„Evet“ oder „Hayir“: Zwei Deutsch-Türken über ihre Wahlentscheidung

Nirgendwo in Deutschland war das Ergebnis so eindeutig: Über 75 Prozent der Wähler stimmten in Dortmund für das Präsidialsystem Recep Tayyip Erdogans in der Türkei. Damit ist das Ruhrgebiet die Hochburg der Erdogan-Sympathisanten in Deutschland. Auch in den anderen drei NRW-Städten Köln, Düsseldorf und Münster gewann das Ja-Lager laut türkischer Wahlkommission deutlich mit jeweils über 60 Prozent der Stimmen.

Das sind wichtige Stimmen für eine Verfassungsreform, die die Macht im türkischen Staat zugunsten des Präsidenten verschieben soll. Insgesamt 51,4 Prozent der Wähler entschieden sich am Sonntag für dieses Präsidialsystem. Nach Vorwürfen der Wahlmanipulation sprach sich Innenminister Thomas de Maizière für eine schnelle Aufklärung der Anschuldigungen aus. Der Online-Ausgabe der „Rheinischen Post“ sagte er am 18. April: „Jetzt muss rasch Klärung darüber hergestellt werden, ob die Abstimmung fair und sauber abgelaufen ist, soweit man unter den derzeitigen Umständen in der Türkei überhaupt davon sprechen kann.“

Cem Cicibas aus Castrop-Rauxel hat ebenfalls mit „Ja“ gestimmt. Der 26-Jährige besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft und kennt die Türkei gut. Drei bis fünf Mal im Jahr besucht er seine Verwandten dort, täglich telefoniert er mit seinen Cousins. „Ich habe mit „Ja“ abgestimmt, weil ich für eine starke Türkei bin“, sagt er. Für den 26-Jährigen scheint eine starke Türkei gleichbedeutend mit einem starken Präsidenten zu sein. Cem kritisiert, Erdogan seien von der Opposition viele Steine in den Weg gelegt worden. Die türkische Politik vergleicht er mit einem Revierderby: „Das läuft ab wie Schalke gegen Dortmund, also voller Hass und so ist das auch in der Politik.“

Cem Cicibas am Tag des Putschversuchs auf dem Taksim-Platz in Istanbul (15.07.2016). Bild: Cem Cicibas

Aus dem starken Widerstand der Opposition bezieht Erdogan auch seinen stärksten Trumpf: Sein Image als Macher, der nur von den Mühlen der türkischen Demokratie ausgebremst wird. Der türkische Wirtschaftsboom in den vergangenen Jahren bringt ihm noch heute hohe Beliebtheitswerte bei den in Deutschland lebenden Türken ein. Und das sogar obwohl die türkische Wirtschaft durch den Einbruch der Tourismusbranche Schaden genommen hat, die Inflation auf Rekordniveau ist und die Arbeitslosenquote ihren höchsten Stand seit 2010 erreicht hat. „Wir sehen doch einfach seit etwa 15 Jahren zu, was der Mann für die Türkei geleistet und gebracht hat. Ich habe volles Vertrauen zu ihm und deswegen habe ich „Ja“ gesagt“, sagt Cem.

Jedoch sieht der 26-Jährige auch die Spaltung, die der harte Wahlkampf unter den Türken in Deutschland verursacht hat. Auch von seinen Verwandten seien mehrere gegen das Präsidialsystem, sagt Cem. Und: „Nicht jeder kommt mit meiner Meinung klar, genauso, wie ich nicht klarkomme, wenn einige „Nein“ sagen. Mit meinem Nachbarn habe ich mich jahrelang gut verstanden, aber jetzt, wo es um die Türkei geht, haben wir keine gute Beziehung mehr.“ Nach dem Referendum wünsche er sich nur noch, nicht mehr über Politik reden zu müssen, dass es endlich aufhöre, dieses „Türkei-Bashing“ und, dass er sich bald wieder besser mit seinem Nachbarn verstehe. 

Tuba: „Präsidialsystem ist eine Ein-Mann-Herrschaft“

Gänzlich anders sieht das Tuba Ayyildiz*. Die 29-Jährige aus Duisburg möchte nicht mit ihrem Namen genannt werden. Weil sie mit „Nein“ gestimmt hat und die doppelte Staatsbürgerschaft hat, befürchtet sie Schwierigkeiten bei der Einreise in die Türkei. Das Präsidialsystem sei eine „Ein-Mann-Herrschaft“ Erdogans, sagt sie. Und dass sein Einfluss auf die Justiz die Gewaltenteilung aushöhle. Für das Wahlergebnis in Deutschland macht sie auch eine fehlgeschlagene Integrationspolitik verantwortlich. Die Türken seien lange Zeit nur als Zeitarbeiter angesehen worden und nötige Integrationsmaßnahmen vom Staat seien nur unzureichend finanziert worden. „Selbst im Jahr 2000 musste sich mein Vater Sätze anhören, wie: „An Türken verkaufen wir keine Häuser“, erzählt Tuba. Das räche sich jetzt. Erdogan wisse genau, wie er diejenigen ansprechen muss, die sich ausgegrenzt fühlen. Und auch in Tubas Bekanntschaft gäbe es einige, die Erdogan alles verzeihen würden: „Sie sagen: Selbst wenn er korrupt wäre, meinen Anteil würde ich ihm gönnen“, sagt die 29-Jährige.

Für die einen ist es die „Lichtgestalt“ Erdogan, für die anderen eine gescheiterte Integration: Gründe dafür, warum die Zustimmung für das türkische Präsidialsystem im Ruhrgebiet so hoch ausfiel, gibt es viele. Das Wahlergebnis in Dortmund ist im Hinblick auf die Wahlbeteiligung sogar besonders aussagekräftig. Die 67 Prozent Wahlbeteiligung im Ruhrgebiet sind deutschlandweit der höchste Wert. Das bedeutet: Selbst wenn alle Nichtwähler in Dortmund gegen das Referendum gestimmt hätten, hätten die „Ja“-Stimmen immer noch den größeren Anteil gehabt.  

* Name von der Redaktion geändert

Beitragsbild: pixabay.com lizenziert nach Creative Commons  

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