOGISCH“, „eine dumme Theorie, die unsere Ursprung von Adam und Eva wiederspricht“. Die Verfasser werden in ihrer Wut auf die weitgehend akzeptierte Lehre beinahe poetisch: „Wenn die erste Zelle von nichts entschtand hast, ist gleich wie ein Boieing 747 aus Schrott allein entschtehen konnte. Schöpfungstheorie ist die einzige wahre Realität.“

Falsche Rechtsschreibung, polemischer Ton

Die Beiträge in dem Gästebuch fallen nicht nur durch falsche Rechtschreibung auf, sondern auch durch den polemischen Tonfall. Darwin wird etwa als „intelligenter Hurensohn“, „der bekannteste Antichrist seiner Zeit“ oder „Affe“ bezeichnet. Der Mitorganisator der Ausstellung und Didaktiker der Fachgruppe Biologie, Dittmar Graf, ist entsetzt:  „Man gewinnt den Eindruck von Gekritzel auf einer Bahnhofstoilette. Das ist unter aller Kanone. Wenn Darwin noch leben würde, könnte er sich zurecht diskriminiert fühlen.“

„Ich bin schockiert über die Niveaulosigkeit“

Auch einige Einträge im Gästebuch wenden sich gegen die Ausdrucksweise der Vorgänger. Die Pfarrerin in der evangelischen Studierendengemeinde, Ilona Schmidt, schreibt:  „Ich bin schockiert über die Niveaulosigkeit der Auseinandersetzung […], die einer wissenschaftlichen Institution nicht würdig ist. Auch und gerade von religiös motivierten Menschen erwarte ich Argumente, vor allem aber Fairness im Umgang.“

Einer der harmloseren Gästebucheinträge. Foto: Michelle Röttger

Einer der harmloseren Gästebucheinträge. Foto: Michelle Röttger

Wen interessiert da noch Hermann Müller?

Worum geht es in dieser Ausstellung, deren Gästebuch zum Abbild der Kreationismusdebatte geworden ist? Der Botaniker, Forscher und Lehrer Hermann Müller aus dem thüringischen Mühlberg stand mit Darwin in Kontakt. Er war davon überzeugt, dass die Evolutionstheorie richtig ist. Daher setzte sich Müller dafür ein, dass Realschullehrer die Evolutionstheorie im Biologieunterricht behandeln – und zwar schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wenige Jahre, nachdem Darwin seine umstrittene Theorien veröffentlicht hatte. Dafür wurde der Naturforscher zu Lebzeiten heftig angegriffen und „Affen-Müller“ genannt. Der Mensch könne keine gemeinsamen Vorfahren mit Schimpansen haben, behaupteten die Kritiker.

Student: Gläubige nicht als Fundamentalisten abtun

Im Darwinjahr 2009 scheint es also nicht abwegig, in einer Ausstellung über das Leben Hermann Müllers die Evolutionstheorie von Darwin aufzugreifen. Der Student Peter M. (Name wurde von der Redaktion geändert) , der ebenfalls ins Gästebuch geschrieben hat, sieht das anders. Er erklärt im Gespräch mit  pflichtlektüre online: „Es geht mir vielmehr darum, in welchem Kontext die ganze Ausstellung zu verstehen ist.  Die Fachgruppe Biologie der TU Dortmund beschäftigt sich ständig mit der Debatte um Evolutionstheorie und Schöpfungslehre . Es ist mir wichtig zu fordern, dass Menschen, die glauben, dass unser Universum  durch Gott gewollt und geschaffen worden ist, nicht gleich als christliche Fundamentalisten und Feinde der Wissenschaft an die Wand gestellt werden.“

Im Ton vergriffen

Allerdings gibt der Student auch zu: „Das hat zwar nichts mit der Ausstellung zu tun, musste aber mal gesagt werden, weil die Ausstellung eben diese Auseinandersetzung provoziert.“ Ob es sich bei den anderen Verfassern der Beiträge im Gästebuch um missverstandene Gläubige handelt, die nun als Wissenschaftsfeinde angeprangert werden, bleibt zweifelhaft. Falls dies doch der Fall sein sollte, haben sie sich auf jeden Fall im Ton vergriffen.

Die Müller-Ausstellung geht noch bis zum 28. Juni.

Die Müller-Ausstellung geht noch bis zum 28. Juni. Foto: Michelle Röttger

TU Dortmund: Kreationismushort

Wimmelt es an der TU also vor aufgebrachten Kreationisten, die eine Erwähnung der Evolutionstheorie zum Anlass nehmen, niveaulosen Schund in Gästebücher zu kritzeln? Oder handelt es sich nur um Einzelfälle? Was der Student über die Fachgruppe Didaktik der Biologie sagt, stimmt: Die Fachgruppe beschäftigt sich tatsächlich intensiv mit dem Thema Kreationismus an Schulen. Sie setzt sich dafür ein, dass Kinder die Evolutionstheorie kennenlernen. Dittmar Graf erläutert: „Wenn man die Evolutionstheorie nicht versteht, versteht man die Biologie nicht. ‚Evolution’ ist heutzutage ein wichtiges Bildungsgut, das keinem vorenthalten werden darf.“

Umfrage zur Evolution

Im Wintersemester 2006/07 führte die Fachgruppe an der Dortmunder Uni und an der Hacettepe-Universität im türkischen Ankara Studien mit Lehramtsstudienanfängern durch. 1228 Lehramtsstudierende in Dortmund und 520 Studierende in Ankara wurden unabhängig von ihrer Ausrichtung auf Schulfächer befragt. Ziel war es, Rückschlüsse über  Überzeugungen und Wissen zur Evolution, zum Glauben, das Vertrauen in Forschung und Technik sowie das Verständnis von Wissenschaft im Allgemeinen zu ziehen.

Wie groß ist die biologische Vorbildung?

Als Studienanfänger kamen diese Studenten direkt von den Schulen. Die Ergebnisse ordneten Dittmar Graf und die anderen Forscher noch nach biologischer Vorbildung; also zum Beispiel nach der Teilnahme an einem Biologie Leistungs- oder Grundkurs. Zur Akzeptanz der Evolutionstheorie gaben die Studienleiter elf Aussagen vor. Ab neun inhaltlich abgelehnten Aussagen gingen die Auswerter davon aus, dass die Evolution von dem Probanden nicht anerkannt wird.

Unverstanden und abgelehnt

Dittmar Graf will verstärkt die Evolutionstheorie unterrichten.

Dittmar Graf will verstärkt die Evolutionstheorie unterrichten. Foto: privat

Von denjenigen, die einen Biologie-Leistungskurs in der Oberstufe besuchten, lehnten danach 7,7 Prozent der Probanden die Evolution ab. Nach einem Grundkurs Biologie waren es sogar schon 17 Prozent der Befragten. Und von denjenigen ohne Biologieunterricht zeigten sich über 20 Prozent skeptisch gegenüber der Evolutionslehre. In der Türkei wiesen fast 75 Prozent der Befragten Darwins Theorie zurück. Auch beim Verständnis haperte es: Nur rund ein Drittel der Befragten deutschen Leistungskursteilnehmer konnte Verständnisfragen zu den wichtigsten Punkten der Evolutionstheorie richtig beantworten.

In der Gruppe der Personen mit einem ausgeprägten Glauben findet sich in beiden Ländern keine einzige Person, welche die Evolution uneingeschränkt akzeptiert. Besonders interessant ist noch, dass die Einstellung zur Wissenschaft und das Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten die Akzeptanz stark beeinflusst. Wer also Wissenschaft als hauptsächlich negativ erachtet und wenig von den Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens versteht, lehnt häufig die Evolutionstheorie ab.

Forderung: Evolutionsunterricht früher beginnen

Die Fachgruppe Didaktik der Biologie fordert aufgrund ihrer eigenen und anderen Studien, dass der Biologieunterricht an Schulen angepasst wird – ganz wie es Hermann Müller vor mehr als 100 Jahren schon gefordert hatte. Der Evolutionsunterricht soll beispielsweise bereits in der Sekundarstufe I und vorbereitend im Sachunterricht der Grundschule einsetzen. „Man muss jetzt aufhören, Untersuchungen zu machen, und stattdessen Konzepte entwickeln. Wir bemühen uns zwar, den Studienanfängern im Lehramt die Evolutionstheorie nahe zu bringen. Aber an den Unis ist es dafür schon zu spät“, sagt Dittmar Graf.

Hermann Müller wäre bestimmt erstaunt, dass eine Ausstellung über sein Leben und Werk noch heute ähnliche Emotionen auslöst wie vor rund 150 Jahren. Enttäuscht hingegen wäre er wohl, dass Darwins Theorien den Schülern immer noch nicht in seinem Sinne vermittelt werden.

Text: Michelle Röttger

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