Die Sprache der Klänge

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Jeder kennt das Gefühl, wenn die ersten Takte des Lieblingssongs erklingen und man sofort gute Laune bekommt. Oder den Gänsehaut-Moment, wenn in der Kuss-Szene im Kino ein romantisches Lied einsetzt. Musik begleitet uns in fast jeder Lebenssituation. Auch indem wir selbst singen, summen oder pfeifen, nehmen wir Einfluss auf unsere Stimmung. Wie kommt es, dass Klänge eine solche Wirkung auf unsere Psyche haben?

Von Lara Mertens

Das Instrument, das ich in der Hand halte, ist klein und dreieckig, und wenn ich mit dem Bogen über die Saiten streiche, gibt es einen fürchterlichen Ton von sich. Es handelt sich um einen Streichpsalter, eine Art stark vereinfachte Geige. Dieses Instrument soll mir helfen, meine Stimmung auszudrücken. Im Moment fühle ich mich hauptsächlich überfordert. Mir gegenüber sitzt Musiktherapeutin Andrea Hilke und begleitet meine unbeholfenen Versuche auf der Gitarre. Sie musiziert normalerweise mit Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen. Musik hält sie für eine Ausdrucksform, die viel differenzierter ist als unsere Alltagssprache. Der Satz „Mir geht es nicht gut“ sei zum Beispiel sehr unkonkret und lasse viele Fragen offen. Hilke meint: „Wenn ich versuche, meine Stimmung zu spielen, dann werde ich viel mehr Nuancen dieses Gefühls ‚Es geht mir nicht gut‘ mitkriegen.“

Heiner Gembris ist Musikwissenschaftler an der Uni Paderborn. Foto: privat

Heiner Gembris ist Musikwissenschaftler an der Uni Paderborn. Foto: privat

Heiner Gembris, Professor für Musikwissenschaft und Musikpädagogik an der Uni Paderborn, bestätigt: Musik ist eine Form der Kommunikation. Wenn wir ein Lied hören, erkennen wir die Stimmung des Musikers in der Musik wieder: „So wie wir zum Beispiel auch in der Sprachmelodie intuitiv erkennen können, ob jemand traurig, fröhlich, heiter, zornig gestimmt ist, so haben wir auch die Möglichkeit, in der Musik diese Stimmungsnuancen wiederzuerkennen und das ist die Voraussetzung, dass wir sie auch miterleben können.“ Seiner Meinung nach drücken wir unsere Emotionen nach bestimmten Mustern aus, die auch interkulturell gültig sind. Wer zum Beispiel traurig ist, spricht eher langsamer und leiser und bewegt sich auch dementsprechend. Im Gegensatz dazu macht eine gut gelaunte Person eher größere Gesten, spricht auch lauter und in einer höheren Tonlage. Diese Muster übertragen wir auch auf die Musik – und erkennen sie darin wieder.

Kommunikation ohne Hierarchie

Gembris zufolge kann Musik unsere Stimmung deshalb auch extrem beeinflussen. Das funktioniert auf unterschiedliche Arten: Wer zum Beispiel bei Liebeskummer Herzschmerz-Songs in Dauerschleife hört, will seine Stimmung im Prinzip gar nicht ändern, sondern sucht nach einer Musik, die seinen Emotionen entspricht und diese möglicherweise auch verstärkt. Das bezeichnet Gembris als Isoprinzip. Sei man die schlechte Laune aber irgendwann leid und wolle seine Stimmung heben, höre man eher fröhliche Musik und lasse sich dann davon anstecken – das Kompensationsprinzip. Das funktioniert auch, wenn man selbst Musik macht: „Das ist wahrscheinlich auch ein wesentlicher Grund, weshalb es Musik überhaupt gibt, weil sie die Stimmung ausdrücken kann. Indem ich sie ausdrücken kann, kann ich sie beherrschen oder handhabbar machen, zum einen, und ich kann sie gestalten. Ich bin ihr dann nicht hilflos ausgeliefert.“

Auch wer selbst musiziert, kann damit Einfluss auf seine Stimmung nehmen. Foto: j_arlecchino / flickr.com

Auch wer selbst musiziert, kann damit Einfluss auf seine Stimmung nehmen. Foto: j_arlecchino / flickr.com

Diese Funktion von Musik macht sich Therapeutin Andrea Hilke zunutze. Für ihre Klienten stellt sie die unterschiedlichsten Instrumente bereit: Von Klavier und Geige über Schlagzeug, Steeldrum und Trommeln bis hin zum Streichpsalter. Beim gemeinsamen Musizieren geht es ihr nicht darum, ein besonders gelungenes Musikstück zu kreieren, sondern nur um den Prozess an sich und das Zusammenspiel von Klient und Therapeut: „Es ist sehr, sehr oft ein Sich-Entgegenkommen in einer speziellen Art der Kommunikation, von der – und das finde ich persönlich das Wichtigste – Leute sehr schnell begreifen, dass es eine hierarchiefreie Kommunikation ist, an der jeder beteiligt ist.“ Wie Heiner Gembris glaubt auch sie, dass die Grundlagen der Musikalität in der Sprache vorhanden sind. „Wenn Sie sich mit jemandem unterhalten, benutzen Sie ein kommunikatives Muster, was es auch in dieser Art in der Musik durchaus gibt.“ Deshalb ist sie überzeugt: Jeder Mensch ist grundsätzlich musikalisch.

„Töne lösen bei jedem etwas anderes aus“

Ich würde das von mir persönlich nicht behaupten. Dementsprechend klingen auch meine Versuche auf dem Streichpsalter. Nach einer Weile macht es dann aber fast Spaß. Denn auf einem unbekannten Instrument kann man ausprobieren, was man will – ohne den Anspruch, dass es gut klingt. Das ist Andrea Hilke wichtig. Musizieren erfolgt in ihrer Therapie meist ganz frei, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Zwischendurch zeichnet die Therapeutin das Gespielte auf, um es später zu analysieren. Aus dieser Aufnahme eine konkrete Stimmung oder Gefühlslage zu erkennen, ist aber kaum möglich: „So einfach ist Musik leider – und zum Glück – nicht gestrickt.“ Dennoch könne man bestimmte Muster erkennen. Spielt jemand zum Beispiel  unruhig oder ziellos, kann das schon etwas über seinen Gemütszustand aussagen. Zudem achtet Hilke auf die musikalischen Parameter Rhythmus, Dynamik, Melodie, Harmonie und Form. Jeder stellt davon in seinem Spiel etwas anderes in den Vordergrund. Oft analysiert Hilke das Gespielte aber auch gar nicht im Nachhinein und macht sich damit ein besonderes Merkmal der Musik zunutze – ihre Flüchtigkeit: „Und ganz viele, speziell Jugendliche, genießen das sehr, dass sie nicht darauf festgenagelt werden.“

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Der persönliche Musikgeschmack spielt Hilke zufolge in der aktiven Musiktherapie, in der selbst musiziert wird, nicht unbedingt eine Rolle. Es gibt aber auch eine rezeptive Form der Therapie, in der Musik einfach angehört wird. Hier spielen dann auch individuelle Erfahrungen, Erinnerungen und Vorlieben eine Rolle. Denn die Therapeutin meint: „Töne lösen bei jedem etwas anderes aus.“ Aber wie kommt es, dass der eine zu Metal entspannt, während ein anderer diese Musik als nervtötend empfindet? Musikpsychologe Gembris glaubt: Der Musikgeschmack entsteht durch Sozialisation und erfüllt besonders im Jugendalter eine Identifikationsfunktion. Jugendliche orientieren sich am Image, das Musik vermittelt, und am Freundeskreis. Hinzu kommen dann noch ganz andere individuelle oder situative Faktoren, zum Beispiel Erinnerungen, die wir mit einem bestimmten Lied verbinden. Auch die Kultur, in der wir leben, hat einen großen Einfluss. Vielleicht kann ich dem Streichpsalter nicht viel abgewinnen, weil er in
unserer Kultur nicht sehr präsent ist – mein Lieblingsinstrument wird er jedenfalls nicht, weder aufgrund des Klangs noch als Ausdrucksmittel. Trotzdem habe ich gemerkt: Mit Musik lässt sich viel mehr erzählen, als ich dachte.

Teaserfoto: Jose Oller / flickr.com

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