Ein verkappter Frühling

Dortmund. Er ist also vorbei: Der Winter 2011/2012. Kalendarisch ist jetzt Frühling. Trotz einer eisigen ersten Februarhälfte fiel die „kalte Jahreszeit“ dieses Mal sehr, sehr mild aus. Besonders im Westen Deutschlands war von Eis und Schnee nicht viel zu sehen.

Es war schon ein klägliches Bild, das man in den meisten großen Einkaufshäusern erblicken konnte. Meist in der Haus- und Gartenabteilung, später dann auch als Blickfang direkt an der Kasse. Die Rede ist von Schneeschaufeln und -schiebern aus den verschiedensten Materialien. Aus Holz, aus Plastik oder aus Metall. Doch eines hatten alle gemeinsam: die sich immer wieder ändernde Etikettierung. Aus „nur 49,99 €“ wurden nach einer Weile „spottbillige 34,99 €“. Diese wurden einige Zeit später mit einem roten Filzstift durchgestrichen und durch ein schlichtes, aber aufdringlich dick gedrucktes „19,99 €“ ersetzt. Und Ende Februar schien schließlich alle Zuversicht dahin: „Zwei zum Preis von einer“. Man hatte beinahe Mitleid.

Die Dortmunder Innenstadt zwei Tage vor Heiligabend. Das Wetter ist trist, grau und wenig winterlich. Foto: Martin Schmitz

Die Dortmunder Innenstadt zwei Tage vor Heiligabend. Das Wetter ist trist, grau und wenig winterlich. Foto: Martin Schmitz

Dies war eine sehr markante Auswirkung des letzten Winters. Einem Winter, der lange Zeit kaum zu spüren war. Doch was bedeuteten der fehlende Schnee und die recht milden Temperaturen für uns im Ruhrgebiet? Wer hat den Schnee vermisst und wem war das Fernbleiben ganz recht?

2011 unter den Top 5 der wärmsten Jahre

„2011 war das Jahr der Wetterextreme. Es hat uns einen Vorgeschmack gegeben auf das was uns in den nächsten Jahrzehnten erwartet“, fasst Diplom-Meteorologe Dominik Jung von wetter.net zusammen. Tatsächlich schaffte es 2011 in die Top 5 der wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auch der Winterbeginn im Dezember gestaltete sich äußerst mild. Erst Ende Januar sorgten Hochdruckgebiete aus Sibirien für frostige Kälte, die sich noch den halben Februar hielt. Während der Süden Deutschlands nahezu im Schnee versank, wartete man im Ruhrgebiet aber weiter erfolglos auf weiße Flocken. Die letzten Winterwochen knüpften an den sehr milden Beginn an und vermittelten im Westen eher den Eindruck eines vorgezogenen Frühlings.

Hatten in diesem Winter relativ wenig zu tun: Die Winterdienste im Ruhrgebiet. Foto: Robert Köhn/pixelio.de

Hatten in diesem Winter relativ wenig zu tun: Die Winterdienste im Ruhrgebiet. Foto: Robert Köhn/pixelio.de

Ein allgemeines Aufatmen fand vor allem bei den örtlichen Winterdiensten im Ruhrgebiet statt. Nach den teils sehr stressigen und arbeitsreichen Vorjahren, gab es in diesem Winter vergleichsweise wenig zu tun (siehe Tabelle unten). Die Umweltservice Bochum GmbH, die für den Winterdienst in Bochum zuständig ist, hatte in dieser Saison beispielsweise nur acht Diensttage zu absolvieren. Im Letzten Winter waren es noch 27. Auch Streugutmangel war in diesem Winter kein Thema. Zwar wurden in allen Städten, aufgrund der problematischen Vorjahre, die Lagerbestände deutlich aufgestockt. Doch dies wäre gar nicht nötig gewesen. Bettina Hellenkamp von den Entsorgungsbetrieben in Essen: „Das war uns ganz willkommen nach dem Stress der letzten beiden Jahre.“

Große Einbußen in der Textilindustrie

Der große Verlierer dieses Winters war wohl die Textilindustrie. Das bestätigt Andreas Peppel vom Einzelhandelsverband Westfalen-Münsterland e.V.: „Die hatten natürlich besonders mit diesem atypischen Winter zu kämpfen. Wenn es nicht kalt wird, kauft man sich eben auch keine warme Kleidung.“ Die Wintersaison im Textilbereich litt laut Newsletter der Einzelhandelsverbände bundesweit massiv unter den Witterungsverhältnissen. Vor allem der Absatz von Winterschuhen blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Und die Einbußen der Branche wurden auch am Ende des Winters nicht geringer. Für den gesamten Februar ermittelte die Textilwirtschaft – trotz eines schaltjahresbedingten zusätzlichen Verkaufstages – ein Umsatzminus von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Trotz der äußerst milden Temperaturen ein Erfolg: Essen on Ice 2012. Foto: Martin Schmitz

Trotz der äußerst milden Temperaturen ein Erfolg: Essen on Ice 2012. Foto: Martin Schmitz

Zufrieden mit dem besonderen Winter zeigten sich auch die Veranstalter von „Essen on Ice“. Vom 13. Januar bis zum 4. März lockte erneut eine kleine Winterlandschaft viele Besucher auf den Kennedyplatz. Eine 1.000 qm große Eisbahn, eine 14 m hohe Rodelbahn und eine gemütliche Skihütte mit Platz für 200 Personen lockten zahlreiche Besucher an und vermittelten zumindest ein wenig Wintergefühl mitten im Ruhrgebiet. Uwe Draber, Geschäftsführer der zuständigen Bergmann Eventgastronomie, zog ein durchweg positives Fazit. Trotz des milden Winters? „Nein, gerade deswegen!“, betont er. „Im letzten Jahr hat es die ganze Zeit geschneit oder auch geregnet. Das war kein großer Spaß.“ In diesem Jahr war es dafür sehr trocken und somit angenehm. „Die Temperatur spielt dabei keine große Rolle, bis zu Plus zehn Grad sind gar kein Problem. Hauptsache das Wetter ist gut.“ Und die Zahlen geben ihm Recht. Bei der 13. Auflage dieser Veranstaltung wurde ein neuer Besucherrekord aufgestellt. Rund 100.000 Besucher verzeichnete die Essener Marketing GmbH (EMG).

Es bleibt zu hoffen, dass auch dem verkappten, nun ein echter Frühling wird. Die Meteorologen sind in dieser Beziehung sehr zuversichtlich. Auf einige sonnige Tage!

Eine Übersicht zu den Winterdiensten im Ruhrgebiet im Winter 2011/12

Bochum Essen Dortmund Duisburg
Genutztes Streugut im Winter 2011/12 400t 739t und
246.000 Liter Salzgemisch mit Sole
612t und17,5t abstumpfende Mittel „Fast nichts“
erster/letzter Tag des Winterdienstes 20.12.2011 / 20.02.2012 19.12.2011 / 17.02.2012 19.12.2011 / 20.02.2012
Arbeitstage insgesamt (Ohne Kontrollfahrten) 8 voll 2 voll 25 (davon 4 voll) „sehr wenige“
Streugut-Lagerbestände vor dem Winter (+ Vergleich zum Winter 10/11) 3.000t + 1.000t auf Abruf 6.000t (aufgestockt, im vorherigen Winter standen 1.200t zur Verfügung) 5.000t (aufgestockt, im vorherigen Winter standen 2.600t zur Verfügung) 11.000t
Genutztes Streugut im Winter 10/11 4250t (Lagerbestand reichte nicht aus) 4.500t (Lagerbestand reichte nicht aus) ca. 5.000t (Lagerbestand reichte nicht aus) 6.600t
Straßenkilometer im Bereich des Winterdienstes (verschiedene Dringlichkeitsstufen) 1.240 km 971 km 1.086 km 1.126 km
Fazit Dieser Winter zog sich über einen längeren Zeitraum. Allerdings war unsere USB-Mannschaft im Winter davor mehr als drei Mal so oft auf den Straßen unterwegs. Ein unter- durchschnittlicher Winter. Aber das war uns ganz willkommen, da der Winterdienst einen Zuschlag auf die normale Arbeitszeit darstellt. Ein sehr milder Winter. In den letzten 15 Jahren fielen nur in einem Winter (06/07) weniger Arbeitstage an. Der letzte Winter war wirklich gar nichts. Gar kein Vergleich zu den zwei Jahren davor.