Erfahrungsbericht: Eine Zeitung wird gestorben

Das Ende ist beschlossen: Am 1. Februar schließt der WAZ-Konzern die Redaktion der Westfälischen Rundschau. pflichtlektüre-Autorin Jana Fischer hat als freie Mitarbeiterin für die WR gearbeitet und beschreibt ihre Sicht auf das Aus der Zeitung.

Heute vor vier Jahren war mein erster Tag bei der Westfälischen Rundschau. Als Schülerpraktikantin in der Hagener Lokalredaktion durfte ich den Volontär auf eine verregnete Baustelle begleiten und erste Polizeimeldungen schreiben. Nach zwei Wochen hatte ich einen Berufswunsch. Ich blieb als freie Mitarbeiterin.

WR-Demo Kundgebung

Viele waren, genau wie Jana, auf der WR-Kundgebung. Fotos / Teaserbild: Christiane Reinert

Spannend, skurril, berührend

Seitdem bin ich an unzähligen Wochenenden für die WR unterwegs gewesen. Ich habe Operetten und Punkkonzerte besucht, Waldkindergärten oder Seniorentheater, hoffnungsvolle Jungpolitiker, fanatische Comicsammler und schrullige Kräuterhexen. All das hat mir, sieht man von der einen oder anderen Karnevalssitzung vielleicht ab, sehr viel Spaß gemacht. Ich mochte es, nie zu wissen, was mich erwartet. Ich mochte es, hinter vermeintlich schnöden Terminen spannende, skurrile oder berührende Geschichten zu entdecken und den Lesern weiterzuerzählen. Diesen Samstag war ich wieder für die WR unterwegs. Zum letzten Mal.

Die WR ist kein überregionales Prestigeblatt, mit dem man bei Smalltalk-Partnern Eindruck schinden könnte. Trotzdem hat das, wofür ihre Redakteure und Leser heute auf die Straße gingen, einen besonderen Wert. Es geht nicht darum, ob Papier noch der geeignete Verbreitungsweg für tagesaktuelle Berichterstattung ist. Es geht um die Berichterstattung selbst. Darum, dass auch über lokale Themen vielfältig, umfassend und kritisch informiert werden sollte.

Schreibtische bleiben leer

Den WR-Redakteuren ist diese Aufgabe in den vergangenen Jahren nicht leichtgemacht worden. Als ich zum ersten Mal in die Hagener Redaktion kam, fand ich mich in einem gar nicht so kleinen Laden wieder: Überall beschäftigte Menschen, hier die Sportredakteure, dort jemand für die Kultur, am Fenster der große Tisch, um den sich bei der Konferenz alle drängten. Am Ende drängte sich niemand mehr. Wenn ich in die Redaktion kam, waren von einem Dutzend Schreibtischen vielleicht drei besetzt. Einige Seiten des Lokalteils wurden seit 2009 von der Westfalenpost übernommen. Das nennt sich auf Wirtschaftsdeutsch „Branding“ und bedeutet, dass der WAZ-Konzern Redakteure einsparen kann.

WR-Demo Absperrband

Kein Durchkommen: Das Ende der WR ist besiegelt.

Trotzdem: An diesen Schreibtischen saßen Redakteure, die nicht nur Lokaldienst nach Vorschrift leisteten. Ich musste nie von einer Jahreshauptversammlung zur nächsten hetzen, lernte aber auch, wie man aus einem Nachbarschaftsfest bei Breckerfeld – völlig unironisch – einen gelungen Aufmacher zieht. Das Problem der Westfälischen Rundschau war kein inhaltliches. Es war die ökonomische Ideenlosigkeit, die momentan fast alle Tageszeitungen beutelt.


Papierhülsen statt Innovationen

Dass die Abwicklung der WR ein innovativer Weg aus der Zeitungskrise ist, glaubt wohl niemand. Mit seinen übrigen Tageszeitungen, die vor den gleichen Problemen stehen, macht der WAZ-Konzern weiter wie gehabt, bis die nächsten Redaktionen vor die Wand fahren. Eine Zeitung von heute auf morgen zu einer Papierhülse umzubauen, ist kein langfristiges Geschäftsmodell, sondern Verzögerungstaktik.

Die Redakteure, die Fotografen, die freien Mitarbeiter tröstet es wenig, dass sie keine Schuld trifft. Ihre journalistischen Perspektiven sind düster. Weil sie zu viele sind? Wenn es so einfach wäre. Die veränderte Medienlandschaft hat diese Journalisten nicht überflüssig gemacht. Ihre Geschichten werden fehlen. Ab dem 1. Februar wird man das merken.

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