Bafög-Amt: „Wir tun schon unser Bestes“

Wilfried Blattgerste macht einen gestressten, einen beinahe gehetzten Eindruck. Der Abteilungsleiter Ausbildungsförderung des Studentenwerks Dortmund sitzt in seinem Büro, auf seinem Tisch stapeln sich die Akten. Im Interview mit pflichtlektuere.com erklärt er, warum die Studenten so lange auf ihr Bafög-Geld warten müssen, wieso er auch den Asta in der Pflicht sieht und warum sein Amt ausgerechnet zu Beginn des Wintersemesters die Öffnungszeiten eingeschränkt hat.

Wilfried Blattgeste Leiter Bafögamt Dortmund

"Wir sind auch nur Menschen". Wilfried Blattgerste, Leiter des Dortmunder Bafög-Amts, in seinem Büro. Foto: Henrik Veldhoen

Pflichtlektüre: Herr Blattgerste, vom Antrag bis zum Geld auf dem Konto: Wie läuft Ihre Arbeit beim Bafög ab?

Der Antrag kommt per Post oder per Hausbriefkasten hier rein, wird im Sekretariat abgestempelt, die Post wird an die Arbeitsgruppen verteilt und geht dann zum Sachbearbeiter. Dann erfolgt die Bearbeitung von dort aus.

Pflichtlektüre: Wie viele Personen sind beim Amt für Ausbildungsförderung beschäftigt?

Hier arbeiten 15 Sachbearbeiter, 27 Personen sind wir insgesamt. Es gibt Hauptsachbearbeiter, ein Sekretariat, einen Stellvertreter, einen Zuständigen für Notfallhilfe und zwei neue Mitarbeiter, die gerade eingearbeitet werden. Das dauert rund neun Monate.

Pflichtlektüre: Wann im Jahr haben Sie bzw. Ihre Mitarbeiter am meisten zu tun?

Tiefphasen haben wir nie, Hochphasen haben wir immer. Im Jahr 2011 ist das ganz drastisch, weil wir aufgrund der erhöhten Antragszahl und auch von Krankheiten leider dieses Jahr sehr stark gebeutelt sind. Wir versuchen natürlich, dass fast alle Studierenden pünktlich ihr Geld bekommen, so wie in den vergangenen zwei Jahren. Leider ist es dieses Jahr aber anders herum.

Pflichtlektüre: Wo rührt diese erhöhte Antragszahl her?

Viele Tropfen füllen eben das Glas. Zum Teil sind wohl der Wegfall der Wehrpflicht und die erhöhten Studentenzahlen Schuld daran. Dazu kommt die veränderte Studiensituation mit Bachelor und Master. Früher hat ein Diplomstudent die Anträge ganz normal gestellt. Heute werden die Bachelorstudenten zunächst gefördert. Für den Master zum Beispiel ist das ein neuer Antrag. Dieses vom Staat gewollte Studienverhalten führt auch dazu, dass da ein Stau ist. Die Situation wird immer dramatischer, denn wir haben ja 2013 den doppelten Abiturjahrgang. Aber wir werden nächstes Jahr, wenn der Verwaltungsrat bzw. das Haus „grünes Licht“ gibt, Einstellungen vornehmen können, so dass wir gerüstet sind. Wie sich die Antragszahl hier weiterentwickelt, das weiß keiner.

Chaos Quelle: Claudia Hautumm / pixelio.de

Chaos im Bafög-Amt? Die Wartezeit auf das Bafög-Geld beträgt zum Teil drei Monate und mehr. Schuld sei vor allem die unerwartet hohe Antragszahl, sagt Amtsleiter Blattgerste. Claudia Hautumm / pixelio.de

Pflichtlektüre: Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet zu Beginn des Semesters nur noch einmal in der Woche Sprechstundenzeiten haben?

Wir haben so viele Anträge, die müssen wir auch bearbeiten. Und wenn wir Sprechzeiten haben, können wir nicht bearbeiten. Wir haben unsere Sprechzeiten von drei halben Tagen auf einen ganzen Tag beschränkt, also um ein Drittel heruntergefahren. Aber auch nur für eine eingeschränkte Zeit, denn ab dem 1. Dezember füllen wir das alte Spektrum wieder voll aus.

Pflichtlektüre: Wie wollen Sie die Studenten trotzdem weiterhin vernünftig beraten?

Ich habe dem ZIB (Zentrum für Information und Beratung, Anm. d. Red.) der Hochschule damals angeboten, eine Beratungsveranstaltung für Erstanträge zu machen. Die sagten mir, das mache man gerne, mehr habe ich dann nicht mehr gehört. Und ich habe das dem Asta 2008 und 2009 angeboten, aber dann waren da Wahlen, und der neue Vorstand hat sich nicht mehr mit dem Bafög beschäftigt, denn in den vergangenen zwei Jahren gab es kaum Beschwerden. Da hab ich gedacht: Na, wenn das so gut läuft, dann freue ich mich. Dass es in diesem Jahr genau anders herum läuft, konnte ja keiner ahnen. Aber der Asta hätte sich rechtzeitig melden können, dann hätte ich gerne eine gezielte Beratungsveranstaltung für Erstanträge gemacht. Zu der einzigen Veranstaltung in diesem Jahr kamen aber nur Leute, die erst in zwei Jahren mit dem Studium anfangen. Die wissen doch dann nicht mehr, an welcher Stelle sie welches Kreuz setzen sollen.

Pflichtlektüre: Könnten mehr Beratungszeiten oder ausführlichere Beratung nicht auch hilfreich sein, etwa den bei unvollständigen Anträgen notwendigen Schriftwechsel verringern?

Natürlich könnte der Schriftwechsel reduziert werden, aber es sind ja nicht nur die Studierende, und es ist nicht nur der Sachbearbeiter da, es sind auch die Eltern dazwischen geschaltet, die die Unterlagen ja auch ausfüllen. Wenn die etwa bei den Einkommenserklärungen Fehler machen, helfen die normalen Beratungszeiten nicht aus. Ich hoffe, dass wir bald den Online-Antrag haben und dann erheblich besser arbeiten können. Wenn jetzt Unterlagen fehlen, müssen wir sie langwierig nachfordern. Dadurch entsteht ein erheblicher Stau. In der Zwischenzeit sammeln sich hier immer mehr Anträge an und dann kommt so eine Zeit von drei Monaten mal leicht zustande. Das ist ein erhebliches Problem.

Pflichtlektüre: Welche Möglichkeiten haben Studenten, sich außerhalb des Bafög-Amts beraten zu lassen?

Eine zentrale Beratungsstelle gibt es nicht. Das liegt daran, dass die Zuständigkeit beim Amt für Ausbildungsförderung liegt, wo der Hochschulstandort ist. Wir machen für unseren Bereich Beratung, wir fahren zu den Fachhochschulen hin, zwei Mal im Jahr, vor Semesterbeginn, aber an der Universität scheint kein Bedarf zu sein. Wie gesagt, es kam dieses Jahr nichts auf uns zu. Ich will aber nicht den Schwarzen Peter von uns wegschieben. Wir sind auch keine Maschinen und machen Fehler, wie jeder Mensch. Aber eben nicht nur wir.

Der Landtag in NRW - finanzielle oder personellen Problemen kann das Bafög-Amt der Landesregierung melden. Blattgerste: "Es dauert offenbar, bis sich etwas tut." Foto: Arno Bachert / pixelio.de

Der Landtag in NRW - finanzielle oder personellen Problemen kann das Bafög-Amt der Landesregierung melden. Blattgerste: "Es dauert offenbar, bis sich etwas tut." Foto: Arno Bachert / pixelio.de

Pflichtlektüre: Der Asta hat in einer Rundmail alle Studenten aufgerufen, ihre Probleme mit dem Bafög-Amt zu schildern. Es gab fast 700 Rückmeldungen. Wie erklären Sie sich das?

Es könnte daran liegen, dass die Unterlagen nur schleppend eingereicht werden, die Anträge spät kommen, dadurch so ein Bearbeitungsstau ist. Man kann diese Zeit von sechs bis acht Wochen, die wir gerne hätte, nicht immer einhalten. Und wenn das so ist, dann werden die Studierenden natürlich sauer, das weiß ich, und das versteh ich auch. Aber wir arbeiten teilweise sogar samstags und sonntags, zumindest einige Stunden. Wir sind auch Menschen, wir werden auch krank. Wir hatten hier viel mit psychischen Krankheiten wie Burnout zu kämpfen. Das ist keine Entschuldigung, aber viele Tropfen füllen das Glas, und irgendwann ist es voll.

Pflichtlektüre: Viele Studenten beschweren sich zudem über den Umgangston, mit dem sie sich beim Bafög-Amt konfrontiert sehen. Wie beurteilen Sie das?

Erstmal ist eine gewisse Gereiztheit da, wenn Sie zehn Mal hintereinander die Frage hören, „aber wie stellen Sie sich das vor, wie soll ich leben?“ Irgendwann – vor allem, wenn dann noch Beschimpfungen auf uns zukommen – wird man sauer. Dass wir Beleidigungen ausgeliefert sind, weil wir angeblich nicht arbeiten würden, das kann ich nicht mehr tolerieren und dann kann es auch passieren, dass man – ungewollt – unfreundlich wird. Wir können momentan keine neuen Sachbearbeiter einstellen, wir haben nicht mehr Geld zur Verfügung und wir müssen trotzdem die gleiche Arbeit machen, bei einer erhöhten Antragszahl. Das ist das Problem.

Pflichtlektüre: Wenn es Missstände – in finanzieller, organisatorischer Form oder wie auch immer geartet – gibt, besteht die Möglichkeit, dies bei der Landesregierung in Düsseldorf zu melden. Haben Sie das gemacht?

Das ist der Landesregierung bekannt. Ich persönlich habe das nicht gemacht, die Ämter für Ausbildungsförderung haben einen Arbeitskreis und die Studentenwerke haben alle einen Geschäftsführer und geben das bekannt. Doch es dauert offenbar eine Zeitlang, bis sich da etwas tut. 2012 ticken die Uhren anders, aber bis dahin müssen wir mit dem Personal hier auskommen. Und ich hoffe, dass wir für 2013 gewappnet sind. Meinen Mitarbeitern und mir tut es wirklich leid, aber wir tun schon unser Bestes.