Modebloggerin: Über Vorurteile und echte Freunde

Daniela Send betreibt eines der erfolgreichsten deutschen Modeblogs. Seit drei Jahren schreibt sie unter ihrem Pseudonym „aNNaFrost“. Bei Facebook hat sie über 1000 Freunde, bei Twitter über 2500 Follower. pflichtlektüre hat die 24-Jährige getroffen und mit ihr über Vorurteile gegenüber Modepüppchen und ihr on- und offline Leben gesprochen.

Unter dem Pseudonym "Anna Frost" schreibt Daniela seit 2007.

Unter dem Pseudonym "Anna Frost" schreibt Daniela seit 2007. Foto: Daniela Send

Daniela, wie bist du zu deinem Blog gekommen?

2007 habe ich mein Abitur geschrieben und danach hat man ja ziemlich viel Zeit – da habe ich mich eben viel im Internet aufgehalten. Ich habe diese Blogs gefunden und wollte das auch ausprobieren. Alle paar Wochen habe ich dann sporadisch etwas reingeschrieben, dann immer wieder gelöscht und so weiter – irgendwann kam ich dann auf die Idee, das Ganze als Modeblog aufzuziehen.

Wann hast du gemerkt, dass da Menschen sind, die dein Blog lesen und dir Feedback geben?

Das ging ziemlich schnell, etwa einen Monat nachdem ich mit dem Bloggen angefangen habe. Es gab zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so viele deutsche Modeblogs. Dann kam plötzlich der erste Kommentar und ich dachte nur „hups, da sind ja noch andere Menschen, da bin nicht nur ich alleine“. Nach und nach wurden immer mehr Modefirmen auf mich aufmerksam und luden mich zu Events ein. Als ich das Blog ein halbes Jahr hatte, bin ich von einem Unterwäschehersteller nach Paris eingeladen worden. Dann ging alles Rubbel-die-Katz.

Du schreibst nicht nur dein Blog, du liest natürlich auch andere Blogs. Was ist ein gutes Blog?

Es gibt Blogs, die ich aus Prinzip nicht lese. Das sind Blogs, die wirklich wie ein Tagebuch geschrieben sind – Blogs in ihrem ursprünglichen Sinne. Wenn da jemand schreibt „heute war ich in der Schule und habe die Matheklausur verhauen“, interessiert mich das nicht. Das lese ich einfach nicht. Ich will News haben, am Besten noch schöne Fotos und ein kleines bisschen Privatleben. Aber nicht zu viel, denn das langweilt mich auch irgendwann.

Was hat dein Blog so erfolgreich gemacht?

Ich war eine der ersten deutschen Blogerinnen, das ist ein großer Vorteil. Was viele über mich schreiben ist, dass ich eine ehrliche Haut sei. Ich schreibe so, wie ich es meine und frei von der Leber weg, wie man es halt aus dem Ruhrgebiet kennt. Und ich bin bescheiden – du kannst mich mögen oder auch nicht. Und vor allem ist es nicht mein Hauptberuf.

Würdest du gerne vom Bloggen leben können?

Dann müsste ich mich mehr dahinter klemmen und einen Werbepartner finden, der eine so große Summe zahlt, dass ich halt monatlich davon leben kann. Es wäre schon cool, weil es entspannend ist. Ich habe das eine Zeit lang gemacht, weil ich einfach die Zeit hatte. Ich stand um zehn Uhr morgens auf und habe im Schlafanzug am Schreibtisch gesessen oder irgendwo auf der Couch gelümmelt. Ich habe dann Einträge geschrieben für diverse Seiten – das war nicht schlecht, aber auf Dauer wäre mir das zu unkoordiniert und würde auch irgendwann langweilig werden.

Denkst du, dass viele junge Mädchen naiv ans Bloggen rangehen?

Ein typischer Outfit-Post auf fashionpuppe.com

Ein typischer Outfit-Post auf fashionpuppe.com Foto: Daniela Send

Blogs schießen immer noch wie Pilze aus dem Boden. Jeder kann sich innerhalb von fünf Minuten ein Blog anlegen – ich habe ja auch nicht anders angefangen. Jetzt habe ich eine Domain und ein eigenes Design. Und das ist das Problem mit den ganzen jungen Blogger-Mädchen: Die wissen noch gar nicht, was sie machen können und was sie dürfen, wenn Firmen auf sie zugehen. Wie viel Geld die zum Beispiel nehmen können oder ob die sich nur mit einer geschenkten Hose abspeisen lassen.

Inwiefern hat das Bloggen dir berufliche Vorteile gebracht?

Mein jetziger Chef war begeistert von dem Ganzen. In der Werbeagentur bin ich auch für den ganzen Online-Kram zuständig. Ich denke mir Online-Werbemöglichkeiten aus und schaue, wie wir die neuen Medien für unsere Kunden nutzen können.

Denkst du, dass darin auch dein Vorteil liegt? Dass die „alten Hasen“ im Bereich der neuen Medien zu dir aufschauen und merken, dass du nicht nur ein Modepüppchen bist?

Ich wurde am Anfang nicht für voll genommen und dann wurde ich schnell als oberflächlich betitelt. Nach dem Motto „du bloggst ja nur über Mode, aber sonst hast du keine Ahnung“. Damit hatte ich zu kämpfen, weil ich von mir selbst weiß, dass ich nicht oberflächlich bin, sondern eigentlich ziemlich tiefgründig. Das trifft mich im ersten Moment schon. Auch beim Bloggen, wenn dann da ein anonymer Kommentar im Blog erscheint. Aber dann denk ich mir, wenn er wirklich mit mir reden möchte, schreibt er seinen Namen dahin und steht dazu.

Anonyme Kommentare sind selten nett. Wie lernt man mit Kritik umzugehen? Gerade weil du so viel von dir preisgibst, wirst du sicherlich ab und zu angegangen?

Man sagt ja, je bekannter man wird, desto mehr Neider hat man. Und ich bin bekannt in einem bestimmten Kreis – in diesem bestimmten Kreis gibt es dann Leute, die mich mögen und welche, die mich nicht mögen. Es ist wie im echten Leben auch. Und im Internet kann nun mal jeder Hans und Franz seine Meinung sagen – egal ob positiv oder negativ. Wenn man sich so präsentiert, muss man leider Gottes damit umgehen.

Triffst du dich mit Leuten, die du über das Internet kennst? Denkst du, dass daraus echte Freundschaften entstehen können?

Es gibt doch diese Werbung im Kino: „Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“. Der Witz an der ganzen Sache ist, dass ich meine beste Freundin im Internet kennengelernt habe und meinen jetzigen Freund kenne ich auch übers Bloggen. Hinter den ganzen Gestalten im Internet stecken eben nicht nur oberflächliche Leute.

(Daniela schaut kurz auf ihr Smartphone)

Du twitterst ja permanent…

Ein paar Zahlen bei Twitter sagen viel über den Nutzer aus.

Ein paar Zahlen bei Twitter sagen viel über den Nutzer aus. Foto: Twitter

Ja, jetzt gerade auch wieder. Ich musste erstmal bei „Foursquare“ einchecken und der Welt bekannt geben, dass ich hier mit dir sitze.

Du bist eigentlich immer online. Gibt es nicht Tage, an denen es dir weniger gut geht?

Ja, die gibt es. Dann twitter ich „Ihr könnt mich jetzt alle mal“ oder „mir geht’s grad echt total banane“ und man hat immer irgendeinen unter seinen Followern, der dann nachfragt. Oder jemand, der sagt „ich schick dir ne Runde Glitzer zu“ oder was anderes Verrücktes. Dann kriegt man wieder gute Laune. Aber wenn ich wirklich keine Lust hab zu bloggen oder zu twittern, dann mache ich das auch nicht.

Denkst du, dass du diese Aufmerksamkeit mittlerweile brauchst?

Ja. Das ist schon so etwas wie ein Freundeskreis, den ich mir da aufgebaut habe. Ich kenne die Leute manchmal nur vom Avatar-Bildchen her, aber irgendwie kenne ich sie doch mehr. Du kannst das mit jemandem vergleichen, der immer Daily-Soaps guckt. Ich muss jetzt heute Abend unbedingt „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gucken, weil ich wissen muss, wie es weitergeht.

Wann gibt man zu viel von sich preis?

Es gibt Mädchen, die zeigen sich in Unterwäsche oder entblößen sich dann komplett, weil sie hoffen, dass ein toller Fotograf auf sie aufmerksam wird. Das ist für mich eindeutig too much.

Du trennst zum Beispiel bei Facebook nicht zwischen Dingen, die du deinen engsten Freunden mitteilst und Dingen, die du deinen Arbeitskollegen mitteilst.

Ich trenne noch immer zwischen guten Freunden – Freunden – Bekannten. Die Leute bei Twitter kenne ich ja nicht wirklich. Es ist eine Mischung aus „die sind mir unbekannt“ und „die kenne ich“. Ich kenne die vom Schreiben her, aber da könnte wer weiß wer hinter stecken.

Was meinst du – werden wir bald nicht mehr zwischen Bekannten und Freunden trennen, weil wir dermaßen online leben?

Ja, das hat was von „Big Brother“. Ich denke, das mit den sozialen Netzwerken geht noch einen Schritt weiter und irgendwann wird es den Bruch geben und dann geht´s entweder back to basic oder wir sind dann irgendwann gesättigt. Dann haben wir alle Tablet-PCs und jeder ist irgendwie mit einem Internet-Handy verbunden. Aber ab einem gewissen Pegel geht es nicht mehr weiter.

Ihre Beziehung findet off- und online statt.

Ihre Beziehung findet off- und online statt. Foto: Daniela Send

Was sagen deine Eltern dazu, dass du so offen mit deinem Leben umgehst?

Meine Eltern haben am Anfang gar nicht verstanden, was ich da mache. Als ich denen sagte „so, ich flieg dann mal eben nach Paris“, kam nur „wieso denn?“. Die sind nicht Banane oder Gott weiß wie alt, dass die keine Ahnung vom Internet haben, aber das mit dem Bloggen haben die nicht verstanden. Dann bin ich zur Fashionweek nach Mailand und Berlin geflogen und meine Eltern fragten wieder „wieso denn?“. Letztens rief auch meine Mutter an und sagte „Mensch, von dir hört man ja gar nix mehr! Wir müssen ja auf deinem Blog nachlesen, was du machst.“

Interview: Christina Hahn