Zwischen Muss und Soll

Dimitar-Beitragsbild

Die leichte Vibration des Handys ist auf Dimitars Schreibtisch spürbar. Er wirft einen kurzen Blick auf das Smartphone – neue Nachricht im Erasmus-Student-Network-Chat. Seine Augen funkeln, während er schnell seine Finger auf der Tastatur bewegt. Eigentlich warten neben ihm auf dem Tisch die Lektüren für seine Bachelorarbeit.

„Dimi, wieso bleibst du denn heute Abend heim?“, fragt einer der Chatteilnehmer. “Ich muss lernen”, lautet die Antwort. Denn Dimitar ist im 15. Semester und muss sein Wirtschaftsstudium unbedingt im Sommer 2015 abschließen. Schaft er das nicht, verliert er sein Recht auf die günstige studentische Krankenversicherung. Dass Dimitar so lange studiert, liegt allerdings nicht daran, dass er faul ist.

Herzlich Willkommen in Deutschland?

Neben Studium und Arbeit nimmt sein Engagement beim Erasmus Student Network Dortmund (ESN Dortmund) den größten Teil seiner Zeit. Dimitar will ausländischen Studierenden helfen, sich in Deutschland zu Recht zu finden. Seine Motivation kommt direkt aus dem Herzen, weil er weiß, was es heißt, ein Ausländer zu sein.

Das Gepäck auf dem Rücken, ein bisschen Geld in der Tasche und Hoffnung auf eine bessere Zukunft: So kommt Dimitar Tachkov 2006 aus seiner bulgarischen Heimatsstadt Lovetsch nach Dortmund. Er spricht bereits ein bisschen Deutsch und geht auf die Menschen offen zu, trotzdem fällt es dem Bulgaren im ersten Jahr schwer, so richtig in Deutschland anzukommen. Nur auf dem Sportplatz lernt Dimitar neue Menschen kennen. Echte Freunde werden aus diesen Bekanntschaften aber nicht. Erst als er seine erste Beziehung mit einer Deutschen führt, ändert sich das. “Eine Fremdsprache erlernt man am besten in einer Beziehung und gerade die Sprache ist der Schlüssel zu der Erkundung einer Kultur”, erzählt der 27-jährige Bulgare.

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Dimitar und das ESN-Team grüßen die ausländischen Studenten zum Anfang des neuen Semesters.

Als Dimitar von seinem Auslandssemester in Portugal zurückkommt, vermisst der Bulgare die internationalen Erlebnisse und sucht nach Veranstaltungen in Dortmund. Kurze Zeit später wird er Mitglied des Netzwerks.

Prost auf die Neuankömmlinge

Im April 2015 ist Dimitar als Organisator wieder auf einem ESN-Event. Noch fünf Minuten bleiben bis Anfang des Events, „Dimi“, wie ihn hier alle nennen, ist schon vor Ort. Er wisse, wie wichtig Pünktlichkeit in Deutschland ist. In kurzer Zeit kreisen etwa 50 ausländische Studierende die ESN Mitglieder an der S-Bahn-Haltestelle an der TU ein. Den Weg zur Uni findet jeder, deshalb ist die S-Bahn-Station meistens der Treffpunkt für die ESN-Events.

„Am Anfang wissen die meisten Erasmusstudenten nur, wo sich die Universität befindet”, sagt Dimitar. An dieser Stelle sei die ESN-Hilfe besonders wichtig, damit die Studierenden sich nicht verloren oder allein fühlen. “Auf diese Art und Weise habe ich mich selbst für eine gewisse Zeit in Portugal gefühlt und ich möchte nicht, dass es anderen Erasmusstudenten so geht.”

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Die ESN-Fahne und ein Gruppenfoto sind bei jeder Veranstaltung angesagt.

Die „Welcome Drinks“-Veranstaltung ist für Dimitar inzwischen zu einem Kinderspiel geworden. Ein lautes mehrstimmiges “Prost!” versetzt alle in eine merkbar gute Laune. Mal wieder ist das Eis zwischen Unbekannten gebrochen. Mit ESN-Fahne auf seinem Rücken und ESN-Logo auf seinem Herzen zeigt Dimi den Weg zur Sacki, einer typischen Dortmunder Studentenwohnheimkneipe. Dort wird es „sportlich“: Mit Flunkyball geht es in die Nacht.

Wenn es dunkel ist, dann wird Dimitar produktiv. Bis wenigstens 1 Uhr in der Nacht arbeitet er an seiner Bachelorarbeit in Spieltheorie.

Nachtschicht

21.00 Uhr am nächsten Abend: Am Computer, an dem er an zwei Monitoren seine Bachelorarbeit schreibt, öffnet Dimitar ein neues Fenster. Nachts könne er am besten lernen, sagt er. In seinem Browserfenster ist noch ein kleines blaues Quadrat mit einem weißen “f” drin zu sehen. Er zögert für einige Sekunden, entscheidet sich dann aber gegen Facebook. Jetzt wird gearbeitet! Dimitar startet einen Musik-Mix aus den 80er Jahren, setzt seine großen, roten Kopfhörer auf. Alle Lehrbücher und vier farbigen Post-its liegen vor ihm auf dem Tisch. Bis 2 Uhr arbeitet Dimitar an seiner Bachelorarbeit. Denn morgen ist er schon wieder mit dem Erasmus-Netzwerk unterwegs.

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Auf dem Food Festival berät Dimitar zusammen mit einem Kollegen einen ausländischen Studenten.

Das Ziel des ESN ist es, ausländischen Studenten die deutsche Kultur näher zu bringen. Deshalb geht das Netzwerk auch auf viele deutsche Kulturveranstaltungen, wie z.B. das Street Food Festival. Auch Dimitar ist einer der Besucher. Obwohl er das Event nicht mag, ist er für die anderen da. “Mir gefällt einfach die Arbeit beim ESN und dass man dadurch Bekannte in ganz Europa hat.” Seit Kurzem ist Dimitar sogar im „National Board Deutschland“.

Im Januar hat Dimitar das erste Wort seiner Bachelorarbeit eingetippt. Aber er wird wieder ausgebremst: Hilfe für zwei Erasmusstudentinnen, die den Flug nach Hause verpasst haben und einen Schlafplatz auf dem Sofa brauchten. Für dieses Engagement verzichtet Dimitar auf seine eigenen Interessen, weil er aus persönlicher Erfahrung weiß, wie gut es sich anfühlt, wenn jemand dir die Hand gibt.

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