Rugby: Kein Sport für Simulanten

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Anfang August ist es soweit – die Olympischen Spiele in Rio starten. Aber olympische Sportarten gibt’s auch im Pott. Wir stellen euch fünf davon vor. Heute ist Rugby dran.
Nach ganzen 92 Jahren Pause ist die Sportart dieses Jahr wieder eine olympische Disziplin. Doch was macht Rugby eigentlich aus? Muskulöse Männer, die sich im Schlamm um einen Ball prügeln – das ist das Klischee.  TU-Studentin Linda Arsenjuk erklärt, wie es wirklich geht und räumt mit Vorurteilen auf.

Ein Rugby-Spieler kann schmal und zierlich sein. Rugby spielen ist nicht gefährlicher als Fußball. Zwischen Rugby und Football liegen Welten. Überrascht? Dass viele Deutsche so wenig über Rugby wissen, liegt wohl daran, dass die englische Sportart hier weniger etabliert ist als in anderen Ländern. Laut des Deutschen Rugby-Verbandes gibt es derzeit 124 Vereine in Deutschland. Doch was macht Rugby denn nun aus? Linda Arsenjuk verbindet den Sport mit Fairness, Teamgeist und Spaß am Spiel. Seit eineinhalb Jahren ist sie Teil der 7er-Mannschaft der Dortmunder Rugby Divas.

Kurz und knapp: Die Regeln
DSC01367Für jeden, der bei den Olympischen Spielen mitreden möchte: In Rio wird 7-er Rugby gespielt. Im Gegensatz zum klassischen Rugby Union stehen bei dieser Variante – wie der Name bereits verrät – nur sieben statt 15 Spieler auf dem Feld. Ein Rugbyfeld darf höchstens 70 mal 100 Meter groß sein und ist so vergleichbar mit einem Fußballfeld. Ein Spiel dauert zwei mal sieben Minuten.

Ziel des Rugbyspiels ist es, den eiförmigen Ball mit schnellen Läufen und Pässen im gegnerischen Malfeld abzulegen. Dieser sogenannte Versuch bringt fünf Punkte. Anschließend hat das Team zusätzlich die Chance, eine Erhöhung von zwei weiteren Punkten zu erzielen. Dafür muss der Ball durch die senkrechten Latten eines H-förmigen Tors gekickt werden.

Während des Spiels darf der Ball nur nach hinten gepasst werden. Um vorwärts zu kommen, muss er deshalb getragen oder gekickt werden. Durch das sogenannte Tackling (Tiefhalten) des balltragenden Spielers versucht die gegnerische Mannschaft, den Angriff aufzuhalten und den Ball zurück zu gewinnen.

Linda Arsenjuk ist durch den Hochschulsport auf Rugby aufmerksam geworden. „Irgendeinen Teamsport“ wollte sie ausprobieren. Während der ersten Trainingseinheiten war sie überrascht, wie herzlich sie direkt aufgenommen wurde. „Der Teamgeist und der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft sind toll. Falls jemand mal einen Fehler macht, sind die anderen nie böse. Wenn wir verlieren, verlieren wir zusammen.“

Vor dem ersten Training geflüchtet

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Linda Arsenjuk ist Promotionsstudentin an der TU Dortmund. Einen Ausgleich findet sie beim Rugby.

Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass Linda bei ihrem ersten Rugbytraining noch vor Beginn geflüchtet ist. „Ich war ein wenig zu früh da, und hatte Zeit zum Nachdenken“, erinnert sie sich grinsend. „Damals habe ich mir ausgemalt, wie die Frauenmannschaft aussehen könnte. Da habe ich Angst bekommen und bin wieder nach Hause gefahren.“ Die 28-Jährige hatte Stereotype von großen, muskulösen und gnadenlosen Frauen im Kopf. Heute kann sie nur darüber lachen, wie sehr sie sich damit geirrt hat.

Denn wer Rugby spielen möchte, muss nicht unbedingt stark und groß sein. „Es gibt nicht den perfekten Körper für einen Rugby-Spieler“, versichert die 28-Jährige. Je nach Position brauche das Team ganz unterschiedliche Talente. „Bei uns ist für jeden etwas dabei.“ Und vor Verletzungen sollte sich auch niemand fürchten: Es gibt feste Tackling-Regeln beim Rugby, nach denen nicht oberhalb der Schulterpartie angegriffen werden darf. Empfindliche Stellen wie Hals und Kopf bleiben so verschont. „Nach einem Turnier habe ich natürlich blaue Flecken. Richtig stark verletzt war ich aber noch nie“, sagt die Promotionsstudentin.

Rugby ist nicht gleich Football
  1. Der Spielverlauf im Rugby ist insgesamt viel flüssiger, weil sich nur eine Mannschaft pro Team auf dem Spielfeld bewegt. Beim Football gibt es eine Defense- und eine Offense- Mannschaft, die sich nach jedem Spielzug abwechseln.
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    Beim Tackling wird der Gegner gezielt am Unterkörper angegriffen.

    Beim Football dürfen auch Spieler getacklet werden, die nicht im Ballbesitz sind. Das ist beim Rugby anders und verringert die Verletzungsgefahr.
  3. Ein Rugby-Team trägt im Gegensatz zu einem Football-Team keine Schutzkleidung. Die Spieler benötigen lediglich einen Zahnschutz.
  4. Beim Football darf der Ball in jede Richtung gepasst werden. Beim Rugby hingegen dürfen Pässe nur nach hinten erfolgen.

Der Studentin macht Rugby besonders viel Spaß, weil sie durch den Sport ihren ganzen Körper trainiert: „Man braucht den Oberkörper, den Unterkörper, Kraft, Kondition, aber auch Präzision.“ Das alles bindet ihr Coach Nev Granby zwei Mal die Woche spielerisch in das Training ein, damit die Übungen auch Spaß machen. Trainiert wird dabei immer draußen, das ganze Jahr über.

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Eine bunte Mischung: Die Rugby Divas nehmen jede neue Spielerin herzlich auf.

„Mir ist wichtig, dass die Mädels auf mich hören“, sagt Granby und muss lachen. Der gebürtige Nordengländer trainiert die Rugby Divas seit knapp acht Jahren. Schon im Kleinkindalter kam Granby mit Rugby in Berührung und spielte seitdem leidenschaftlich gerne – bis er wegen einer Verletzung aufhören musste. Der 56-Jährige legt beim Training der Rugby Divas deshalb neben dem Spaßfaktor vor allem auf die Sicherheit Wert: „Bei einigen Übungen achte ich besonders darauf, dass die Mädchen sehr viel Körperspannung haben und alles richtig machen, damit sich niemand verletzt.“

Wenn es dann bei einem Turnier gegen eine andere Mannschaft ernst wird, gefällt Linda besonders die Atmosphäre, die stark von Respekt gegenüber dem eigenen Team, dem gegnerischen Team und dem Schiri geprägt ist. „Wenn der Schiri eine Entscheidung getroffen hat, akzeptieren wir sie. Wir würden niemals mit ihm diskutieren“, erklärt sie. „Rugby ist ganz anders als Fußball. Wir werfen uns nicht auf den Boden, um ein Foul vorzutäuschen. Wo wäre denn da der sportliche Gedanke?“ Rugby sei so insgesamt ein sehr fairer, harmonischer Sport.

Auch wenn sich keine deutsche Mannschaft für die Olympiade in Rio qualifiziert hat, möchte Linda die Rugby-Spiele auf jeden Fall verfolgen. Dabei guckt sie normalerweise ungerne Sport im Fernsehen. „Weil ein 7-er-Rugby-Spiel ja nur 14 Minuten dauert, kann man das aber gut gucken. Außerdem kann ich die Spielzüge nachvollziehen, das macht sehr viel aus.“

Rugby Football Club (RFC) Dortmund
Den RFC gibt es seit 2007. Mittlerweile hat der Verein 120 Mitglieder – darunter auch nicht mehr aktive Spieler, Trainer oder Unterstützer. Der RFC hat eine 15er Herrenmannschaft und eine 7er Damenmannschaft, die Rugby Divas. Bei der deutschen Meisterschaft 2016 haben die Damen den achten Platz belegt.

Der RFC freut sich über neue Mitglieder. Wer an dem Sport interessiert ist, kann sich auf der Internetseite oder der Facebookseite des Vereins weiter informieren. Die Sportart kann auch im Rahmen des Hochschulsports belegt werden.

Fotos: Sarah Puczewski
Teaserbild: Leonie Rottmann

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