Theater um Steve Jobs

Andreas Beck verwandelt den ganzen Raum in eine Bühne. (Foto und Teaserbild: Birgit Hupfeld)

Andreas Beck verwandelt den ganzen Raum in eine Bühne. (Fotos und Teaserbild: Birgit Hupfeld)

Der Kult um die Produkte ist groß und wahre Apple-Jünger sind von ihrer Lieblingsmarke restlos überzeugt. Aber selbst die schillernde Welt von iPod, iPhone und Co. hat ihre Schattenseiten. In einem 90-minütigen Monolog erzählt der Dortmunder Schauspieler Andreas Beck von Apple-Gott Steve Jobs und der Welt hinter den Fabriktoren.

Etwas ratlos stehen die Zuschauer in dem kleinen, kahlen Raum. Es gibt keine Bühne, keinen Vorhang und keine Sitzreihen. Scheinbar wahllos zusammengewürfelte Stühle, Hocker und Bänke stehen in kleinen Sitzgruppen um niedrige Tische zusammen. Einige der Möbel sind in Plastikfolie eingehüllt, an den Wänden stehen Metallregale voller Kartons und Kisten. Zaghaft verteilt sich das Theaterpublikum auf die Sitzmöbel und wartet. Es verstreichen mehrere Minuten, bis plötzlich die Tür auffliegt und Andreas Beck alias Mike Daisey hereinwirbelt. Ein großer, stämmiger Mann im blau-karierten Hemd und mit weißen Turnschuhen. Plötzlich ist der ungemütliche Lagerraum voller Leben und das soll sich in den nächsten anderthalb Stunden nicht ändern.

Vier Fotos, die die Welt verändern

Der Schauspieler erzählt die Geschichte von Mike Daisey, einem amerikanischen Schauspieler, Autor und bekennendem Computer-Freak. Daisey ist fasziniert von Apple – dem Konzern, Steve Jobs und den Produkten. Aber er beginnt die Schattenseiten der Apple-Welt zu entdecken, als er eines Tages auf einem fabrikneuen iPhone auf vier Fotos stößt. Es sind Bilder, die Apple-Mitarbeiter in der Fabrik gemacht hatten, um die Kamera des Geräts zu testen.

Die Fotos öffnen für Daisey die Tür zu einer verborgenen Welt und zwingen ihn, den Apple-Kult zu hinterfragen. Plötzlich wird ihm klar, dass dort Menschen in einer Fabrik arbeiten und er fängt an, sich für diese Menschen zu interessieren. Die Ergebnisse und Erlebnisse seiner Recherchearbeit hat der Amerikaner in dem Bühnenstück „The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs“ zusammengefasst. Das Stück ist ein fast zweistündiger Monolog, im Original vom Autor selbst vorgetragen. Es ist das erste Mal, dass Daisey einen seiner Monologe aufgeschrieben hat, sodass ihn auch andere Darsteller spielen können. Und die Inszenierung am Schauspielhaus in Dortmund ist die erste deutsche Übersetzung des Textes.

Skandal um erfundene Passagen im Stück

Das Stück soll einen Impuls zum Grübeln geben. (Fotos: Birgit Hupfeld)

Das Stück soll einen Impuls zum Grübeln geben.

Im Vorfeld der Produktion hatte sich die Dortmunder Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz mit Mike Daisey getroffen und über das Stück gesprochen. Das Gespräch vom Mai 2012 kann man im Online-Programmheft zum Stück nachlesen. Dort geht es auch um die Kritik, die nach Aufführungen des Stücks in den USA laut wurde. Dem Amerikaner Daisey wurde unsauberes Vorgehen vorgeworfen, weil er in der ersten Version des Stücks von Dialogen mit Arbeitern berichtete, die zwar anhand der von ihm recherchierten Fakten realistisch waren, so aber nie geführt wurden.

Fehler lenkten vom Thema des Stücks ab

Der Autor selbst sagt dazu: „Ich bin wütend auf mich selber. Ich habe Fehler gemacht, einige ethisch fragwürdige, falsche Entscheidungen getroffen und trage dafür die Verantwortung.“ Am meisten bedauere er aber, dass er dadurch einigen Menschen die Gelegenheit gegeben habe, von den wirklich wichtigen Punkten wegzulenken.

Inzwischen hat er die entsprechenden Passagen überarbeitet, aber zunächst führte der „Fehler“ dazu, dass die Diskussion sich nicht mehr um die Kernaussagen des Stücks drehte, sondern um die Kritik an Daiseys Arbeitsweise. Dieser sieht darin eine Strategie, sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Kritikpunkten zu drücken.

Daisey selbst kritisiert im Stück, dass die Menschen nur ein bisschen googlen müssten, um etwas über die Zustände in den Produktionsstätten zu erfahren. Vielleicht wissen sie auch längst Bescheid, mutmaßt er. Aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie wollen seiner Meinung nach nicht über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn, wo Apple produzieren lässt, reden. So lauten zumindest die Vorwürfe im Theaterstück.

Die Menschen wollen lieber darüber reden, dass Mike Daisey gelogen hat – weil das einfacher ist, glaubt er selbst.

Die Schizophrenie des Apple-Fans

In der Dortmunder Inszenierung von „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ wird dieses Verhalten immer wieder kritisiert. „Es gibt zurzeit einfach zu wenig Menschen im Ökosystem, die es kümmert!“, schreit Andreas Beck das Publikum wütend an. Aber auch er, in seiner Rolle als Mike Daisey, muss es sich eingestehen, dass der besondere Reiz der Apple-Produkte nicht von der Hand zu weisen ist. Selbst wenn Steve Jobs, wie es im Stück heißt, „ein größenwahnsinniges Arschloch war und vielleicht ein kleines bisschen ein Tyrann“. Und so schwankt der Darsteller während seiner gesamten Erzählung irgendwo zwischen Begeisterung und Kritik.

Die Schizophrenie eines Apple-Fans, der die Probleme sieht, die Vermarktungsstrategien durchschaut und sich trotzdem selbst dabei erwischt, wie er beim Anblick des neuesten iPods, Apple-Computers oder Routers wie Andreas Beck im Stück völlig ausflippt und zur Stimme der Vernunft in seinem Kopf sagt: „Schnauze! Weil ich ihn haben will! Weil er weiß ist und klein und viereckig und ein perfektes Design im Bauhausstil hat.“

Keine Sekunde Langeweile

Andreas Beck gelingt es, den wirren Erzählstil und die wechselnden Launen seiner Rolle perfekt rüberzubringen. Er redet über 90 Minuten fast pausenlos und es ist keine Sekunde langweilig. Mal dehnt er die Sätze wie Kaugummi, dann sprudelt plötzlich wieder ein ganzer Wortschwall aus ihm heraus. Er erzählt in höchster Erregung. Ringt scheinbar nach Worten, tupft sich immer wieder den Schweiß von der Stirn und gestikuliert wild mit den Armen. Dann stürmt er durch das Publikum zu einem Lagerregal am anderen Ende des Raums und simuliert die Selbstmorde von Apple-Mitarbeitern, indem er eine Enten-Hoppelfigur aus Plastik vom Regal springen lässt.

Für Andreas Beck ist Theater eigentlich "ein Mannschaftssport". (Foto: Birgit Hupfeld)

Für Andreas Beck ist Theater eigentlich "ein Mannschaftssport".

„Dieser Abend ist wie ein Virus“

Das Publikum lacht, murmelt und wird irgendwann ganz still, denn sie alle haben ein Handy in der Hosentasche und ein Dutzend anderer Geräte zu Hause. Am Ende verlassen sie den Raum nachdenklich, aber noch immer bereit, die Schuld von sich zu weisen. „Ich muss diese Technik beruflich nutzen. Davon kann ich mich nicht freimachen“, erklärt einer der Zuschauer. Ein anderer spricht von einer „gesellschaftlichen Aufgabe“, aber dass er selbst etwas tun kann, um die Arbeitsweise der Firmen zu beeinflussen, hält er allerdings für unmöglich.

Ob also der Virus, von dem am Ende des Stücks die Rede ist,  sich auf die Zuschauer übertragen hat, bleibt fraglich. Auf jeden Fall hatten sie einen unterhaltsamen und aufschlussreichen Abend.

Zwischen Fiktion und Realität

Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs ist ein ungewöhnliches Stück. Es ist Aufklärungstheater mit einer Story irgendwo zwischen Fiktion und Realität. Aber es ist unterhaltsam, nachdenklich und großartig besetzt.

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