Schreiendes Herz im Trommeltakt

Adam pustet ein paar warme Töne aus seiner Mundharmonika, zupft ein paar Linien auf seiner roten Gretsch und singt sich die Kehle rau, während Tyson Vogel kunstvoll auf die Becken einprügelt – manchmal braucht es gar nicht viel, um runde Songs zu kreieren. Mit Wums und geradeaus. Das kalifornische Folk-Duo „Two Gallants“ schlängelt sich um Genre-Grenzen und schubst uns in unser Innerstes – am Montagabend haben sie im Druckluft in Oberhausen gespielt.

Draußen auf dem Mäuerchen hocken ein paar ältere Musik-Nerds in abgewetzten Lederjacken und ausgeblichenen Turnschuhen – vielleicht ihre besten Stücke aus Jugendtagen. Die Konzertkarte lugt oben aus ihren Brusttaschen. Zwischen besprayten Mülltonnen und unter Baum-Girlanden hängen sie in alten Konzert-Erinnerungen – und verteufeln die Musik von heute.

 Bunte Fassaden und Grün am Druckluft in Oberhausen, hier spielte das Folk-Duo Two Gallants. Fotos: Carolin Weische,Teaserfoto: flickr.com/Piti Suárez

Bunte Fassaden und Grün am Druckluft in Oberhausen, hier spielte das Folk-Duo Two Gallants. Fotos: Carolin Weische,Teaserfoto: flickr.com/Piti Suárez

08/15-Häppchen der Musik-Industrie

Ehrliche und gute Musik sei heute viel zu kantig für die Musik-Industrie, erzählen die beiden. Die sortiere ja alles bloß hübsch in Kästchen und schiebe es dem Hörer dann in 08/15-Häppchen ins Ohr. Mag sein, dass das Musikgeschäft platte Band-Stereotypen züchtet. Doch dann gibt es da eine Handvoll Bands, die das überhaupt nicht kümmert. Die ihr Ding machen und die neuen Einflüsse, die sie nach einer Auszeit in sich tragen,einfach passieren lassen.

Two Gallants scheppern sich nach fast sechs Jahren Pause 2012 mit „The Bloom and the Bright“ zurück in unsere Ohren. In einer Zeit, in der mit Mumford & Sons und The Lumineers ein Massen-Folk-Fieber ausgebrochen ist, bewegen sich Two Gallants weg vom Folk, taumeln in eine Punk-Brise. Rau, grungig und so herrlich unbekümmert.

Schlagzeuger Tyson Vogel trommelt mit Rassel - und die Mähne fliegt.

Schlagzeuger Tyson Vogel trommelt mit Rassel - und die Mähne fliegt.

Auf der abgewetzten Holzbühne stehen zwei Freunde: Links tänzelt Adam auf Zehenspitzen am Mikrofon auf und ab und singt sich die Stimme kratzig, rechts drescht Tyson so auf seine Becken ein, als würde er im nächsten Moment zerspringen. „My love won’t wait“ und „Ride away“ verballern sie viel zu früh – ein Stück nach dem anderen pfeffern sie in die Meute, wortkarg, aber das ist okay.

Schnoddrig schreit Adam all das heraus, was er zu sagen hat. Textfetzen der Heimatlosen wie „Baby let your light shine on me, when I’m lost on the road“ und „With one foot on my back and the other on the rail“ hängen ein bisschen länger in der Luft.

Etikett schnürt ab

Tyson Vogel hat einmal in einem Interview gesagt: „Wenn Kunst unsere Natur, unser Leben, die gesamte Welt repräsentiert, kann man sie nicht ein eine kleine Box stopfen und irgendein Etikett draufkleben.“ Und Two Gallants schillern in so vielen Stilen, dass sie ein Etikett bloß zuschnüren würde. Längere Stücke wie „Nothing to you'“ reißen beim Zuhörer nie ab, obwohl Tyson schon seit einer gefühlten Ewigkeit in seiner rechten Hand neben Drumstick auch noch eine Rassel mitscheppert und Adam verlässlich Gezupfe und Power-Chord-Gestampfe abwechselt – irgendwann nimmt dich die Musik ein. Sie treibt dich fort mit deinen Gedanken, die in deinen Kopf springen.

Die Musiker von "Mozes and the firstborn" schütteln ihre Haare zu Garagen-Indie mit 60er-Note und Surf-Einschlag.

Die Musiker von "Mozes and the firstborn" schütteln ihre Haare zu Garagen-Indie mit 60er-Note und Surf-Einschlag.

Zwei-Mann-Bands kaschieren Holperer nicht so gut – bei ruhigeren Stücken wie „Despite what you’ve been told“ und „Seems like home to me“ strampelt der singende Adam an seine Grenzen. Das Schnoddrige fehlt, mit denen er die Texte sonst einfach herausschleudert.

Harter Kerl, der Tyson

Bei „Broken Eyes“ begleitet er sich selbst am Klavier. Noch ein Tom-Petty-Cover und ein paar klägliche Versuche, gesprächig zu wirken. Und dann wackelt der Haar-Vorhang von Schlagzeuger Tyson einmal kurz zur Seite, Gesichtskonturen blitzen auf. „I just recognized, that I was drinking the whole time out of a broken bottle“, sagt Tyson. „That’s Punkrock!“, scherzelt er. Punkrock ist auch, dass sie ihr Zeug vorher selbst aufbauen.

Pauls liebster Two-Gallants-Song ist "Ride away".

Pauls liebster Two-Gallants-Song ist "Ride away".

„Die Jungs haben so viele Facetten und ihren ganz eigenen Stil“, findet Paul Beck (27). Er hat Marketing studiert. „Das neue Album klingt zwar anders, aber wie traurig wäre es, wenn sich eine Band nicht weiterentwickelt und neue Einflüsse mit in ihre Musik webt.“

Vor dem kalifornischen Duo haben „Mozes and the firstborn“ ihre langen Lössen zur Musik geschüttelt: Rumpelnder Garagen-Indie mit später Sechziger-Note. Die blutjungen Musiker springen zur Gitarrenlinie und singen erfrischend ehrlich „I stop caring“ und „Sometimes there’s nothing I want to do“ – dabei wackeln ihre Matten. Und wenn doch mal ein Gesicht hervorblitzt, sieht man, dass sie unheimlich viel Spaß zusammen haben. So herrlich unangestrengt.

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