Der Irre hinter „Fear and Loathing in Las Vegas“ – Ein Nachruf auf Hunter S. Thompson

flickr.com Gustavo/Medde 

Ruhelos, bizarr, genial: Heute vor zehn Jahren starb Hunter S. Thompson. Der Journalist und Autor gilt als Ikone des Gonzo-Journalismus und revolutionierte mit seinen Reportagen die amerikanische Presse. Bekannt wurde er durch Werke wie „Fear and Loathing in Las Vegas“. Das turbulente Leben des „Dr. Gonzo“ in einer Retrospektive. 

Dass er selbst über sein Lebensende entscheiden würde, war zu erwarten, verbrachte er doch meiste Zeit damit, der Normalität zu entfliehen. Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Hunter Struckton Thompson brauchte dafür vor allem gute Geschichten und alles, was ihn in Fahrt brachte. So hatte „der beste Schriftsteller unter Amerikas Journalisten und beste Journalist unter den Schriftstellern“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) nicht nur eine Vorliebe für Motorräder und Waffen, sondern auch einen Hang zu Alkohol und Drogen.

Als er sich am 20. Februar 2005 in seinem Haus in Colorado das Leben nahm, muss er dies „im richtigen Moment“ getan haben. Schon oft hatte er vorher gegenüber seiner Familie und Freunden von Selbstmord gesprochen. Diese Vorstellung gehörte zu ihm – genau wie der Wunsch, seine Asche möge mit einer Kanone in den Himmel geschossen werden. Sein Freund Johnny Depp, der in der Verfilmung eines seiner berühmtesten Werke, „Fear in Loathing in Las Vegas“ (1972) Hunter S. Thompson spielte, erfüllte ihm diesen letzten Wunsch und setzte auf Thompson’s Trauerfeier die Zündschnur in Brand. Der letzte große Knall des exzentrischen Kult-Autors sollte in Erinnerung bleiben – wie so manches, wofür er stand. 

Mit seiner unermüdlichen Disziplin und dem Ehrgeiz, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seines Landes zu entlarven, verschrieb sich der 1937 in Louisville, Kentucky geborene Thompson in den 60er-Jahren dem „New Journalism“, einer Stilrichtung, die die amerikanische Presse revolutionierte. Hierbei konstruiert der Autor durch die Abfolge einzelner Szenen, der Beschreibung ihrer Einzelheiten und der detailgetreuen Wiedergabe von Dialogen ein möglichst realistisches Bild vom Geschehen. Eine Berichterstattung also, die sich wie ein Roman lesen soll.

Gonzo ist ausschweifender Journalismus, ist exzessiver Lebensstil

Berühmt wurde Hunter S. Thompson als Pionier des Gonzo-Journalismus (von gonzagas, ital. für verrückt). Dabei wurde der selbsternannte Dr. Gonzo regelmäßig selbst zu einem lebendigen Teil seiner Geschichten. Er schrieb nicht nur über das Geschehen, sondern mischte sich unter dessen Akteure. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, handelndem Subjekt und Autor verschwommen. So fuhr er zum Beispiel Mitte der 60er-Jahre ein Jahr lang mit der berüchtigten Motorradgang Hells Angels durch Kalifornien und verarbeitete seine Erlebnisse in seinem ersten wichtigen Werk „Hells Angels – A Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs“ (1966). Die brutalen Schreckensgeschichten, die von der amerikanischen Presse über sie berichtet wurden, hielt er für einseitig. „Dieser Bericht [der New York Times] war ein wildes Gemisch aus Tatsachen und blankem Unsinn“ (aus „Hells Angels“). Jedem, der ihm vorhielt, dass dadurch die nötige journalistische Distanz verloren ginge, entgegnete er, dass „Gonzo“ eine neue Stilrichtung sei.

Seine Vorliebe für das Schreiben entdeckte der junge Hunter schon früh: Mit zehn Jahren gab er seine erste Zeitung heraus und trat während seiner Schulzeit einem elitären Literaturclub bei. Doch schnell war klar, dass das spätere Enfant Terrible des Journalismus keine traditionelle Schriftsteller-Karriere machen würde.

Establishment-Rebellion auf der Schreibmaschine

Vielmehr wollte er ein schonungslos realistisches Bild der amerikanischen Verhältnisse zeichnen. Der Hippie unter den Schriftstellern stellte sich gegen die festgefahrene Moral der Älteren, kritisierte den Militäreinsatz in Vietnam und half beim Niedergang Richard Nixons mit („Er war ein Betrüger“). Zuerst hauptsächlich als Sportjournalist tätig, machte später durch seine gesellschaftskritischen Reportagen das Rolling Stone Magazine bekannt.

Die „Gonzo-Faust“ ist das Symbol, das für den von Hunter entwickelten Stil des Gonzo-Journalismus kreiert wurde. (Foto: flickr.com/Gwendal Uguen)

 

Was aber macht eine Gonzo-Reportage aus? Würde man Hunter S. Thompson heute um ein posthumes Statement bitten, bräuchte es dafür – wie in seinem Buch „Der Fluch des Lono“ beschrieben – sicherlich einen exotischen Auftrag („Wir möchten, dass Sie für uns über den Honolulu-Marathon schreiben“, Paul Perry vom Running Magazine an Hunter S. Thompson), eine gehörige Portion Reporter-Ehrgeiz („Wir werden uns wie menschliche Torpedos aus den Startblöcken katapultieren und den Charakter dieser Laufsportart total verändern“, aus „Der Fluch des Lono“) und den Willen, die Berichterstattung über den Auftrag hinaus zu betreiben („Ran an die Rätsel. Und zwar sofort. Alles, was sich durch die Eruptionen aus den Tiefen des Pazifiks selbst erschaffen kann, ist näherer Betrachtung wert.“, aus „Der Fluch des Lono“). Durch seine Texte, in die er mit impulsiven und drastischen Worten seine unverhohlene Weltsicht steckte, bleibt Thompson bis heute lebendig.

Wenige Tage vor seinem Selbstmord schrieb er:

Keine Spiele mehr. Keine Bomben mehr. Kein Laufen mehr. […] Kein Spaß – für niemanden. 67. Du wirst gierig. Benimm dich deinem hohen Alter entsprechend. Entspann` dich – dies wird nicht wehtun

Den Schlussstrich zog der von seinem exzessiven Lebensstil gezeichnete Thompson selbst. Ein Ruheloser, dem buchstäblich die Luft ausgegangen war.

Hunter S. Thompson's 20 bekannteste Artikel
http://tetw.org/Hunter_S._Thompson

 

Beitragsbild: flickr.com/Gustavo Medde 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.