Jugendszenen – ein wissenschaftlicher Einblick

Es gibt Punks, Indies und Hipster – bekannte Bezeichnungen für Menschen, die irgendwie „anders“ sind. Viele weitere Jugendszenen bleiben hingegen eher im Verborgenen. Für Wissenschaftler stellt die Vielfalt der Gruppierungen einen beinahe unerschöpflichen Fundus an Forschungsmaterial dar. Heiko Kirschner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der TU Dortmund, gibt einen Einblick in das Phänomen „Jugendszenen“.

Heiko Kirschner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie an der TU.  Foto: Heiko Kirschner

Heiko Kirschner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie an der TU. Foto: Heiko Kirschner

Herr Kirschner, ich habe das Gefühl, es gibt heute so viele Jugendszenen wie nie zuvor – stimmt das?

Das ist richtig. Das liegt letztendlich daran, dass wir es mit einer so genannten „Multioptionsgesellschaft“ zu tun haben. Das heißt, es gibt zwei Prozesse in gegenwärtigen Gesellschaften, ohne die es das Phänomen Jugendszenen so wahrscheinlich nicht gäbe. Das ist zum einen die Pluralisierung und zum anderen die Individualisierung. Pluralisierung bedeutet, dass es ein unglaubliches Angebot an Möglichkeiten heutzutage gibt, aus denen man frei wählen kann. Sei es bei der Milchauswahl an der Frischetheke oder eben bei der Gestaltung der Freizeit. Mit Individualisierung ist hingegen die Freisetzung des Individuums aus standes- und milieuspezifischen Wegen gemeint. 

Was genau ist denn überhaupt eine „Jugendszene“?

Eine Jugendszene ist ein Gesellungsgebilde, ein Typus einer Gemeinschaft. Erst einmal ist sie thematisch fokussiert. Also die Jungs um den Häuserblock rum sind so keine Jugendszene. Es ist ein mehr oder weniger loses Netzwerk, in dem die einzelnen Aufgaben klar verteilt sind. Zum Beispiel auch DJ, Fan und Veranstalter, die können alle Fans sein, der DJ wird wahrscheinlich auch Fan sein, aber es gibt trotzdem eine Art Aufgabenteilung. Außerdem ist es typischerweise schwierig, wie ich mich einerseits selbst als szenezugehörig ausweisen soll und wie ich andererseits auch bei anderen erkennen kann, dass sie gleichgesinnt sind; zumindest innerhalb dieser kleinen sozialen Lebenswelt. Wir nennen das Ganze das Konzept des „Zugehörigkeitsmanagements“.

Wie hat sich die Jugendszene-Landschaft in Deutschland zu dem entwickelt, was sie heute ist?

Also ich denke historisch festmachen kann man das an dem Verfall der großen Subkulturen. Subkulturen sind, im Unterschied zu Jugendszenen, immer Gegendarstellungen zu einer wie auch immer gearteten, allgemein verständlichen Kultur. Ich denke die 68er-Bewegung hat eindrücklich gezeigt, dass es einfach andere Ideen gibt. Subkulturelle Ideen, die sich ausprägen und schließlich dazu geführt haben, dass das Wissen darüber, was eigentlich eine Leitkultur ist, zu einem Flickenteppich wurde. Für Subkulturen ist es dann sehr schwierig, sich ohne diese Leitkulturen halten zu können. Es entsteht also Spielraum für neue Gesellungsgebilde, wie z.B. für Jugendszenen. 

Wie genau geht dieser Vorgang der Szenebildung vonstatten und was sind die Gründe für dieses Phänomen?

Am einfachsten zu erklären ist das mit der These der Erlebnisgesellschaft. Diese zielt darauf ab, dass man in diesen riskanten Freiheiten, die man besitzt, versucht, so viel wie möglich zu erleben und zwar, Außergewöhnliches zu erleben. Dafür braucht man Leute, die ein Interesse für ein bestimmtes Thema teilen. Innerhalb dieser Gruppe differenziert sich das Thema schließlich immer weiter aus. Alles wird professioneller. Das Allerwichtigste ist jedoch, dass die Menschen ständig auf der Suche nach der so genannten „situativen Kuhstallwärme“ sind. Also nach Ereignissen und Erlebnissen, die verbinden, und wo ich mich mehr oder weniger zu Hause fühle. Übrigens ein Begriff, der sehr schwierig ist zum Übersetzen, egal in welcher Sprache.

Kann es umgekehrt auch passieren, dass vielleicht eine Szene ausstirbt?

Das ist eine schwierige Frage. Dafür habe ich auch kein Beispiel. Im Gegenteil, gerade jetzt sehen wir sogar eine Wiederbelebung des Techno. Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, dass Szenen nicht unbedingt etwas mit Alter zu tun haben. Unser Konzept geht nicht in die Richtung, dass wir Jugend altersmäßig beschränken und sagen, du bist von zwölf bis 29 jugendlich. Es geht eher um einen Typ Mensch, der sich seine Jugendlichkeit bewahren möchte. Und dafür braucht er Räume, in denen er sich ausleben kann. 

Gibt es typische Merkmale für die Jugendszenen in Deutschland – auch im internationalen Vergleich?

Also ich glaube, Jugendszenen kann man, zumindest unter Berücksichtigung der Mediatisierung, gar nicht so sehr national festmachen. Jugendszenen muss man als Sinnwelten begreifen. Diese haben zwar immer noch lokale Grenzen – zum Beispiel muss es Treffpunkte geben oder es gibt Sprachgrenzen – aber die Durchdringung des Szenewissens durch diese Grenzen ist sehr stark. Es gibt unglaublich viele Sinnangebote oder anders beschrieben, „Vehikel für besonderes Erleben“. Daran sieht man sehr schön, dass Jugendszenen einen längerfristigen Charakter haben. 

Eine Jugendszene, in der sportliches Talent gefragt ist: Parkour. Foto: Benjamin Hell / pixelio.de

Eine Jugendszene, in der sportliches Talent gefragt ist: Parkour. Foto: Benjamin Hell / pixelio.de

Nun zu Ihnen – gibt es eine Szene, die Sie besonders fasziniert oder sind Sie vielleicht auch selbst in einer Szene aktiv?

Ich würde mich definitiv der Techno-Szene zuschreiben. Das ist die eindeutigste Szene, an der man mich erkennt. Wobei da der Erkennungsgrad heutzutage auch nicht so einfach geworden ist. Ich glaube man sieht Leuten nicht mehr an, dass sie zu Techno gehören. 

Sie sind neben Ihrem Beruf als wissenschaftlicher Mitarbeiter gleichzeitig auch Mitglied in der Chefredaktion der Internetplattform jugendszenen.com. Welchen Sinn und Zweck hat dieses Portal?

Jugendszenen.com ist ein Archiv für Szeneforschung, wie es so zumindest online noch keines gibt. Wir möchten mit diesem Portal sowohl einen wissenschaftlichen Anspruch, als auch eine Innensicht aus den jeweiligen Szenen darstellen. Die Plattform selbst gibt es schon seit 2002, wobei wir am 12.Mai 2014 mit einem Relaunch der Seite neu an den Start gegangen sind. Wir bauen nun auf den vergangenen Konzepten auf, bei denen viele Szeneforscher sehr tief in die Szenen abgetaucht sind und gute Steckbriefe geschrieben haben. Jugendszenen sind allerdings ein ständiger dynamischer Prozess und es ist schwierig, immer up to date zu sein. Deshalb haben wir heute den Anspruch, vor allem die Szene als Inhalt auf unserer Seite mit zu verändern. Mit der Website bieten wir jedoch nicht nur all denjenigen eine Plattform, die aus dem akademischen Umfeld stammen, sondern auch Laien, wie beispielsweise Studenten. Diese können auf jugendszenen.com Informationen für ihre Abschlussarbeiten sammeln. 

 

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