Wladimir Kaminer liest von grimmigen Russen

Die „Russendisko“ – durch sie ist Wladimir Kaminer berühmt geworden, nachdem er in den 90er-Jahren aus der Sowjetunion nach Berlin gekommen ist. Mit einem Freund veranstaltet er sie alle zwei Wochen im Kaffee Burger in Berlin. Wohl auch deswegen schallt im Bochumer Bahnhof Langendreer vor Beginn seiner Lesung russische Popmusik durch den Raum. So kann der Saal sich mental auf einen russisch-deutschen Kulturabend einstellen.

Lesung Kaminer 2

Wladimir Kaminer erzählt viel, anstatt nur vorzulesen. Fotos: Janina Semenova

Doch „Lesung“ ist nicht das richtige Wort für Kaminers Auftritt: Wie ein Showstar kommt er selbstbewusst mit großen Schritten auf die Bühne. Mit einer Zettelwirtschaft von unveröffentlichten Werken in seiner Hand geht es los. „Ich mache das alles durcheinander“, sagt Kaminer, während er die Zettel auf dem Tisch neben sich drapiert. „Aber wir kriegen das schon hin“. Mehr als eine halbe Stunde erzählt er, ohne eines seiner Bücher in der Hand zu haben. Das kleine Chaos mit seinen Blättern macht ihn sympathisch, es lässt ihn naiv-charmant wirken. Kaminer ist ein Entertainer, er unterhält das Publikum, schon von Beginn an erntet er viele Lacher.

„Spontane Vegetation“ und grimmige Russen

Kaminers „Gartenkarriere“, wie er sie bezeichnet, ist natürlich auch Teil des Programms. Denn den Schrebergarten, den seine Leser aus seinem Buch „Mein Leben im Schrebergarten“ kennen, gibt es leider nicht mehr: Er musste seine Parzelle 118 abgeben. „Probleme wegen spontaner Vegetation“. Sein Garten entsprach nicht der Norm der Kleingartenkolonie, die nach den Vorschriften des Bundeskleingartengesetz gehalten wurde: Zu wild, zu unordentlich. Deswegen habe es einen Interessenskonflikt mit den anderen Kleingärtnern gegeben, gibt er zu.

Sein neuer Garten befindet sich jetzt in Brandenburg, zur Erleichterung seiner Fans: Die Gartenkarriere des Herrn Kaminer geht weiter. Die hat es sogar bis ins Fernsehen geschafft. Für Arte dreht er den Film „Diesseits von Eden – Die schönsten Gärten seit der Aufklärung“. Die Reise mit dem deutschen Filmteam dorthin inspirierte ihn zur Geschichte „Die gutbegründete Grimmigkeit der Russen“. Schuld an der sei der russische „Zwischenpräsident“. „Zwischen Putin und Putin gab es nämlich einen Präsidenten dazwischen“, erklärt Kaminer. Und der habe die Russen mit der Abschaffung der Winterzeit grimmig gemacht. „Das angekündigte Ende der Welt wäre in Russland eine Stunde früher gewesen“, witzelt er und sagt, das hätte die Russen sauer gemacht.

Der Russe wirbt für die deutsche Kultur

In der Pause signierte Kaminer seine Bücher. Im zweiten Teil nahm er sein Weinglas mit auf die Bühne.

In der Pause signierte Kaminer seine Bücher. Im zweiten Teil nahm er sein Weinglas mit auf die Bühne.

In der Pause signiert Kaminer seine Bücher. Der eine oder andere Besucher spricht ihn auf Russisch an. „Das ist eine neue Entwicklung, dass Russen zu meinen Lesungen kommen. Ich merke immer: Wenn die Leute zurückhaltend sind, dann sind Russen da“, sagt er lachend. Die Deutschen hingegen hört man im Saal laut lachen, johlen und rufen. Ungewöhnlich ist, dass Kaminer seine Bücher nicht in seiner Muttersprache Russisch, sondern auf Deutsch schreibt. „Im Ausland soll ich oft Werbung für die deutsche Kultur und Literatur machen“, erzählt der gebürtige Moskauer.

Über die deutsche Kultur klärt er auch das Publikum in Bochum auf. Er blättert in einem seiner vielen Bücher und fragt: „Soll ich über Kuscheltiere oder den deutschen Mann lesen?“. Das Publikum entscheidet sich per Zuruf – für den deutschen Mann. „Ich finde die andere Geschichte aber besser“, gesteht er, weigert sich aber nicht. Nach ein paar Sätzen schüttelt er den Kopf. „Jetzt würde ich jedes Wort umschreiben.“ Der erfahrene Disko-Veranstalter vergleicht den deutschen Mann in der Disko mit einem Drogenkurier, der sich bloß nicht zu viel bewegen darf. Laut Kaminer braucht der deutsche Mann etwa zwei Jahre, um eine Frau anzusprechen.

Das Publikum hat Kaminer mit seiner charmanten, witzigen Art immer auf seiner Seite. Und dem bietet er nicht zu wenig: Zwei Stunden Programm bringt er auf die Bühne. Kaminer unterbricht sich seine Geschichten mehrmals, um andere Geschichten zu erzählen. Denn erzählen, das tut er gerne: Von sich, seiner Familie, seinem Garten oder den Deutschen.