Zum Mars und nicht zurück

Wenn die kleine Kapsel sich endlich öffnet und er seinen Fuß zwischen Felsen und Gesteinsbrocken auf den rötlichen Sand setzt, dann hat Denis Newiak es geschafft: Der erste Schritt auf seiner Mission ist geglückt. Der Student will als einer der ersten Menschen den Mars erreichen und dauerhaft auf dem fernen Planeten leben. Möglich machen soll dies die umstrittene, privatwirtschaftliche Mars-Mission „Mars One“. Ein Traum, für den der Student sein irdisches Leben aufgeben müsste, denn die Rückkehr zur Erde wäre ausgeschlossen.

Wer von Denis‘ Mission erfährt, wird im ersten Moment wohl den Kopf schütteln, ihn als verrückt oder realitätsfern abstempeln. Doch Denis Newiak wirkt keinesfalls so, als hätte er sich spaßeshalber oder aus einer Laune heraus für die Mission „Mars One“ entschieden. Der 25- jährige Student ist informiert, vielfältig interessiert, er hinterfragt. Vor allem scheint er aber überzeugt von dem Projekt zu sein.

Denis Newiak

Denis Newiak hat es sich gut überlegt: Er will für immer auf dem Mars leben. Foto: privat Teaserbild: Dieter Schütz/pixelio.de

 

Das Projekt, das ihn auf den roten Planeten bringen soll, heißt „Mars One“. Dahinter steht eine private Stiftung aus den Niederlanden. 2024 will sie den ersten bemannten Flug zum Mars wagen. Ziel ist es auf dem Planeten eine ganze Siedlung aufzubauen. Das hat nicht nur Denis angesprochen. Über 200 000 Bewerber aus der ganzen Welt haben sich für dieses Projekt gemeldet. Vor wenigen Wochen hatte „Mars One“ daraus erst einmal 1058 ausgewählt. Letztlich sollen 24 Kandidaten die siebenmonatige Reise antreten dürfen. Der Haken: Eine Rückkehr zur Erde wäre ausgeschlossen. Zum einen sollen die Teilnehmer auf dem fernen Planeten bleiben, um eine Kolonie gründen zu können. Zum anderen wäre der Bau einer Startrampe für den Organisator zu aufwendig und zu teuer. Die teure Mars-Reise soll indes durch den weltweiten Verkauf von TV-Übertragungsrechten mitfinanziert werden. 

„Es soll ein Vorzeigeprojekt werden.“

Denis Newiak hat es unter die letzten 1058 Kandidaten geschafft. Der Potsdamer studiert in Berlin Filmwissenschaft im Master. Er hat eine Ausbildung zum Einsatzsanitäter beim DLRG gemacht, gibt Tanzstunden, spielt Klavier und ist Mitglied der SPD. Perspektivlos scheint er also nicht zu sein. Kaum vorstellbar, dass er sein altes Leben einfach so hinter sich lassen will. Ist er etwa unglücklich? „Ich bin nicht individuell unglücklich, aber wenn ich um mich herum schaue, dann sehe ich viele Probleme. Es gibt nur wenige auf der Welt, die profitieren. Es gibt Ausbeutung und Umweltzerstörung. Auf dem Mars können wir ein Alternativkonzept einer Gesellschaft entwerfen und dann können wir den Begriff von Glück ganz neu definieren“, sagt Denis Newiak. 

Vieles, was in unserer Gesellschaft selbstverständlich geworden sei, gewinne wieder an Bedeutung. „Wir müssen uns dort komplett selbst versorgen und zum Beispiel Pflanzen anbauen. Da können wir nicht eben mal die Pizza-Hotline anrufen. Nur wenn wir uns aufeinander verlassen, können wir auch überleben.“ Auch wenn Denis Newiak der Erde den Rücken kehren möchte, den Glauben in sie hat er noch nicht verloren. „Es soll ein Vorzeigeprojekt werden. Es würde mich glücklich machen, damit eine Botschaft für das Leben auf der Erde zu setzen. Dabei steht eine große Gemeinschaft im Mittelpunkt, die zusammen wirtschaftet. Und dafür brauchen wir keinen Reichtum.“

 

Raumfahrtexperten halten Projekt für unseriös, unrealistisch und unmoralisch

Rupert Gerzer

Rupert Gerzer sieht das Mars-Projekt kritisch. Foto: privat

In der Öffentlichkeit ist dieses Projekt nicht unumstritten. Professor Dr. Rupert Gerzer, Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft-und Raumfahrt (DLR), sagt, dass er „Mars One“ für äußerst unseriös halte. „In zehn Jahren ist dieses Projekt technologisch nicht zu realisieren. Das ist ein großer Blödsinn, ein Werbe-Gag. Es bringt die Raumfahrt in ein schiefes Licht.“ Um das Projekt zu finanzieren ist die Stiftung auf Spendengelder und auf eine große Medieninszenierung angewiesen. So sollen die letzten 24 Teilnehmer in einer Fernsehshow per Zuschauervoting ausgesucht werden. Auch vom Mars selbst soll es permanent Videos mit den Teilnehmern und ihren Erlebnissen geben. Ist das Ganze also nur ein zweites Big Brother? Mit ebenso streitenden, übellaunigen Kandidaten? Und statt einem einfachen Container bekommen die Zuschauer eine ziemlich außergewöhnliche Kulisse geboten? Nein, sagt Denis Newiak. Es sei viel mehr als das. „Natürlich ist so eine Vermarktung immer kritisch zu sehen und ich beobachte auch die Kommerzialisierung. Aber letztlich geht es darum Geld zu bekommen, das diese Mission möglich macht. Es geht nicht darum sich daran zu belustigen, wie andere Menschen scheitern. Wir machen eine große Gemeinschaft partizipierbar. Wir stehen in einem Austausch mit den Menschen auf der Erde und sie können so an unseren wissenschaftlichen Experimenten teilhaben.“

Die Tatsache, dass ein Rückflug unmöglich ist, findet Prof. Dr. Rupert Gerzer moralisch unverantwortlich. „Das Strahlenrisiko ist auf dem Planeten extrem hoch. Bevor dieses zu groß wird, müssen die Menschen eigentlich wieder zurückgeholt werden. Ansonsten steigt die Krebsgefahr massiv an, sodass so eine Mission letztlich nichts anderes als ein geplanter Selbstmord ist.“

„Ich habe Respekt vor dem Projekt, aber keine Ängste.“

Denis Newiak lässt sich von seinem Plan jedoch nicht so schnell abbringen. Er selbst habe die Mission mehrmals kritisch hinterfragt, sie geprüft und dazu Astrophysiker befragt. „Zweifel werfen für mich wieder neue Fragen auf, denen ich nachgehe. Ich habe Respekt vor dem Projekt, aber keine Ängste. Ich ängstige mich eher vor Entwicklungen auf der Erde.“ Anfängliche Skepsis aus seinem Umfeld kann er nachvollziehen. „Das klingt vielleicht schon nach einem Science-Fiction-Film. Wer sich aber damit beschäftigt, merkt, dass es in greifbare Nähe rückt. Für mich ist das kein Abenteuer. Die kann ich auch auf der Erde haben. Es geht um die Wissenschaft.“

NASA-Rover "Curiosity" - Foto: NASA

Vorstufe einer bemannten Mars-Reise: Seit 2012 sorgt der NASA-Rover „Curiosity“ für viele neue Eindrücke vom Mars. Foto: NASA/JPL-Caltech

Denis scheint gefestigt in seiner Meinung und willensstark. Momentan ist er Single. Doch was ist, wenn er in einigen Jahren seine Traumfrau trifft? Kann er sich dann immer noch so einfach trennen? „Diese Frage stellt sich für mich nicht. Wenn ich mich auf die Mission einlasse, dann voll und ganz. Sie hat Priorität.“ Für andere in seinem Alter ist es wohl kaum vorstellbar Freunde und Familie zurückzulassen und mit ihnen höchstens noch per Video zu kommunizieren. Gerade als Student steht er mitten im Leben, hat viele soziale Beziehungen. Und lässt man als Eltern seinen Sohn einfach so ziehen? „Ich habe von Anfang an offen mit meinen Eltern gesprochen. Es wird für sie schmerzhaft, aber sie haben mir versprochen mich zu unterstützen.“ Sind ihm seine Liebsten denn bedeutungslos? Keinesfalls, sagt Newiak. Für die Mission müsse er nur seinen eigenen Egoismus hinten anstellen und eine Trennung in Kauf nehmen. „Das ist sicher eine unromantische Lebensweise, aber ich hänge so sehr an den Menschen, dass ich ihnen mehr geben will als ich mit meiner Existenz auf der Erde leisten kann.“

Raumfahrtexperte hat Zweifel an dem Zeitplan

Dass es eines Tages den Flug zum Mars geben wird, davon ist auch Prof. Dr. Rupert Gerzer überzeugt. Er schätzt, dass dafür noch 30 bis 50 Jahre nötig sind. Und über Kolonisierung könne man seriös in über 100 Jahren reden. 2025 gebe es bestimmt noch keine Menschen auf dem roten Planeten, die dauerhaft bleiben. „,Mars One“ werde aus Kosten- und aus technischen Gründen immer wieder verschoben, glaubt der Experte. Denis Newiak hingegen schätzt den Zeitplan hingegen für realistisch ein. „Wir haben jetzt die Chance. Also sollten wir es so schnell wie möglich tun.“

„Noch drei, noch zwei, noch eins…“ Sollte Denis irgendwann den Countdown zum Abflug herunterzählen können, dann hat er es tatsächlich unter die Top 40 geschafft. Das ist sein derzeitig größter Wunsch. So macht sich Denis bereits Gedanken über die letzten Stunden, Minuten, ja sogar Sekunden auf Erden.Bei der Frage, wie er seinen letzten Tag auf der Erde erleben möchte, wenn er denn fliegen sollte, ist er sich absolut sicher: „Der letzte Tag gehört, den Menschen, mit denen ich mein Leben geteilt habe. Und da müssen auch Tränen fließen, sonst bin ich nicht Mensch genug.“

 

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