Hitzlsperger und die Diskussion über die Diskussion

Fußball ist Volkssport. Wer diese Aussage für übertrieben hält, muss nur alle zwei Jahre zu WM- oder EM-Zeiten auf die Straße gucken. Fußball verkörpert die Bevölkerung – und 5 bis 10% der deutschen Bevölkerung sind laut dem Lesben- und Schwulenverband LSVD homosexuell. Gleichgeschlechtliche Liebe ist also ein Teil der Gesellschaft, egal ob man das gut findet oder nicht.

Thomas Hitzlsperger in einem seiner 52 Länderspiele. (Quelle: Flickr//calciostreaming)

Thomas Hitzlsperger bei einem Länderspiel während der EM 2008. (Quelle: Flickr//calciostreaming; Teaserbild: Flickr // goodnews_stgt)

Das Outing eines Fußballers in Deutschland hat es bisher noch nicht gegeben. Dann kam Thomas Hitzlsperger. Die Meldung hat daraufhin einen Großteil der Gazetten und Nachrichtenportale beherrscht. Der “Kicker”, vielleicht das bekannteste Sport-Fachmagazin in Deutschland, machte da aber nicht mit – und erntente vor allem für einen Kommentar von Chefredakteur Jean-Julian Beer in sozialen Netzwerken Kritik.

 

 

 

Zu privat oder zu normal?

Beer wirft damit folgende Frage auf: Darf man das Coming-Out einer berühmten Persönlichkeit in einer als sehr heterosexuell bekannten Berufssparte ignorieren? Oder ist Homosexualität im Jahr 2014 so gewöhnlich, dass darüber nicht berichtet werden muss?

Der „Kicker“ begründet seinen Standpunkt damit, dass das Privatleben von Sportlern nicht Gegenstand der Berichterstattung sein soll. Das wirkt nachvollziehbar, aber nur auf den ersten Blick. Denn es geht nicht um das Privatleben von Thomas Hitzlsperger, sondern den Kontext dahinter: Hitzlsperger hat sich bewusst an die Öffentlichkeit gewandt, um “die Diskussion über Homosexualität im Profisport” voranzutreiben. Es wäre gerade deshalb für ein Sport-Fachmagazin naheliegend, das Thema in einem angemesseneren Rahmen aufzugreifen. So wirkt die Berichterstattung des „Kickers“ ignorant – zumal online erst verzögert vom Outing zu lesen war.

Die selbsternannte liberale Haltung von Beer und Kollegen wäre treffend, wenn Fußballer regelmäßig ihre Homosexualität öffentlich machen würden. Tun sie aber nicht. Schwule und Lesben kennen wir aus Politik, Kunst, Funk und Fernsehen, aber nicht aus der Bundesliga. Hitzlspergers Outing war eine Besonderheit. Deshalb muss man festhalten:

 

Dass man über Homosexualität in Deutschland im Jahr 2014 spricht, ist gut. Es ist aber schade, dass man drüber sprechen muss. So denken wohl viele und wahrscheinlich auch deshalb ist die Diskussion um Hitzlsperger schnell wieder abgeklungen. Die Tür für weitere schwule Fußballer ist nun aufgestoßen. Mal sehen, wer folgt. Und wer weiß, vielleicht fällt das mediale Echo dann ja angemessen aus – ohne Ignoranz und frei von Überfrachtung.

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