Bildungsstreik-Hochburg im Ruhrgebiet ist Essen

Seit gestern rollt sie wieder. Die Welle des Protests im Bildungsstreik 2009. Mit Kundgebungen verschafften sich Studenten und Schüler auch an den Ruhrgebiets-Universitäten Aufmerksamkeit. Richtig viele kamen aber nur in Essen zusammen. Ziel des Protests: erhebliche Nachbesserungen bei den Bedingungen in Bachelor- und Master-Studiengängen, die Abschaffung der Studiengebühren und bessere Berufsperspektiven für Absolventen mit Bachelor-Abschluss. Verkehrschaos in Bochum, eine Polizeihundertschaft in Essen und nur wenige Studenten in Dortmund – die pflichtlektüre war vor Ort.

Essen: Weit über 1000 Schüler und Studierende zogen durch die Innenstadt. Studenten aus Duisburg hatten sich ihnen angeschlossen. Parolen wie „Wir sind hier, wird sind laut, weil man uns die Bildung klaut“ – machten die Überzeugung der Demonstranten deutlich: Die Bildungspolitik muss sich ändern. Unter ständiger Polizeibegleitung marschierten die Gegner von Bologna-Prozess und Studiengebühren in Richtung Essener Bahnhof.

Die Abschaffung des Semesterbeitrags war für Mitdemonstrantin Stefanie das Hauptziel: „Klar muss ich mein Studium bewältigen, aber ich mache hier auch aus Solidarität mit,“ sagt die Studentin der Sozialen Arbeit. Warum nur relativ wenige Studenten demonstrieren? „Wir sind gerade noch mal durch die Hörsäle gegangen, aber viele der anderen wollten lieber ihre Bildung wahrnehmen, “ meinte sie leicht enttäuscht.

Der Essener AStA marschierte mit

Beim Protestzug durch die Essener Innenstadt zogen rund 1000 Studenten mit. Foto: Philipp Anft

Beim Protestzug durch die Essener Innenstadt zogen rund 1000 Studenten mit. Foto: P. Anft

Der stellvertretende AStA-Vorsitzende Jan Bauer marschierte mit. Der AStA hatte zwar die Besetzungen der Hörsäle in der letzten Woche als falsches Mittel kritisiert, nimmt aber am Bildungsstreik teil: „Dies ist eine Form des Protestes, die wir voll unterstützen!“ Für den Bildungsstreik hatte das Rektorat der Uni Duisburg-Essen die Studenten sogar von ihrer Anwesenheitspflicht freigesprochen.

Um kurz nach 12 Uhr erklärte die Polizei die Demonstration für beendet, doch die Schüler und Studentinnen wollten noch nicht nach Hause. Kurz wurde die Stimmung der sonst friedlichen Protestkundgebung angespannt – die Polizisten setzten ihre Helme auf, einige Schüler flüchteten. Dann jedoch zog die Menge weiter vor den Bahnhof, wo sie die sonst stark befahrene Hollestraße blockierten. Nach einer erneuten Aufforderung der Polizei, die Versammlung aufzulösen, beendeten viele Schüler und Studierenden gegen 13 Uhr die Demonstration. Andere zogen sich wieder in die Innenstadt zurück, wo es noch zu Zusammenstößen mit der Polizei kam.

Wie DerWesten berichtet, droht 154 Studenten eine Anzeige, weil sie sich den Anordnungen der Polizei widersetzt hatten.

Bochum: Zu Dutzenden lagen sie in auf der Straße. Opfer der Bildungspolitik. Umrandet mit Straßenkreide – wie Leichen. Mit einem Flashmob machten Studierende und Schüler heute in Bochum auf sich aufmerksam. Die Demonstration löste sich erst auf, nachdem ein Versuch gescheitert war, das Rathaus in Bochum zu stürmen.

Der Reihe nach: Mit einer Kundgebung vor dem Bochumer Hauptbahnhof ist heute um 14 Uhr der Bildungsstreik 2009 in eine neue Runde gegangen. Veranstalter war der Bochumer AStA.

300 Protestierende in Bochum

Ein LKW diente den Veranstaltern als Bühne. Ein schwarzes Banner mit der Aufschrift „Für Solidarität. Für Freie Bildung.“ an den Spannbrettern im Hintergrund. Ein kleiner Generator stand hinter dem LKW – lieferte Energie für die Lautsprecheranlage. AStA-Vorsitzender Karsten Finke sagte: „Es muss sich wieder lohnen, sich zu solidarisieren!“ Beifall aus der Menge. Jene Menge war laut Polizei nicht größer als 300 Menschen. Trotz dieser überschaubaren Zahl waren sechs kleine Mannschaftswagen der Bochumer Polizei vor Ort.

Was die Studierenden dazu bewog, auf der Kundgebung zu erscheinen, formulierte eine Bochumer Wirtschaftspsychologie-Studentin: „Wir wollen, dass der Bachelor berufsqualifizierend wird. Wenn man erst noch einen Master machen muss, um einen Job zu bekommen, dann läuft hier etwas falsch!“ Es geht nicht mehr allein um die Abschaffung der Studiengebühren. Ann-Christin Grote ist Mitglied der AG Bildungsstreik. Auf der Bühne erinnerte sie auch an die Schüler: „Die Situation ist miserabel: Wenn ein Lehrer 70 Schüler pro Woche sieht, kann es keine gerechte Benotung geben.“

Die Polizei filmte die Demonstranten

Rund 150 Studierende beteiligten sich am Flashmob direkt nach der Kundgebung.

Rund 150 Studierende beteiligten sich am Flashmob direkt nach der Kundgebung. Foto: F. Hückelheim

Nach 40 Minuten Bekundungen löste Finke die Kundgebung auf. Auf einem Plakat zum Bildungsstreik waren die Studierenden aufgerufen, nach der Kundgebung ihren Protest in kreativer Weise zu äußern. Spontan legten sie sich auf die vierspurige Straße vor dem Hauptbahnhof und sorgten so für ein mittelgroßes Verkehrschaos. Die Polizei musste die Straße teilweise sperren. Kaum war diese Aktion beendet, stand die Menge auf und rannte auf dem Südring Richtung Innenstadt. Dort floss der Verkehr noch. Dennoch blieb die Polizei gelassen: „Wir haben erwartet, dass nach der Kundgebung noch eine derartige Aktion stattfinden wird“, kommentierte Polizeisprecher Frank Plewka. Mit einem Videoteam und einigen Streifenwagen begleiteten sie die Spontan-Demo bis in die Innenstadt, wo sie sich später auflöste.

Dortmunder Protest von Schülern getragen

Rote Karte für die Bildungspolitik

Rote Karte für die Bildungspolitik. Foto: T. Terhorst

Dortmund: Knapp 300 Demonstranten gingen für ein besseres Bildungssystem vor dem Hauptbahnhof auf die Straße. Mit roten Karten forderten sie vor allem einen Stopp der Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich. Auch Aspekte wie zum Beispiel Studiengebühren und die Verschulung durch den Bachelor wurden lautstark kritisiert. „Es kann nicht sein, dass es Leute gibt, die mit 10 000 Euro Schulden aus dem Studium gehen“, sagte Marian, ein Student, der genau deshalb an der Demo teilnimmt.

Ein übergroßer Ball, der die Demonstranten wie Kegel umwarf, war eine der Aktionen, die dazu diente, die Unzufriedenheit der Schüler und Studenten zu veranschaulichen. Auch eine Leinwand wurde aufgebaut, auf der man alles niederschreiben konnte, was man am Bildungswesen so zu kritisieren hat. „Mit der Aktion wollen wir Präsenz zeigen“, sagt Michael Jakubowski, einer der Organisatoren. „Unsere Forderungen wurden bisher noch nicht erfüllt, aus diesem Grund machen wir weiter.“ Mit dem Verlauf der Demo war er ganz zufrieden. Allerdings bedauerte er, dass nur wenige Studenten an der Aktion teilnahmen, denn überwiegend waren es in Dortmund doch Schüler, die mit ihren Plakaten protestierten.

Text und Fotos: Philipp Anft (Essen), Florian Hückelheim (Bochum) und Thomas Terhorst (Dortmund)

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