Der Festival-Guide zur Ruhrtriennale

Die Ruhrtriennale bringt jedes Jahr wieder große Kunst und große Künstler in den Pott. Vom 18. August bis zum 1. Oktober 2017 richtet es sich die internationale Kulturszene in den alten Kokereien, Maschinenhäusern und Kohlemischanlagen des Ruhrgebiets ein. In Bochum, Essen, Dortmund, Duisburg, Mühlheim, Dinslaken und Gladbeck gibt es insgesamt über 30 Produktionen, Konzerte, Veranstaltungsreihen und Installationen. Ganz schön undurchsichtig alles. Wir bringen Licht ins Dunkel und zeigen, was interessant wird.

Die Aushängeschilder der diesjährigen Ruhrtriennale sind wieder die großen Musiktheater-Produktionen. Das Festival richtet sich aber nicht nur an ergraute Opernfreunde und zeigt sich in jeder Hinsicht experimentierfreudig. Pop- und Hochkultur werden manchmal parallel geführt und manchmal zusammengemischt. Neben der Veranstaltung „Ritournelle“, quasi einem Festival im Festival, bei dem unter anderem der Musiker Nicolas Jaar auftritt, gibt es noch viele andere kleine Indie und Singer-Songwriter Acts.

Die großen Brocken

Pelléas et MélisandeKein LichtHomo Instrumentalis
Eröffnet wird das Festival mit der Oper Pelléas et Mélisande von Claude Debussy. Sie wurde 1902 uraufgeführt, als die Musik an der Schwelle von der Romantik zur Moderne stand. Die Geschichte: Ein jahrhundertealter Familienclan gerät aus dem Gleichgewicht, als die schöne Mélisandre die Bildfläche betritt. Das Besondere: Debussy verzichtet bei seiner Oper komplett auf Arien. Die nannte der Komponist eine „willkürliche Ausdrucksweise, die aus überlebten Traditionen stammt“.

JU/Ruhrtriennale

Wie so oft in Texten von Elfriede Jelinek, führen menschliche Katastrophen dazu, dass es nicht mehr viel Licht in unserer Welt gibt. Eine Welt, zu deren König die Autorin jetzt kurzfristig auch noch Donald Trump ernannt hat. Das Musiktheaterstück erzählt eine düstere Dystopie nach dem atomaren GAU. Die Musik kommt von Philippe Manoury, einem wichtigen französischen Komponisten und Pionier der elektronischen Musik.

Foto: Opéra Comique/Fabrice Labit

Der Mensch braucht Werkzeug. Das fing beim Speer an und hört beim Smartphone längst noch nicht auf. Oft helfen uns diese Gerätschaften weiter. Nicht selten aber stürzen wir uns damit auch in tiefe Abhängigkeit. Kompositionen von Luigi Nono, Georges Aperghis und Yannis Kyriakides, Gesang, Tanz, elektronische Musik und Videokunst verschmelzen zum Next-Level-Performance-Theater.

Ritournelle

Gleich am ersten Wochenende der Ruhrtriennale gibt es die Festivalnacht mit elektronischer Musik, Bands, Liveacts und DJs. Auf insgesamt vier Floors kann hier bis tief in die Nacht getanzt werden.

Nicolas JaarSohnMykki Blanco
Headliner bei der Ritournelle ist in diesem Jahr Nicolas Jaar. Mit einem aufwendigen Live-Set-up schafft der chilenische Solo-Künstler raffinierte, pumpende Housebeats.

Auch Sohn ist längst kein Unbekannter mehr. Er deckt bei den Ritournellen die Sparte „melancholischer Synth-Pop“ ab.
 
Das Genre Trap müssen wir auch außerhalb der USA so langsam ernst nehmen. Und auch das Thema Transgender ist im Hip-Hop noch nicht wirklich etabliert. Die Künstlerin Mykki Blanco ist auf vielen Ebenen neu. Ihre Sujets sind Sex, Drogen und Politik.

 

Wer sich das Geld für die Ritournelle-Tickets (Stehplatztickets für Studierende 22,50 Euro) sparen möchte, kann an jedem darauffolgenden Samstagabend die Partys im Refektorium auf dem Gelände der Jahrhunderthalle besuchen. In der roten Scheune, deren Form offensichtlich einen Mann darstellt, der mit einem Tier kopuliert, gibt es über den gesamten Festivalzeitraum neben Partys auch Vorträge, Diskussionen, Filme und Führungen. Kosten tut das alles nichts. Am 23. September spielt an dieser Stelle der Kölner DJ Hodini (besser bekannt unter seinem Hip-Hop-Pseudonym „Hulk Hodn“) und legt funky Houseplatten auf:

Konzerte

Entdeckenswert ist sicher auch der venezuelische Künstler Arca. Er ist einer der Künstler, die sich in kein Genre so richtig einordnen lassen und sich auch sonst an keine Normen halten. Vielleicht ist es ja Post-Dubstep oder einfach sperrige Maschinenmusik. Bekannt wurde er als Produzent von Kanye West und der isländischen Popikone Björk. Am 30. September spielt er in der Jahrhunderthalle in Bochum.

Es gibt neben der Ritournelle und den großen Theaterproduktionen natürlich schier endlos viele kleinere Konzerte. Für Experimentierfreudige und Freunde sogenannter zeitgenössischer, neuer Musik empfiehlt sich die Konzertreihe im Essener Maschinenhaus. Jeden Montag gibt es hier ein freakiges Programm mit eher unbekannten Künstlern.

Verrückt wird sicher auch das dem Komponisten Harry Partch gewidmete Konzert „Monophonie“. Der Visionär entwickelte in den 40er- und 50er-Jahren neue Instrumente, mit denen viel mehr Töne spielbar waren, als wir das in unserem westlichen Tonsystem kennen. Unter anderem der Berliner DJ und Techno-Produzent Efdenim komponierte Stücke für diese mittlerweile wieder vergessenen Instrumente.

Ob alt, neu oder zukunftsweisend – bei der Ruhrtriennale sollte sich für jeden Geschmack etwas finden lassen. Studierende (bis einschließlich 30 Jahre) bekommen alle Tickets zum halben Preis. Außerdem gibt es die Möglichkeit, ab einer halben Stunde vor Veranstaltungsbeginn Restkarten für 10 Euro zu kaufen. Das ganze Programm der Ruhrtriennale gibt es hier.

 

Teaser-/ Beitragsbild: Ilka Halso

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