Kino-Tipp: Black Swan

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In seinen Filmen interessiert sich US-Regisseur Darren Aronofsky nur bedingt für Genre-Grenzen. Bei „Pi“ war das so, bei „The Fountain“ und „The Wrestler“ auch. In seinem neuesten Streifen „Black Swan“ packt er Psychothriller- mit Horror-Elementen zusammen, stellt eine Mischung aus Drama und Tanzfilm her. Und scheut sich dabei nicht vor den ganz großen Themen: „Black Swan“ handelt von Leben und Tod, Ehrgeiz und Erfolg, Konkurrenz und Missgunst. Mittendrin: Balletttänzerin Nina Sayers, gespielt von Natalie Portman, die für ihre Rolle mit dem Golden Globe als „Beste Dramadarstellerin“ ausgezeichnet wurde.

Nina Sayers will die Hauptrolle in der Schwanensee-Inszenierung. Foto: Twentieth Century Fox

Nina Sayers (Natalie Portman) will die Hauptrolle in Tschaikowskis Schwanensee – um jeden Preis. Foto: 20th Century Fox

Nina Sayers tanzt Ballett. Und das ziemlich vielversprechend: Als Choreograf Thomas Leroy (Vincent Cassel) an der New Yorker Kompanie die neue Saison einläutet, soll Nina Peter Tschaikowskis Schwanensee proben. Darum macht sie sich auch Hoffnungen auf die Rolle der Schwanenkönigin: Sie will den weißen und schwarzen Schwan zugleich spielen – einerseits die jungfräuliche Unschuld Odette, andererseits die verführerische Dämonin Odile.

Nina bekommt die Doppelrolle. Tanzlehrer Leroy aber hat seine Zweifel. Seine neue Primaballerina wohnt trotz ihrer knapp 30 Jahre noch zu Hause bei ihrer bestimmenden Mutter (Barbara Hershey), hat ein rosafarbenes Kinderzimmer und schläft jeden Abend zu den Klängen einer Spieluhr ein. Auch mit Männern hat Nina nichts zu tun. Perfekt passt sie damit in die Rolle der unschuldigen Odette – aber wie soll sie die durchtriebene Odile glaubhaft auf die Bühne bringen?

Der strenge Tanzlehrer Leroy rät Nina, Neues auszuprobieren: Sie solle sich selbst befriedigen, lockerer werden, das Leben außerhalb des Ballettstudios kennenlernen. Die ehrgeizige Tänzerin folgt den Anweisungen des schmierig-charmanten Chefs nach anfänglicher Skepsis, betrinkt sich, nimmt Drogen, lehnt sich gegen die häusliche Herrschaft der Mutter auf. Sie hat sogar Sex mit der Tänzerin Lily (Mila Kunis), die gleichzeitig auch ihre größte Konkurrentin um die Hauptrolle im Schwanensee ist. Sie verkörpert das, was Nina bisher fehlte: die Seite der verruchten Odile.

Darren Aronofskys Verwirrspiel: Das Spiegelbild vom Spiegelbild vom Spiegelbild... Foto: Twentieth Century Fox

Aronofskys Verwirrspiel: Ninas (Natalie Portman) Spiegelbild vom Spiegelbild vom Spiegelbild. Foto: 20th Century Fox

Was ist wahr und was Einbildung?

Auf der verzweifelten Suche nach ihrer dunklen Seite verliert Nina zunehmend das Gefühl dafür, was wahr und was Einbildung ist. Und auch der Zuschauer kann nie sicher sein, was Realität und was Schein ist.
Regisseur Darren Aronofsky folgt mit der Kamera immer nur Nina. Man sieht ausschließlich das, was sie sieht. Oder sich eben einbildet. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Albtraum und Halluzination verschwimmen. Woher kommen die seltsamen Kratzspuren an Ninas Rücken? Ist die Affäre zwischen Lily und Ballettlehrer Thomas real? Und wer wird im furiosen zehnminütigen Finale wirklich umgebracht?

Fiebriges Verwirrspiel

Aronofsky benutzt dieses Verwirrspiel in seinem Film ganz bewusst. Der Einsatz einer Handkamera macht die Handlungen fiebrig und dynamisch. Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Der Regisseur peitscht seine Schauspieler wie Choreograf Leroy seine Tänzerinnen zu Höchstleistungen. Er geht gnadenlos mit ihnen um. Ballett ist für Darren Aronofsky Schmerz – physisch wie seelisch. Und genau den müssen die Darsteller verkörpern.

Darren Aronofsky schuf mit Black Swan einen sehr fiebrigen, dynamischen Film. Foto: Twentieth Century Fox

Darren Aronofsky schuf mit "Black Swan" einen fiebrigen, dynamischen Film. Foto: 20th Century Fox

Immer und überall sind Spiegel im Film zu sehen. In Ninas Wohnung, im Tanzsaal, auf der Toilette und in der Garderobe der Ballerinas. Aronofsky bedient sich in Massen dieser recht plumpen Metapher für Ninas fortschreitende Persönlichkeitsspaltung. Aber sie wirkt: Das Stilmittel trägt dazu bei, die Realität unscharf werden zu lassen; es trägt zur gewollten Zweideutigkeit bei, wenn die Spiegelbilder sich auf einmal verselbstständigen, anstatt widerzuspiegeln.

Portmans antrainierte Perfektion

Der Film besticht aber vor allem durch Hauptdarstellerin Natalie Portman. Sie schafft in „Black Swan“ das, was Filmfigur Nina in den Ballett-Proben krampfhaft versucht zu erreichen: Perfektion. Portman tanzt überzeugend, spielt ihre Rolle hervorragend. Monatelang nahm sie dafür Tanzunterricht, teilweise acht Stunden am Tag. Sie bringt das Leben einer Balletttänzerin glaubhaft auf die Leinwand.

Portmans Glanzleistung hat vermutlich zum großen Erfolg von „Black Swan“ in den US-Kinos beigetragen. 70 Millionen Dollar spielte der Film dort ein, beinahe das Sechsfache der Produktionskosten. Und das ohne große Knalleffekte, ohne wilde Verfolgungsjagden. Es ist eben kein Blockbuster, den Darren Aronofsky geschaffen hat. Vielmehr ist „Black Swan“ ein Psychogramm einer Ballerina. In einigen Szenen ist der Film erschreckend, in anderen Szenen ekelhaft. Er ist aber stets so spannend inszeniert, dass man immer weiter zuschauen will.

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