Weihnachtsmarkt in den USA: Hashtag statt Christbaum

IMG_0706

Wer in Washington lebt und weiß, wie Weihnachtsmärkte in Deutschland sein können, der wünscht sich in diesen Tagen zurück in die Heimat. Denn aus Gemütlichkeit macht die US-Hauptstadt Konsum: Aus Glühwein wird Chai Latte, aus Holz billiges Plastik. Auf dem Holiday Market in Downtown erzählen zwei, die die deutschen Weihnachtstraditionen vermissen.

Wenn Clarke Bedford abends das Licht ausknipst, dann muss er an München denken. An ein München, in dem er mal war: ein eisiges, weihnachtliches, mit einer Innenstadt aus kleinen Häuschen, Christbaumkugeln und Schneeflocken. „Deutsche Weihnachtsmärkte sind anders. Da stehen einzelne Büdchen aus Holz in einer hübschen Gemeinschaft. Da duftet es nach Lebkuchen“, sagt Bedford, 56 Jahre alt. Der Mann mit dem weißen Bart sitzt in seinem Plastikzelt auf dem Holiday Market in Washington, DC. Downtown, ein Montag, 17 Uhr.

Mann mit Bart: Clarke Bedford findet Münchens Märkte schöner.

Mann mit Bart: Clarke Bedford findet Münchens Märkte schöner.

Bedford ist einer von 150 Verkäufern, an deren Ständen bis Neujahr rund 300 000 Menschen vorbei laufen. Amerikaner, Engländer, Italiener, Franzosen, Japaner, Deutsche. „Und immer wenn ich Deutsche treffe“, sagt Bedford, der selbstgemachte Filztaschen verkauft, „dann erinnere ich mich an die viel, viel schöneren Weihnachtsmärkte in Deutschland.“

Für den Holiday Market in Washington gibt es einen eigenen Twitter-Hashtag, #DHM14. Und eine Facebook-Seite, einen Instagram-Account, einen YouTube-Kanal. Es gibt keinen Weihnachtsbaum, aber dafür einen autogroßen Nussknacker aus Kunststoff. Es gibt keinen Glühwein, aber dafür gibt es Chai Latte zum Mitnehmen. Es gibt keine Bühne, auf der die Kinderchöre der Stadt Lieder vortragen – die Musik kommt vom Band. Keine Waffeln. Keine gebrannten Mandeln – dafür Donuts aus der Fritteuse.

Keiner schlendert über den Markt, alle Leute eilen. An ihren Armen hängen dicke Einkaufstüten von Macy’s und Target, zwei große US-Kaufhausketten. 

„Nicht so romantisch“, sagt Bedford in seinem Zelt, man kann jeden der Verkaufsstände betreten und sich selbst umsehen. Der Verkäufer sitzt meist in der Ecke unter einer Wärmelampe. „In Deutschland stehen die Verkäufer in Hütten. Wer sich ein Produkt näher ansehen will, der muss nachfragen“, sagt er. „Und dadurch kommen die Leute ins Gespräch.“ Das sei hier anders.

„In Deutschland ist es gemütlicher“

Bedford war erst ein Mal in Deutschland, und da war er in München auf dem Weihnachtsmarkt. „Total ruhig war es da“, sagt er. „Und es gab mehr Alternatives.“ Mit seinen Filztaschen ist er tatsächlich ein Exot. Man sieht viel öfter Produkte, die irgendwie neu aussehen. So, als hätten die Verkäufer sie gekauft, um sie dann weiter zu verkaufen: Glitzersterne zum Aufhängen, kunstvolle Pumps für ein paar Hundert Dollar, Graffitis, Glaslampen, Massageöle. Eine Verkäuferin bietet Giraffen aus Stoff, eine andere hat Perlen aufgereiht zu Armbändern und Ketten. Man sieht Barbie-Schühchen und Holzlöffel, Porzellantassen und Handtaschen.

  • Der Weihnachtsmarkt in Washington kann atmosphärisch nicht mit denen in Deutschland mithalten.

„Irgendwie: Ich bin enttäuscht“, sagt Jonas Maierfeld, 26, Tourist aus Stuttgart. Er ist für vier Wochen zu Besuch in Washington – bis nach Weihnachten. „Mir fehlen die deutschen Weihnachtsmärkte“, sagt er, die brummenden Trucks auf der großen Straße ganz in der Nähe verschlucken ein paar seiner Wörter. „Da kommt man nach Amerika“, sagt er, und beißt in sein Veggie-Sandwich in Weihnachtsmann-Serviette, „und denkt, dass die das doch am besten können müssten – Feste, Stimmung, Atmosphäre.“ Er lässt seinen Blick über die Zeltreihen schweifen. „Ich meine, wir reden hier über Weihnachtsmärkte. Das ist nichts Wichtiges, nichts Großes. Trotzdem: Jetzt gerade wäre ich gerne zu Hause.“