Der Breitmaulfrosch: Das „Event“ vor dem Event

Breitmaulfrosch MarcOb Glitzerbärte, grüne Smoothies oder hippe Fummel aus der Mottenkiste – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne über merkwürdige Trends wütet – dabei nimmt er kein Seerosenblatt vor den Mund. So richtig trockene Haut bekommt er bei dem Gedanken an Eröffnungsfeiern vor großen Sport-Events.

Im Teich vom Breitmaulfrosch ist der Fernsehempfang immer schlecht – Wasser und Technik eben. Das wird zum Problem für ihn, wenn er sich gemütlich ein Fußballspiel oder seine Lieblings-Athleten bei Olympia angucken möchte. Doch es gibt mittlerweile diesen einen Trend, der stets vor großen Events über die Mattscheibe flimmert: Eröffnungsfeiern. Das „Event“ vor dem Event. Hier pfeifft der Breitmaulfrosch auf guten Empfang. Er findet: etwas aus der Reihe „Erfindungen, die die Welt nicht gebraucht hat“.

Auch vor 50 Jahren gab es schon festliche Akte vor großen Sport-Events oder deren Verkündungen. Doch damals wurde nur das Nötigste vom Nötigen gemacht. Bei Olympia zum Beispiel gab es das Hereintragen der olympischen Fackel ins Stadion, den Einmarsch der Athleten, ein wenig Musik und die obligatorischen langweiligen Reden der Verantwortlichen. Ein (anscheinend) notwendiges Prozedere um die ohnehin schon mit effektheischenden Mythen behaftete Veranstaltung noch bedeutungsschwangerer zu machen.

Ein stattliches Vermögen für das Abflussrohr

Was sich daraus jedoch entwickelt hat ist nur noch als blanker Hohn zu bezeichnen. Bestes Beispiel dafür sind die Zeremonien zur Eröffnung der olympischen Spiele in Peking 2008. Geschlagene 100 Millionen Euro (in Zahlen 100 000 000 Euro!) sollen damals in den asiatischen Sand gesetzt worden um das sportliche Groß-Event gebührend zu begrüßen. Ein Spektaktel, das irgendwie wie der obskure Geschichtsunterricht eines wahnwitzigen chinesischen Kulturfanatikers anmutete. Das gewaltige Budget und die grenzenlose Sucht Chinas nach Selbstdarstellung machten die Feier zum feuchten Traum eines jeden Theaterregisseurs.

Und da liegt für den Breitmaulfrosch der Teich trocken: Jede Zeremonie ist ein „Ha, euch haben wir es gezeigt!“ an die Gastgeber vor vier Jahren. Gleichzeitig denkt sich der darauffolgende Gastgeber „Das müssen wir besser machen!“. Wer kann länger, wer kann teurer, wer kann pompöser – ein klassischer Schwanzvergleich. Generell scheint die Existenz von Eröffnungsfeiern nur auf dem omnipräsenten Verlangen von Künstlern zu basieren, ihre Kunst auf jeder möglichen Bühne und Plattform verwirklichen zu wollen. Dabei will der sportbegeisterte Breitmaulfrosch doch eigentlich nur das sehen, worauf er sich so lange gefreut und warum er eingeschaltet hat: Sport.

Richtet sich der Blick des Breitmaulfroschs auf nationale, kontinentale und globale Meisterschaften im Fußball, so bleibt er auch dort nicht von zeitfressenden und ermüdenden Ritualen verschont. Vor jeder Gruppenauslosung wird er mit Imagefilmen bombadiert und von selbstbeweihräuchernden Rednern vollgeschwafelt – nicht das, wofür er eingeschaltet hat. Wieso scheint es unmöglich zu sein, die Dinge puristisch und selbsterklärend über den Äther zu jagen?

David Guetta – der Großmeister der Gute-Laune-Visage

Bei der jüngst stattgefundenen Fußball Europameisterschaft gab es dann mal wieder ein Novum, das sich hoffentlich nicht durchsetzen wird. Vor jedem (!!!) Spiel gab es eine minutenlange Tanzchoreografie auf dem Platz. Wieso hält man sich da nicht einfach an das simple Modell der UEFA Champions-League: Hymne, Einmarsch, Münzwurf, Anpfiff. Nur für 90+ Minuten Vollgas-Fußball kramt der Breitmaulfrosch sein Trikot aus dem Schilf und begibt sich ins Stadion – Schnickschnack ist für ihn fehl am Platz.

Beim Thema EM kommt man leider nicht an David Guetta vorbei, dem aktuellsten Husarenstück der aufgedrängten Fernsehunterhaltung. Aus seiner Feder… pardon, aus seinem Computer stammt das Lied zu dem Turnier. Und natürlich ließ er es sich nicht nehmen, sein von mehreren Millionen Euro ins Gesicht gemeißeltes Grinsen live zur Schau zu stellen. Ein so breites Grinsen bekommt nicht mal der Breitmaulfrosch hin – und der hat schon dem Namen nach eine ziemlich große Luke.

Und mit dieser Meinung ist der Breitmaulfrosch nicht alleine. Er findet: Diese Version von David Guettas Auftritten bei der Eröffnungszeremonie  zeigt vorzüglich den wahren Charakter der ganzen Chose: gute Laune um jeden Preis. Da kräuseln sich dem Breitmaulfrosch aber gehörig die Locken. Lasst doch bitte einfach den Sport für sich sprechen. Das spart Zeit, Geld und Nerven.

Beitragsbild: Helena Brinkmann