Kinotipp: „Django Unchained“

Das Jahr hat kaum angefangen und beginnt direkt mit einem neuen Quentin-Tarantino-Film: „Django Unchained“. Im gewohnten tarantinoschen Rahmen wird mit viel Blut gespritzt, mit allerfeinstem Humor gepunktet und eine eigenwillige Liebesgeschichte erzählt. Dabei glänzt der Film durch seine Darsteller, Liebe zum Detail und auch seine Handlung.

Ein ungleiches Paar: Django und Dr. King Schultz. (Teaser und Bilder: Sony Pictures)

Ein ungleiches Paar: Dr. King Schultz und Django. (Teaserfoto/Fotos: Sony Pictures)

„Es war einmal ein Mann namens Django, der irgendwo in Texas Sklave war. Er hatte auch eine wunderschöne Frau. Ihr Name war Broomhilda von Shaft, von Deutschen großgezogen und daher auch Brunhilde genannt. Django und Broomhilda wollten frei sein. Als Afroamerikaner war man im Jahre 1885 aber nun einmal nicht frei, sondern ein Sklave. So wurden die beiden Liebenden, die fortlaufen wollten, für ihr Ausreißen bestraft, indem sie voneinander getrennt und verkauft wurden. Doch Djangos Liebe zu Broomhilda war stärker als jede Klassenordnung und er machte sich auf, sie zu retten…“

Mehr als nur eine Liebesschnulze

So oder so ähnlich würde die Geschichte um Django, gespielt von Jamie Foxx, wohl als Sage klingen. In diesem Fall eine Sage, die im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Ganz bewusst wird zu Beginn des Films eine Parallele zu dem norddeutschen Nibelungenlied um Brunhilde, die in Siegfried ihren Retter findet, gespannt. Im Großen und Ganzen ist Django also eine moderne Interpretation der alten, deutschen Sage  – aber es wäre kein Tarantino-Film, wenn er mit seiner Interpretation kein eigenständiges und eigenwilliges Werk schaffen würde.

Arzt sucht Sklave

Christop Waltz war auch schon in Tarantions letzten Film "Inglourious Basterds" zu sehen.

Christop Waltz war auch schon in Tarantions letztem Film "Inglourious Basterds" zu sehen.

Schon allein durch die Figur des Dr. King Schultz, verkörpert durch Christoph Waltz, kriegt der Film die Note an Witz und Charme, die so manches wohl bewusst gewählte Klischee nicht abgegriffen wirken lässt. Dr. Schultz ist Arzt – natürlich deutschen Ursprungs – und, wie sollte es anders sein, besitzt ein Pferd namens Fritz. Er ist es auch, der Django aus seinem Sklaventum freikauft – nicht ganz uneigennützig. Ein klassischer Arzt ist Dr. Schultz nämlich bei weitem nicht. Er ist Kopfgeldjäger, jagt nach gefahndeten Verbrechern und kassiert dafür Geld. Bei einem seiner Jobs soll Django ihn unterstützen. Eine Hand wäscht also die andere. Django hilft Schultz und wird im Gegenzug ein freier Mann. Aus dieser anfänglichen Zweckgemeinschaft entwickelt sich aber im Laufe des Films ein funktionierendes Team, ein Lehrer-Schülerverhältnis und schlussendlich eine sich gegenseitig respektierende Freundschaft. Schultz hilft Django sogar, seine geliebte Broomhilda zu finden und zu retten.

Sympathieträger Dr. Schultz – der Arzt, dem man vertraut

Dabei lernt Django eine wichtige Lektion: „Lass die Gefühlsduselei und schieß!“ Schultz hat nämlich seine ganz eigene Moralvorstellung und wie er sie interpretiert. Er verachtet zwar Sklaverei, nutzt Django aber für seine Zwecke. Trotzdem argumentiert Schultz in seinem gepflegten Beamtendeutsch, seiner charmanten und humorvollen Art so gekonnt, dass man nicht umhin kommt, tiefe Sympathie für den Arzt zu entwickeln. Anders als sein Charakter Hans Landa in Tarantinos letztem Film „Inglourious Basterds“ ist die Figur des Dr. Schultz nur allzu menschlich und in einem gewissen Rahmen mitfühlend; von blinder Gewalt oder Grausamkeit hält er nichts.

Die anfänglich unpassend wirkende Freundschaft der beiden ist es, die dem Film so viele herrlich groteske und witzige Momente beschert. Dr. Schultz ist ein Mann von Welt. Er ist gepflegt, drückt sich sehr höflich und gewählt aus und ist in seiner trocken ironischen Art clever und berechnend. Django hingegen ist ein ungeschliffener Charakter, der anfänglich noch sehr unbeholfen und schlicht agiert. Dieser Gegensatz ist es, der die ganz eigene Dynamik der Kombo ausmacht.

Gib dem Affen Zucker

Leonardo DiCaprio als narzisstischer und übermäßig von sich überzeugter Calvin Candies.

Leonardo DiCaprio als narzisstischer und übermäßig von sich überzeugter Calvin Candies.

Der Wendepunkt des Films wird eingeläutet, als Django und Schultz auf Calvin Candie treffen. Wer sich noch im ersten Teil des Filmes fragt, wo das von Tarantino sonst so viel eingesetzte Blut und die aufwendig gemachten Gewaltszenen bleiben, der wird in der zweiten Hälfte des Films nicht enttäuscht. Mit dem Auftauchen des „Candy Man“ – was ironischer nicht sein könnte, denn als Zuschauer möchte man wohl von Niemanden weniger mit Süßigkeiten beglückt werden als von diesem Candy Man – sprudelt das Blut, wie gewohnt, in Fontänen und fliegende Körperteile sind keine Seltenheit. Dennoch wirken diese Szenen nie roh oder gewaltverherrlichend. Tarantino nutzt sie in vielen Situationen vielmehr, um beispielsweise bestimmte Charakterzüge seiner Figuren noch mehr hervorzuheben. Dadurch weiß der Zuschauer gleich, was für ein Typus Mensch Candie – Egomane und Choleriker zugleich – ist. Hinter all dem Prunk seines Anwesens und seiner Erscheinung verbirgt sich letztlich nur absolute Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Dass dieser Kontrast so gut funktioniert, ist nicht zuletzt der überzeugenden Darbietung Di Caprios zu verdanken.

Was nicht passt, wird passend gemacht

So entwickelt Candie sein eigenes verqueres Wertesystem und seine eigenen Moralvorstellungen, in denen Tischmanieren mehr gelten als ein Menschenleben und es völlig legitim scheint, einen dunkelhäutigen Berater, gespielt von Samuel L. Jackson, an seiner Seite zu haben. Aber jenes verquere Wertesystem zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. So verachten die „Weißen“, die nach ihrer Meinung mehr Daseinsberechtigung haben als die „Nigger“, die Sklaven und halten sie wie ihr Eigentum. Tarantino gelingt es dabei, auch den weißen Mann in seiner gesellschaftlichen Unfreiheit darzustellen, selbst wenn dieser sein eigenes erbärmliches Schicksal gerne leugnet.

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So ist „Django Unchained“ nicht nur Unterhaltungsfilm mit einer ganz eigenwillig erzählten Liebesgeschichte, sondern auch ein Abbild menschlicher Abgründe. Dabei kommen Tarantino-Fans voll auf ihre Kosten. Gerade die groß ausgeschmückten Kampfszenen sollen bestimmt keine andere Botschaft senden als dass Django verdammt cool ist, weil er gekonnt 50 Weiße auf einmal erschießt und dass auch noch alleine!

In alter Manier werden solche Szenen von Tarantino mit für die Zeit gegensätzlicher Musik, wie beispielsweise 2Pacs „Get it on till I die“ untermalt. Charaktere wie Schultz oder der Candy Man sind bei weitem die interessanteren Figuren als Django selbst, der eine klassische und nur allzu rasante Transformation vom kaputten und gebrandmarkten Niemand zu einem selbstbestimmten und taffen Überhelden, Rächer und Schlächter macht. Dabei wird an vielen Stellen, ganz Tarantino-typisch, ganz schön dick aufgetragen. Wer also alle bisherigen Tarantino Filme mochte, nichts gegen Blutfontänen oder fliegende Körperteile hat und eine ordentliche Portion Galgenhumor zu schätzen weiß, der wird seine Freude mit „Django Unchained“ haben.