Lesen im Kollektiv

Gerade zur kältesten Jahreszeit ist es doch richtig schön in der warmen Wohnung zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen. Das macht man in der Regel alleine, und mit jemandem über das Buch diskutieren geht zumeist schlecht, weil die Freunde entweder was anderes lesen oder es gleich sein lassen. Das könnte sich aber in der Zukunft grundlegend ändern, denn mit dem „Social Reading“ wird nun auch das Lesen auf das Web 2.0 getrimmt. Über unterschiedliche Plattformen kommen so Leser aus der ganzen Welt zusammen, um in einem digitalen Leseclub über ihre Lieblingsbücher zu diskutieren. Für viele Leser und Verlage eine klassische Win-Win-Situation.

Mittlerweile gibt es viele verschiedene Plattformen für das Social Reading. Zum Beispiel reading life, Copia oder auch Readmill. Readmill ist erst vergangenen Dezember gestartet und hat seitdem schon etwas mehr als 10.000 neue Nutzer gewinnen können. „Das ist in den USA allerdings noch deutlich weiter verbreitet“, erklärt Marco Verhülsdonk, Onlinechef des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch.

Bei der Plattform Readmill liest man in der Gemeinschaft. Ein großer Nachteil: Es funktioiniert nur auf dem iPad. Foto: Thomas Borgböhmer.

Bei der Plattform Readmill liest man in der Gemeinschaft. Ein großer Nachteil: Es funktioniert bisher nur auf dem iPad. Foto: Thomas Borgböhmer.

Das liegt hauptsächlich daran, dass die Bekanntheit von E-Books in den USA schon deutlich höher ist. Die „Gesellschaft für Konsumforschung“ (GfK) hat in Zusammenarbeit mit Thalia eine E-Book-Statistik für Deutschland veröffentlicht: Demnach sollen die Verkäufe von den kleinen, digitalen Büchern von 830.000 in 2009 auf 7,03 Millionen in 2012 steigen.

„Das Potenzial ist in Deutschland vorhanden“, meint auch deswegen Verhülsdonk. Und das womöglich bei einer Zielgruppe ganz besonders. „Ich glaube, dass angesichts gewisser Affinitäten gerade eher jüngere Leser sich für Social-Reading-Tools interessieren und das dann in ihre sozialen Netzwerke einspeisen. Aber prinzipiell kann Social Reading eine Sache für jedermann sein.“

Aus alt mach‘ neu

Denn das Prinzip von Social Reading ist einfach. Es funktioniert wie bei einem sozialen Netzwerk á la Facebook: Man meldet sich kostenlos an und schon geht es los. Bei den Social-Reading-Plattformen kauft der Leser seine Bücher und kommt so direkt in die Diskussion mit anderen Lesern. „Eigentlich kennt man Social Reading aus früheren Zeiten unter Leserunden oder Lesezirkeln“, sagt Verhülsdonk. Doch nach und nach sind diese Leserunden so gut wie verschwunden und tauchen nun online wieder auf.

Beim Social Reading könnte man auf dieser Seite zum Beispiel Sätze markieren und sofort kommentieren. Foto:flickr.com/gillyberlin.

Beim Social Reading könnte man auf dieser Seite zum Beispiel Sätze markieren und sofort kommentieren. Foto:flickr.com/gillyberlin.

Zunächst starteten Verlage verschiedene Online-Tagebücher zu wirklich großen Bestseller-Büchern. Dort konnte man dann mit anderen Lesern bestimmte Textstellen diskutieren. Mit der neuen Generation von E-Book-Readern und Tablet-PCs versuchen die Entwickler nun, das soziale Lesen überall möglich zu machen. Damit können Leser schnell und gezielt in die Diskussion kommen. „Das Digitale hat die Vorteile, dass man sehr schnell Kommentare abgeben kann“, erklärt Markus Klose. Er ist Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb beim Hoffmann und Campe Verlag. „Außerdem kann der Leser Markierungen von Textstellen vornehmen und die direkt anderen zugänglich machen.“ Ein weiterer Vorteil ist, dass der Leser durch die Geräte jederzeit und überall Kommentare abgeben kann. Zusätzlich sieht der Leser bei seinen Freunden, was diese gerade lesen, wie schnell sie lesen und wie häufig.

Neues Marketing für Verlage

Interessant könnte Social Reading besonders für die Verlage werden. Denn wie bei anderen sozialen Netzwerken, wird auch hier der Nutzer transparent  ─  vom gläsernen Leser wird häufig gesprochen. Auf Plattformen wie „Readmill“ werden die Lesegewohnheiten des Lesers offengelegt: Was liest er? Was gefällt ihm und was nicht? Und welche Bücher empfiehlt er anderen Nutzern?

Eine andere Funktion: Der Leser wird zum Meinungsmacher. „Wir haben einfach in der Vergangenheit als einzige Chance der Pressearbeit gehabt, dass die Kritiker der übergroßen Tageszeitungen und Zeitschriften unsere Bücher vorgestellt haben“, erklärt Klose. „Jetzt gibt es viele Menschen, die bereit sind ihre Meinung im Internet zu platzieren, also zu erzählen, was ihre Eindrücke waren.“

Oder die Verlage arbeiten direkt mit den Plattformen zusammen und so können diese individuell angepasste Werbungen für jeden Leser schalten. „So funktioniert es im Internet und beim Online-Marketing“, bestätigt Verhülsdonk. „Wenn man sich dort anmeldet, muss jeder damit rechnen, dass die eigenen Lesegewohnheiten bekannt werden.“ Da sich jeder aber freiwillig anmeldet, muss sich der Leser darauf einstellen. Außerdem wollen die Vielleser beispielsweise neue Buchtipps und Vorschläge haben.

Markus Klose ist Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe. Gegründet wurde der Verlag bereits 1781. Foto:privat.

Markus Klose ist Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe. Gegründet wurde der Verlag bereits 1781. Foto:privat.

Die Zukunft des Lesens?

Es stellt sich hier natürlich die Frage, inwieweit sowas von den Leuten angenommen wird. Wer sich die Geschichte von Facebook ansieht, kann erahnen zu welcher Popularität soziale Netzwerke kommen können ─ und auch Facebook hat klein angefangen. Ob der Trend Social Reading ein ähnliches Phänomen werden kann, ist momentan noch nicht einzuschätzen. „Ich weiß nicht, wie das Lesen in zehn, fünfzehn Jahren aussieht“, sagt Klose. „Es gibt auch Menschen, die sich beim Lesen nicht austauschen wollen, die Lesen schon immer als Einzelbeschäftigung gesehen haben.“

Verhülsdonk glaubt, dass sich das Social Reading noch verbreiten werde, allerdings könne es auch noch viele Neuerungen geben. „Das Social Reading wird auf jeden Fall ein starker Faktor sein“, betont er. „Es passt perfekt zum Empfehlungsbedürfnis der Leute und Web 2.0 heißt nichts anderes, als sich mit anderen auszutauschen und Empfehlungen abzugeben.“

Social Reading ist definitiv ein interessanter Trend: Vor allem für Leute, die häufig den Drang haben mit anderen über Bücher zu sprechen, aber sonst niemanden finden. Wenn man ohnehin gegen das elektronische Lesen ist und lieber ein Taschenbuch in der Hand hält, sollte man vom Social Reading lieber die Finger lassen.

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