Gebrauchte Mode: Das Vintage-Phänomen

Die alte Lederschultasche von Papa, dazu das flatternde Hippie-Kleid von Mama und als Krönung die goldene Uhrenkette von Oma: Kleidung aus der Klamottenkiste vergangener Jahrzehnte ist momentan ziemlich angesagt. Der Look hat auch einen Namen: „Vintage“. Doch was genau verbirgt sich dahinter und haben wir es hier mit einem echten Trend zu tun?

Vintage als permanentes Modephänomen: Warum nicht einfach mal Papas altes Karohemd als Kleid tragen?

Vintage - ein Modephänomen: Warum nicht einfach mal Papas altes Karohemd als Kleid tragen? Foto: Cathérine Wenk

Mit dem individuellen Kleidungsstil ist das heutzutage eine schwierige Sache. Große Bekleidungsläden dominieren den alltäglichen Modemarkt. Einzelstücke vom Designer oder Spezial-Anfertigungen aus der Schneiderei sind für Normalverdiener oder Studenten kaum erschwinglich. Dennoch besteht der Wunsch, über Mode die Persönlichkeit auszudrücken und sich von anderen abzuheben. Warum also nicht Kleidungsstücke und Accessoires aus vergangenen Zeiten, die es so nicht mehr gibt und die einzigartig sind, mit neuen Sachen kombinieren?

„Vintage ist kein Trend, sondern ein permanentes Phänomen“

Beim Vintage sind der modischen Kreativität keine Grenzen gesetzt: Papas Karohemd aus Jugendtagen wird eben schnell zum Kleid. Das Seidentuch von Oma aus den Fünfzigern lässt sich prima als Haarband verwenden. Wer in der Familienklamottenkiste nicht fündig wird, dem bleibt immer noch der Gang zum Flohmarkt oder in den Second-Hand-Laden.

Auch wenn sich der Look zurzeit großer Beliebtheit erfreut, könne man ihn nicht als Trend bezeichnen, meint Dr. Viola Hofman, Lehrende am Institut für Kunst und materielle Kultur der TU Dortmund. „Vintage ist ein permanentes Phänomen in der Mode. Seinen Boom hatte es in den Sechzigern. Damals haben junge Leute angefangen, beispielsweise alte Uniformen oder Bundeswehr-Parkas zu tragen. Seitdem ist Vintage aus der Mode nie ganz verschwunden.“ Dass Kleidungsstücke und Accessoires aus früheren Jahrzehnten heute gern und immer öfter getragen werden, habe sowohl mit einer Übersättigung auf dem aktuellen Modemarkt als auch mit einem gewissen Nostalgie-Effekt zu tun, meint Hofman. „Alte Sachen haben einen hohen Wert. Sie sind eine Rarität.“

Auch Möbel können „Vintage“ sein

Rita Körner (links) und Jacqueline Keller von 4Rooms. Das alte Küchenbuffet im Hintergrund haben die Mädels in ein trendiges Möbelstück verwandelt.

Rita Körner (links) und Jacqueline Keller von 4Rooms. Das alte Küchenbuffet im Hintergrund haben sie in ein trendiges Möbelstück verwandelt. Foto: Cathérine Wenk

Das Vintage-Phänomen bezieht sich allerdings nicht nur auf Mode, sondern lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten. Ein Beispiel dafür ist der Laden „4Rooms“ im Dortmunder Stadtteil Hörde. Die Inhaberinnen Rita Körner und Jacqueline Keller verkaufen hier alte Möbel, denen sie zuvor zu neuem Glanz verholfen haben. Rita Körner kümmert sich dabei um das Handwerkliche. Sie bearbeitet die gebrauchten Stücke, schleift und lackiert sie und verpasst ihnen anschließend einen neuen, farbenfrohen Anstrich. Jacqueline Keller ist für das Geschäftliche und die Beratung im Laden zuständig.
Das Vintage-Phänomen beobachten die beiden Freundinnen schon länger: „Das Bewusstsein der Menschen für alte Dinge steigt. Sie haben keine Lust mehr auf die Wegwerf-Gesellschaft. Nachhaltigkeit ist hier das Stichwort“, erklärt Jacqueline Keller. Die alten Möbel besorgen sich die Geschäftsfrauen bei Haushaltsauflösungen, aber sie nehmen auch Aufträge an: „Dann bringen Kunden ihr altes Stück in den Laden und wollen, dass wir es wieder aufpeppen. Sie hängen daran und finden es zu schade zum Wegwerfen“, erzählt Rita Körner. Neben den alten und gebrauchten Möbeln hübscht sie auch neue Stücke auf. „Die alten Möbel laufen aber auf jeden Fall besser.“

Ein neuer Trend naht: Das Stricken

Her mit der Wolle und den Nadeln! Stricken heißt der neue Trend

Her mit der Wolle und den Nadeln! Stricken heißt der neue Trend. Foto: Cathérine Wenk

Alte Sachen mit Geschichte sind in unserer schnelllebigen Zeit also immer noch gefragt. Vintage ist eben kein Trend, sondern drückt vielmehr ein Bedürfnis aus. Ein Bedürfnis nach Beständigkeit und dauerhafter Erinnerung. Erinnerungen, die sich mithilfe von Kleidung, Accessoires oder Möbeln aus vergangenen Jahrzehnten konservieren lassen.
Und dennoch: Die Modewelt hat für diese Sentimentalitäten nichts übrig. Während das Vintage-Phänomen im Hintergrund weiterläuft, ist bereits etwas Neues auf dem Vormarsch: das Stricken. „Das Stricken hat derzeit eine höhere Brisanz als Vintage“, erklärt Expertin Viola Hofman, „das uncoole, spießige Image der Handarbeit wird gerade abgelegt. Strickkreise mit jungen Leuten bilden sich, etablierte Schnitthefte werden durch trendige Strick-Magazine abgelöst.“

Dass Vintage und Stricken zu modischen Konkurrenten werden könnten, ist aber wohl eher unwahrscheinlich. Mamas Hippie-Kleid lässt sich ja schließlich auch perfekt mit einer selbstgestrickten Wollmütze kombinieren. Und ganz nebenbei treffen hier Raritäten aus unterschiedlichen Epochen aufeinander.