Interview: Vom Studenten zum Medienexperten

„Die kenn‘ ich doch …?!“, hat sich wohl der eine oder andere Zuschauer der vergangenen Talkshow mit Günther Jauch gedacht. Zumindest diejenigen, die in der EF50 schon mal zusammen mit Moritz Tschermak und Mats Schönauer eine Vorlesung besucht haben. Nur knapp einen Monat nach bestandener Bachelorprüfung marschierten die beiden vom Hörsaal direkt in eine der größten deutschen Talkrunden – und zwar als Medienexperten. Grund dafür ist ihr Internetblog topfvollgold. Darin beschäftigen sie sich mit den Schlagzeilen der Regenbogenpresse. Moritz Tschermak erzählt, wie es sich anfühlt, plötzlich Teil der Diskussionen zu sein, die er als Student nur beobachtete. 

topfvollgold: Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak (rechts)

topfvollgold: Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak (rechts) Foto: topfvollgold.de

Moritz, ihr beschäftigt euch mit der Regenbogenpresse. Wie kommt man auf sowas?

Als Studenten haben Mats und ich nah beieinander gewohnt und waren oft zusammen einkaufen. Wir sind dann nicht an dem Regal mit den Heften vorbeigegangen, sondern stehen geblieben. Und wir haben schnell gemerkt: Die tragischen Geschichten, die groß auf dem Titel angekündigt werden, fallen im Inneren systematisch in sich zusammen. Gleichzeitig hat schon unsere erste Recherche ergeben, dass diese Hefte eine sehr große Auflage haben. Die „Freizeit Revue“ kann zum Beispiel sehr gut mit der Auflage des Spiegel mithalten. Für uns war schnell klar: Da geht es um ziemlich viel Quatsch in sehr hoher Auflage. Und damit war die Regenbogenpresse ein absolut vernachlässigtes Thema, um das wir uns kümmern wollten.

…und dann kam der Blog. Wie war die erste Resonanz?

Um ehrlich zu sein, sind wir in den ersten Tagen gar nicht auf die Idee gekommen, überhaupt eine Besucherstatistik zu führen. Das kam erst an Tag drei oder vier. Es waren aber ziemlich schnell rund 100 Leute pro Tag auf unserer Seite.

Wie viele sind es aktuell?

Im Schnitt etwa zwischen 1700 und 2700 Besucher pro Tag.

Wie erklärt ihr euch, dass topfvollgold auf so großes Interesse stößt?

Wir hatten das große Glück, dass Stefan Niggemeier – ein namhafter Medienjournalist – unseren Blog aufgegriffen hat. Das war am Anfang sicherlich ein sehr großer Multiplikationsmechanismus für uns. Auch Facebook und Twitter spielen da eine große Rolle. Genauso eben Auftritte im Fernsehen.

Wie war die Besucherzahl auf eurem Blog während und nach eurem Auftritt bei Günther Jauch?

Das können wir nicht genau sagen, weil der Server zwischenzeitlich zusammengebrochen ist. Aber zwischen 22 und 23 Uhr waren es um die 5500 Leute.

Wie fühlt sich das an: vom Journalistik-Studenten im Hörsaal zum Medienexperten bei Jauch?

Es ist echt ein verrückter Zufall gewesen, dass wir ausgerechnet am ersten Geburtstag des Projektes in einer der größten deutschen Talkshows saßen. Einen ersten Nervositätsschub haben wir bekommen, als uns klar wurde, dass vorher der Münster-Tatort läuft. Das bedeuteten sicherlich noch ein paar Millionen Zuschauer mehr. Auf der anderen Seite haben wir im vergangenen Jahr sehr viel Zeit und Arbeit in den Blog und unsere Recherchen gesteckt. Und deshalb fühlte ich mich auch ziemlich sicher.

Eigene Präsenz in den Medien: War das euer Ziel bei Gründung des Blogs?

Nein. Es gab gar keinen wirklichen Plan bei der Gründung. Weder einen Businessplan noch ein Konzept wo wir wann sein wollen. Im Grunde waren und sind wir zwei Jungs mit einem Blog. Dass wir selber in großen Medien als Beobachter oder Experten befragt werden, ist für uns auf jeden Fall eine große Ehre, aber eben auch eine Situation, die so für uns nicht abzusehen war.

Wann wurde euch bewusst, dass eure Arbeit mehr und mehr ins Bewusstsein der Medien gelangt, das Thema und der Block Interesse wecken?

Als bei „Wetten, dass…“ ein Ausriss unseres Blogs eingeblendet wurde und sich Helene Fischer in diesem Kontext über die Berichterstattung der Regenbogenpresse geäußert hat, haben wir schon gemerkt, dass wir da was angestoßen haben. Scheinbar hat es schon Aufmerksamkeit erregt, dass sich zwei junge Typen massenhaft mit den Heften beschäftigen, die eigentlich für ältere Damen gemacht werden. Diese Aufmerksamkeit freut uns. Denn wir wollten auf jeden Fall dieses sträflich vernachlässigte Thema in die Öffentlichkeit bringen.

Der Blog bleibt sicherlich auch den Machern der Regenbogenpresse nicht verborgen. Bekommt ihr Gegenwind zu spüren?

Ja, eindeutig. Die Fronten sind ziemlich geklärt: Wir finden blöd, was die machen – und die finden blöd, was wir machen. Da ist der Ton oft schon sehr deutlich. Wir hatten einem Chefredakteur zum einjährigen Blog-Geburtstag angeboten, sich mit einem Gastbeitrag zu beteiligen. Auch anonym hätte er kritisieren können. Aber er hat abgelehnt.
Ende 2013 gab es auch eine Abmahnung für uns, die aber berechtigt war. Wir hatten bei einem Beitrag einen falschen Verlag genannt und mussten dann eine Unterlassungserklärung abgeben und die Anwaltskosten tragen. Das ist durch die Unterstützung unserer Leserschaft gelungen. Tatsächlich wurde uns das Doppelte von dem gespendet, was uns das Verfahren gekostet hat. Das restliche Geld liegt jetzt als Rücklage an der Seite.

Was glaubst du, warum der Blog so erfolgreich ist?

Wir sehen manchmal, dass uns unsere Nullplanung viel ermöglicht hat. Auf der anderen Seite denke ich jetzt, dass ein bisschen Plan auch nicht geschadet hätte. Wichtig war und ist sicherlich immer der Austausch mit anderen. Grundsätzlich würde ich sagen, sind es zwei Punkte: Erstens sind wir immer kontinuierlich dran geblieben. Das ist besonders beim Blog wichtig. Denn die Leser haben eine bestimmte Erwartungshaltung. Zweitens ist der Unterhaltungsaspekt bei dem, was wir machen, groß. Und das soll er auch sein. Wir hätten sicherlich nicht so viel erreicht, wenn wir Medienkritik nur mit dem erhobenen Zeigefinger gemacht hätten. Stattdessen beziehen wir unsere Leser ein, laden zum Beispiel zum gemeinsamen Schlagzeilenbasteln ein. Dies, kombiniert mit ernsten, auch medienrechtlich relevanten Aspekten, ist sicherlich ausschlaggebend.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.