Tor oder nicht? Das ist hier die Frage!

Es hätte wieder einige Diskussionen geben können, nach dem WM-Spiel Frankreich gegen Honduras in Porto Alegre. Denn Zuschauer und Spieler konnten kaum erkennen, ob der Abpraller nach dem Schuss von Karim Benzema tatsächlich die Linie des Honduraner Tores überquert hat oder nicht. Doch Schiedsrichter Sandro Ricci gab nach einem kurzen Blick auf seine Uhr entschlossen den 2:0 Treffer für die Franzosen. Seiner Entscheidung konnte er sich sicher sein – dank der Torlinientechnik, die in Brasilien erstmals bei einer Weltmeisterschaft zum Einsatz kommt und eine ziemlich sichere Auskunft darüber gibt, ob der Ball im Tor gelandet ist.
 
Bei dem Spiel in Porto Alegre ging es „nur“ um Vorrundenpunkte; doch aufgrund falscher Torentscheidungen wurden schon ganze Weltmeisterschaften entschieden. Wir stellen euch die strittigsten Tor-Entscheidungen in der Fußball-Geschichte vor und wagen eine, nicht immer ernst gemeinte Prognose, was gewesen wäre, wenn…
 
England – Deutschland, 30.07.1966, 4:2 n.V.
Es ist die wohl bekannteste strittige Torentscheidung in der Fußballgeschichte. Das „Wembley-Tor“ im WM-Endspiel 1966. Der Schuss des Engländers Geoff Hurst in der 101. Minute beim Stand von 2:2 prallte an die Unterkante der Querlatte des deutschen Tores und anschließend auf der Torlinie auf. Von da aus klärte der deutsche Verteidiger Wolfgang Weber per Kopfball. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst entschied auf Tor und stellte somit die Weichen für den ersten und einzigen englischen WM-Titel.
Und wenn das Tor nicht gegeben worden wäre?
Eine alte Fußballweisheit sagt: Engländer können kein Elfmeterschießen. Die Deutschen hätten am Ende also klar den aus heutiger Sicht vierten WM-Triumph gesichert. An Franz Beckenbauers Kaiser-Titel würde keiner mehr zweifeln und die Sportfreunde Stiller hätten niemals ihren WM-Hit „54,74,90,2006″ veröffentlicht.
 
Deutschland – England, 27.06.2010, 4:1
Die Revanche für das Wembley-Tor gab es 44 Jahre später im Achtelfinale der WM 2010. Diesmal war es der Engländer Frank Lampard, der den Ball in der 38. Minute an die Unterkante der Querlatte schoss. Von dort aus landete der Ball jedoch eindeutig hinter der Linie des deutschen Tores. Schiedsrichter Jorge Larrionda ließ weiterspielen – das Tor wäre der zwischenzeitliche 2:2 Ausgleich gewesen.
Und wenn das Tor gegeben worden wäre?
Was regen sich die Engländer eigentlich so auf? Gegen unsere DFB-Jungs hätten sie auch so keine Chance gehabt!
 
1899 Hoffenheim – Bayer 04 Leverkusen, 18.10.2013, 1:2
Stefan Kießlings Treffer zum 0:2 in der 70. Minute ist als „Phantom-Tor“ in die Bundesligageschichte eingegangen. Der Schuss des Leverkuseners geht eigentlich knapp am Pfosten vorbei, doch durch ein Loch im Außennetz findet der Ball seinen Weg ins Tor der Hoffenheimer. Bayer gewinnt am Ende 1:2 und steht am 9. Spieltag für eine Nacht auf Platz 1 der Bundesliga. Hoffenheim legt Protest gegen die Wertung des Spiels ein, scheitert jedoch am DFB-Sportgericht.
Und wenn das Tor nicht gegeben worden wäre?
Nach einem langweiligen 1:1 Unentschieden wäre das Spiel in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Bayer bleibt so oder so auf ewig „Vizekusen“ und Hoffenheim wäre am Ende ebenfalls im Niemandsland der Tabelle gelandet.
 
FC Bayern München – FC Nürnberg, 23.04.1994, 2:1
Am drittletzten Spieltag der Saison schiebt Bayern-Spieler Thomas Helmer in der 26. Minute den Ball am Nürnberger Tor vorbei. Doch Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers erkennt den Treffer auf Signal seines Linienrichters hin an. Die Bayern gewinnen am Ende mit 2:1. Der DFB sorgt anschließend für das erste Wiederholungsspiel wegen eines Regelverstoßes in der Bundesliga, das die Bayern noch klarer mit 5:0 gewinnen.
Und wenn das Tor nicht gegeben worden wäre?
Tatsächlich wären bei einem Unentschieden (und gleichem Ausgang der anderen Spiele) die Bayern am Ende der Saison nicht Meister geworden (sondern der 1. FC Kaiserslautern) und Nürnberg durch den Punktgewinn nicht abgestiegen. Alle Beteiligten hätten sich viele Nerven gespart und den Abend des Wiederholungsspiels viel sinnvoller verbringen können.
 
Borussia Dortmund – FC Bayern München, 17.05.2014, 0:2 n.V.
In der 65. Minute des DFB-Pokalfinales 2014 köpft BVB-Verteidiger Mats Hummels beim Stand von 0:0 den Ball ins Tor der Bayern. Deren Abwehrspieler Dante kann den Ball kurz hinter der Linie aus dem Tor schießen. Doch das ist erst in der Wiederholung deutlich zu erkennen. Schiedsrichter Florian Meyer sieht den Ball bei Dantes Klärungsversuch noch auf der Linie und gibt das Tor nicht. Am Ende gewinnen die Bayern in der Verlängerung mit 2:0 und sichern sich ihren 17. Pokalsieg.
Und wenn das Tor gegeben worden wäre?
Man stelle sich vor, der BVB rettet das 1:0 durch Hummels über die 90 Minuten und luchst den Bayern den Pokal wieder ab. Da Pep Guardiola mit der Meisterschaft nun nur einen Titel der Bayern verteidigen konnte, wird er noch am selben Abend gefeuert. Aus lauter Verzweiflung geht Philipp Lahm vorzeitig in Rente, Götze und Neuer wechseln zu RB Leipzig. Die Vereinsspitze verpflichtet Lothar Matthäus als Guardiolas Nachfolger. Der will mit dem Verein einen kompletten Neuanfang wagen und schlägt vor, nach Brasilien überzusiedeln, um dort um die Meisterschaft zu kämpfen. Schließlich kennt er sich nach seinen ehemaligen Trainerstationen dort bestens aus und wärmer als in München ist es allemal.

 

GoalControl 4D – Die Torlinientechnik bei der WM 2014
 

Zahlen, Daten, Fakten

Name: Torlinientechnik

Hersteller: Goal Control

Erste offizielle Einsätze: FIFA Confederations Cup & FIFA-Club-Weltmeisterschaft 2013

Anzahl der Kameras: 14 (sieben pro Tor)

Fehlertoleranz: 1,5 cm

Zuverlässigkeit: 98 %

Kosten: 180.000 – 300.000 Euro

Torlinientechnik – was ist das eigentlich genau?
Die Torlinientechnik „GoalControl-4D“ ist ein Hilfsmittel, das überprüft, ob der Ball beim Fußball die Torlinie mit vollem Umfang überquert hat oder nicht. Sie soll die Schiedsrichter bei ihrer Entscheidung über Tor oder nicht Tor maßgeblich unterstützen. Den Zuschlag für die WM 2014 in Brasilien hat die deutsche Firma „Goal Control“ aus Würselen bekommen. Für die Weltmeisterschaft sind alle zwölf Stadien mit Kameras ausgerüstet.
Goal Control? Kennt man die?
Eigentlich kann man Goal Control schon nicht mehr als Start-up-Unternehmen bezeichnen. Seit sie für die FIFA-WM in Brasilien den Zuschlag bekommen hat, ist die Firma aus Würselen in aller Munde. Betrachtet man aber den Werdegang des Unternehmens, drängt sich doch der Eindruck eines Start-ups auf. Goal Control gibt es nämlich erst seit knapp zwei Jahren. Der kometenhafte Erfolg des Unternehmens basiert auf einer einfachen und doch so plausiblen Idee: Statt auf komplizierte Art und Weise Chips in die Fußbälle einzubauen oder den gesamten Stadionrasen umzuwälzen, um die Strafräume mit Magnetfeldern auszustatten, machte Goal Control es sich (und allen anderen) einfach: Warum nicht einfach alles so lassen, wie es ist, und externe Kameras einbauen? Ein simpler Vorschlag, der sich für das Unternehmen ausgezahlt hat.
Und so funktioniert’s:
Das System basiert auf 14 Kameras – jeweils sieben pro Spielfeldhälfte. Diese werden im Halbkreis um die beiden Tore herum angeordnet. So soll gewährleistet sein, dass der Ball in jeder Millisekunde des Spiels von mindestens drei der Kameras in drei Dimensionen erfasst werden kann, sobald er in der Nähe der Torlinie ist. Fällt ein Tor, so wird binnen weniger als einer Sekunde ein Signal an die Uhr des Schiedsrichters übermittelt, auf der sogleich das Wort „Goal“ aufblinkt.

Die Aufzeichnungen der Kameras werden außerdem durch Glasfaserkabel in eine Zentrale geleitet. Von dort aus kann ein Angestellter die Vorgänge im Stadion und somit die korrekte Skalierung der Kameras jederzeit kontrollieren. Zudem werden von der Zentrale aus die Animationen strittiger Torszenen an die großen Anzeigetafeln gesendet, auf denen die Stadionbesucher die Szene nachträglich verfolgen können.

Aber … braucht man das wirklich?
Ein billiges Vergnügen ist die Torlinientechnik mit Sicherheit nicht. Je nach Stadion kann der Preis zwischen 180.000 und 300.000 Euro variieren – und dabei handelt es sich lediglich um die erstmaligen Anschaffungskosten. Durch Wartungen und eventuelle Optimierungen wird pro Stadion von einem Preis von mindestens 500.000 Euro für drei Jahre ausgegangen. Die Bundesliga-Vereine haben sich jedenfalls noch im März dieses Jahres gegen die Einführung der Torlinientechnik entschieden.
Mehr zum Thema
Beim WM-Spiel Frankreich gegen Honduras kam also erstmals die Torlinientechnik zum Einsatz. Schön und gut – aber macht sie auch in Deutschland Sinn? Darüber diskutieren unsere Autoren im Duell zur WM. 

Teaser-Bild: Rike / pixelio.de

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