Marathon – Laufen am Limit

Der Legende nach endete schon der erste Marathonlauf der Geschichte tragisch: Der Grieche Pheidippides wurde 490 v. Chr. auf den fast 40 Kilometer weiten Weg von Marathon nach Athen geschickt, um vom griechischen Sieg über die Perser zu berichten. In Athen angekommen, brachte er nur noch die Worte „Seid gegrüßt! Wir sind Sieger!“ über die Lippen, bevor er tot zusammenbrach.

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Immer mehr wagen sich an die Königsdisziplin. Der Marathon erfreut sich großer Beliebtheit. Foto: C. Nöhren / Pixelio

Ganz so dramatisch geht es 2500 Jahre später nicht mehr zu –  trotzdem ist der Marathon nicht ganz ungefährlich. Allein in Deutschland finden 2010 weit über 100 Marathon-Events statt. Dabei kommt es auch heute immer wieder zu Zwischenfällen wie in Pheidippides’ Zeiten. Bei einem Marathon in Detroit im vergangenen Oktober zum Beispiel starben gleich drei Männer zwischen 26 und 65 Jahren. Auch beim Hamburger Marathon im April hatten die Rettungskräfte an der Strecke einiges zu tun: Insgesamt 430 Mal mussten sie Erste Hilfe leisten.

Bis zu sechs Stunden am Limit

Sportmediziner Reinhard Schnittker (Uni Paderborn) wundern diese Zahlen nicht im Geringsten. „Der Marathon an sich hat absolut keinen gesundheitlichen Nutzen und stellt ein hohes medizinisches Risiko dar.“  Der Experte im Bereich Leistungsdiagnostik arbeitet mit vielen Sportlern zusammen und betreut sowohl Profis als auch Hobbyläufer auf dem Weg zur 42,195 Kilometer-Marke. Er weiß, warum der Marathon als Königsdisziplin der Leichtathletik gilt: „Beim Marathon werden alle Bereiche des Körpers extrem stark belastet: das Herz-Kreislauf System, der Stoffwechsel und der gesamte Bewegungsapparat.“ Und das bei normalen Läufern über einen Zeitraum von vier bis sechs Stunden.

Annika Schulte ist so eine normale Läuferin. Vor einem Jahr fasste die Studentin den Entschluss, den Lauf zu wagen. Bei ihrem ersten Marathon brauchte sie 5:45 Stunden bis ins Ziel. „Damals ging es nur ums Ankommen“, sagt die 21-Jährige. Dass ihr Körper dazu in der Lage ist, hat sie sich ist von ihrem Hausarzt bestätigen lassen, bevor sie überhaupt ins Training einstieg. Der Arzt hat ihre Blutwerte kontrolliert und den Bewegungsapparat untersucht. Nur auf ein Belastungs-EKG hat Annika verzichtet, denn dafür hätte sie bei ihrem Hausarzt bezahlen müssen: „Da ist man schnell mit 50 Euro dabei.“

Wichtig ist die Frage: Was kann ich meinem Körper zutrauen?

Reinhard Schnittker rät trotzdem zu dieser Investition: „Viele Leute entscheiden sich für einen Marathonlauf, um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Damit sich dieses Motiv nicht ins Negative umkehrt, muss ich vorher genau wissen, was ich meinem Körper zutrauen kann.“ Der am wenigsten trainierte Bereich des Körpers wird beim Laufen immer am meisten beansprucht. Für die Vorbereitung auf einen Marathon ist es daher wichtig, diese Schwachstellen zu kennen, um sie gezielt zu stärken. Zusätzlich zum obligatorischen Gesundheitscheck bietet sich daher auch eine Leistungsdiagnostik an. Dabei wird in mehreren Belastungstests festgestellt, wozu der eigene Körper in der Lage ist. „Das ist auch eine zusätzliche Motivation, wenn ich vorher weiß: Ich kann das“, erklärt Schnittker.

Annika hat's geschafft - nach 42,195 km ist sie im Ziel. foto: privat

Annika hat's geschafft - nach 42 km im Ziel. Foto: privat

Annika braucht so eine zusätzliche Motivation nicht. Der Marathon hat sie schon lange fasziniert: „Ich habe mich immer gefragt, ob ich das wohl schaffen kann.“ Mittlerweile hat sie schon ihren dritten Marathon hinter sich gebracht und sich um eine Stunde verbessert. Dabei lief die Hagenerin ihre Bestzeit mit gesundheitlichen Problemen. Als sie im April in Wien an den Start ging, plagte sie ein Magen-Darm-Virus. Das ganze Wochenende hatte sie flachgelegen. Kurz vor dem Start ließ sie sich noch mal von einem Arzt durchchecken und der gab sein Okay. „Das war schon ein echter Kampf“, erinnert sich Annika. Im Ziel kullerten dann die Freudentränen.

„Wieso mache ich den ganzen Scheiß?“

Wenn man solche Geschichten hört, fragt man sich schnell: Wieso tut man sich so was an? Reinhard Schnittker glaubt an den berühmten Kick: „Viele wollen ihren Körper an seine Grenzen bringen.“ Dazu habe man im schnöden Büro- oder Unialltag nur sehr selten die Chance. Schnittker vertritt den Standpunkt, dass der Marathon vor allem als Motivation dienen sollte. Regelmäßiges Trainieren ist gut für die Gesundheit und vielen fällt das leichter mit einem konkreten Ziel vor Augen.

Annika glaubt: Jeder, der dazu gesundheitlich in der Lage ist, kann den Marathon schaffen. „Man muss es nur wirklich wollen.“ In ihrer Trainingsgruppe hat noch niemand freiwillig aufgegeben. Im Gegenteil: Selbst die, denen sie das anfangs nicht zugetraut hat, haben es bisher immer ins Ziel geschafft. Wenn auch als allerletzte – nach dem Aufräumwagen. Woher ihre Motivation kommt, weiß Annika ganz genau: „Natürlich kommt man unweigerlich an einen Punkt, an dem man sich denkt: Wieso mache ich den ganzen Scheiß eigentlich. Doch für das Gefühl beim Zieleinlauf lohnt es sich.“

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