26. Campuslauf: Zwei Selbstversuche

Dass an der TU Dortmund nicht nur die Sportstudenten gewillt sind, etwas für ihre Fitness zu leisten, bewies auch in diesem Jahr der traditionelle Campuslauf. 1250 Starter wagten den Walk, Lauf oder das Erklimmen des Mathetowers. Neben Maschinenbauern, Statistikern und Lehrämtlern stürzten sich auch einige unserer pflichtlektüre-Reporter ins Ausdauer-Abenteuer.
Anna Hückelheim und Melanie Meyer berichten von ihrem ersten Campuslauf.

Melanie Meyer und Anna Hückelheim nach dem 2,5km-Lauf

Melanie Meyer und Anna Hückelheim erholen sich von den Strapazen. Foto: Ann-Kathrin Gumpert

Melanie Meyer: Einmal Held sein

Mensch, muss das schön sein: Einmal als Läufer über die Ziellinie sprinten, erschöpft und durchströmt von Adrenalin und Glückshormonen zusammenklappen und von allen Fans als strahlender Held gefeiert werden. Ja, genau so hatte ich mir meine Teilnahme beim Campuslauf vorgestellt. Gut, es waren jetzt nur die 2,5 Kilometer, aber hey, auch die wollen geschafft werden. Nicht, dass ich wahnsinnig unsportlich wäre, ich bin nur nicht der größte Läufer: Ich bevorzuge eigentlich den Crosstrainer und gegebenenfalls auch Fahrstühle. Aber gesteuert von euphorischem Größenwahn war ich fest davon überzeugt, diesen Lauf mit viel Glanz und Gloria zu packen. Als ich dann auch noch fünf verrückte Gefährtinnen fand und von meinem Vorhaben überzeugen konnte, war der Plan perfekt: Der Ruhm und Ehre versprechende Lauf konnte kommen.

Um die nötige Unterstützung einzufordern, hatte ich mir für unseren kleinen Trupp aus pflichtlektüre-Sprintern Verstärkung zum Anfeuern mitgebracht. Nachdem also mein hauseigener Fanclub und ich zuvor noch alle Straßensperren rund um den Campus überlistet hatten, standen wir pünktlich am Start. Breit grinsend und hoch motiviert ließ ich mich tragen von der ausgeflippten Stimmung um mich herum. Von dem aufkeimenden Ehrgeiz einiger viel zu gut trainierter Teilnehmer ließen wir uns natürlich weder einschüchtern, noch den Spaß verderben. Das Ziel: nicht gewinnen, aber ein Held werden – und bloß nicht von einem der mitlaufenden Schüler überholt werden. Denn letzteres würde meine Vision vom strahlenden und gefeierten Läufer doch arg behindern. Etwas überraschend folgte dann der Startschuss.

Bienchen und Blümchen beim 2,5km-Lauf

Fast nicht erkannt: Statistiker beim Campuslauf. Foto: Anna Hückelheim

Aufgeschreckt wie ein Bienenschwarm rannten wir los. „Ach, so anstrengend ist das ja alles gar nicht“, dachte ich mir. Als ich dann anfing, Bienchen und Blümchen zu sehen, machte ich mir kurzweilig Sorgen um den Zustand meines Herzkreislaufssystems – aber es waren nur die inkognito laufenden Statistiker. Was da hilft: schneller laufen – es ging ja eh gerade bergab. Doch man bedenke: Wenn es bergab geht, geht es irgendwann auch wieder bergauf – die Otto-Hahn-Straße hinauf. Ein Nicht-Laufstrecken-Kenner wie ich empfand die Steigung  als endlos. Als dann endlich das Uni-Gelände wieder erkennbar wurde, durchströmte mich auch gleich wieder ein neuer Motivationsschub: „Ach, so weit kann es doch gar nicht sein!“

Wo ist denn nur die Ziellinie?

Dann die Zielgerade, die Menge jubelt, die Fans kreischen, ich sprinte. Neben mir Anna. „Ach, die pack ich“, dachte ich mir und ab ging es. Eine letzte Rampe hinunter und dann… Gerade wollte ich zum Jubel ansetzen (denn meine Kontrahentin hatte ich erfolgreich hinter mir gelassen) und die Arme theatralisch hochwerfen, da fiel es mir auf: Wo war die Ziellinie? Verdattert wurde ich langsamer, musste quasi zum „Geher“ mutieren, da mich jetzt auch noch fiese Seitenstiche quälten: Oh nein, es geht doch noch weiter.

Während sich das Feld meiner Gefährtinnen drastisch verkleinert hatte, blieb mir nur noch Mareike, die ebenso keuchend wie ich nur noch intuitiv ins tatsächliche Ziel taumelte. Eine Kurve, dann noch eine und endlich: Da war es, das richtige Ziel: Nichts konnte mich mehr aufhalten, ich sammelte meine letzten Kräfte – ja, wir reden hier immer noch von einem 2,5-km-Lauf – und legte los. Kurz vor dem Ziel überholte ich noch zwei Männer im Kettenhemd und zwei Frauen, die wie ich um jeden Meter kämpften. Wuhu! Okay, die 30 Teilnehmerinnen, die vor mir ins Ziel kamen, waren noch größere Helden des Sports, aber ein innerer Triumphzug war es in jedem Fall. Alle meine Kolleginnen und ich erreichten das Ziel, überlebten den Lauf, aßen Bananen und tranken klares Wasser – was eine Sause.

Der gute Vorsatz für das nächste Jahr: 5 Kilometer. Eine Mitstreiterin habe ich schon. Ob ich dafür noch einmal so viele Gefährtinnen gewinnen kann, wage ich aber zu bezweifeln.

Anna Hückelheim: Einmal und nie wieder

Campuslauf – 2,5 Kilometer für die pflichtlektüre. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich bin nicht unsportlich, regelmäßiger Gast im Fitnessstudio, aber eben kein Läufer. Doch 2,5 Kilometer schienen auch bei mir im Bereich des Möglichen zu liegen und so hatte ich mich wider besseren Wissens von meinen lieben Kollegen zum Lauf überreden lassen – ein Fehler.

Anni Gumpert und Mareike Maack vor dem 2,5km-Lauf

Noch gut gelaunt: Anni und Mareike vor dem Start. Foto: Melanie Meyer

Kurz vor dem Startpfiff war noch alles in Ordnung. Ich fühlte mich einigermaßen fit und meine Motivation wurde durch die gute Laune meiner Mitläuferin Anni zumindest aus dem Keller gehoben. Dann ertönte plötzlich das Startsignal und die Masse von Sportlern setzte sich in Bewegung. Bereits auf den ersten Metern bemerkte ich, dass ein Großteil der Teilnehmer nicht nur einfach irgendwie ins Ziel kommen wollte – so wie ich – sondern den Sieg vor Augen hatte. Kurz gesagt: Ich wurde direkt am Anfang erst einmal nach hinten durchgereicht. Zum Glück hatten wir uns als pflichtlektüre-Gruppe vorgenommen, eher ruhiger an den Lauf zu heranzugehen und nicht sofort durchzustarten.

Kein Ende in Sicht

Zunächst schien es, als wäre die Teilnahme gar keine so schlechte Idee gewesen. Das gemeinsame Laufen im Team machte sogar beinahe Spaß. Bis wir die Otto-Hahn-Straße erreichten und damit die erste Steigung. Von da an konzentrierte ich mich nur noch auf die richtige Atemtatktik. Doch leider ohne Erfolg, bereits nach einem Kilometer spürte ich fiese Seitenstiche. Aufgeben wollte ich aber nicht. Schließlich liefen meine Freunde auch weiter und mein Ego ließ es nicht zu, das Tempo zu drosseln und zurückzufallen. Derart angespornt lief ich also weiter und weiter und weiter. Im Endeffekt muss ich zugeben, dass ich nie gedacht hätte, dass 2,5 Kilometer so lang sein können. So war es aus jetziger Sicht auch nicht verwunderlich, dass meine Mitläuferin Melanie und ich dachten, dass wir bereits am Ziel angekommen waren, als wir wieder auf den Martin-Schmeißer-Platz liefen. Die Menge tobte, feuerte uns Läufer an. Melanie startete zum Sprint. Ich dachte nur „Du läufst mir nicht davon“ und setzte nach. Ich mobilisierte meine letzten Kraftreserven, zog mein Tempo noch einmal an und meinte, beinahe über den Asphalt zu fliegen. Ich hatte sie fast erreicht, als sie ihre Geschwindigkeit noch zu verdoppeln schien und mich letztlich hinter sich ließ.

campuslauf4_online

Beim nächsten Mal lieber nur zuschauen: pflichtlektüre-Reporterin Anna Hückelheim beim Campuslauf-Selbsttest.

Doch das war mir egal. Ich war endlich im Ziel – dachte ich zumindest. Aber wo war denn verdammt noch mal die Ziellinie? Hätte ich sie nicht schon kängst überqueren müssen? Verwirrt schaute ich zurück. Da war keine Linie und auch Melanie vor mir schien nicht recht zu wissen, ob wir nun fertig waren oder nicht. Auf einmal drehte sie sich um und rief, dass wir noch die komplette Runde an der Fachhochschule vorbeilaufen müssen. Ein Schock. Ich hatte schon all meine verbliebene Energie in den kleinen Zweikampf mit Melanie gesteckt. Es konnte jetzt nicht weitergehen. Aber genau das war der Fall.

Endlich im Ziel

Zunächst versuchte ich noch mit Melanie weiterzulaufen. Bald jedoch waren meine Seitenstiche derart stark, dass ich nicht mehr mithalten konnte. Meine Lunge gewann dann schließlich auch den Kampf gegen mein Ego und ich musste mich zurückfallen lassen und gehen. Tief und gierig atmete ich die kühle Abendluft ein. Ich wünschte mir ein Sauerstoffzelt und die Ziellinie – beides war leider nicht in Sicht. Nach mehreren Metern fühlte ich mich dann wieder fit genug, um den Rest der Strecke noch laufen zu können. Als ich das Ende der Strecke erblickte, war ich unendlich froh. Nicht mehr in der Lage auch nur annähernd einen Sprint hinzulegen, taumelte ich durchs Ziel. Ich hatte es geschafft! 2,5 Kilometer waren bezwungen, ich war sogar auf Platz 41 gelaufen und ich lebte noch – auch ohne Sauerstoffzelt. Nach reichlich Apfelschorle und etwas Obst fühlte ich mich dann beinahe wieder wie ein Mensch.

Nächstes Jahr bin ich auch wieder dabei – doch dann wahrscheinlich nur noch als Zuschauer.