Haben Spinnen Persönlichkeit?

Hand aufs Herz; wer lässt nicht hin und wieder eine Spinne im Staubsauger verschwinden? Die meisten Zeitgenossen empfinden dabei – bestenfalls – einen leichten Anflug von Ekel. Hat jemand ein schlechtes Gewissen, angesichts der nach einer Autobahnfahrt im Frühsommer massenhaft am Kühlergrill klebenden Fluginsekten?

Spinnentiere und Insekten stehen auf der Skala unseres Mitgefühls ganz unten. Nachtrauern würde ihnen wohl kaum jemand, schon gar nicht einem einzelnen. Und dafür scheint es auch gute Gründe zu geben, schließlich ist klar: Keines der Krabbeltiere ist einzigartig – nur eines von unzähligen Exemplaren einer uniformen Masse.  

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Für die meisten ein Fall für den Staubsauger. Foto: flickr.com/Oliver V – Teaserbild: flickr.com / jd.echenard

Eine Spinne ist kein Hund  

Doch genau diese Grundüberzeugung könnte ins Wanken geraten. Denn Forscher behaupten schon lange: Tiere unterscheiden sich durch individuelle Merkmale von ihren Artgenossen. Der Begriff der Persönlichkeit von Tieren macht die Runde und scheint sich zu etablieren.   

Sicher, bei Haus- und Schoßtieren, Menschenaffen, Elefanten oder Delfinen scheint uns dies schon lange intuitiv angemessen. Folgerichtig konzentrierte sich die Forschung bis vor kurzem auf die vermeintlich höher entwickelten Wirbeltiere.

Doch nun sind auch Arthropoden, ein Tierstamm, zu dem auch Insekten und Spinnen gehören, in den Fokus der Persönlichkeitsforschung geraten und liefern erstaunliche Erkenntnisse:

So untersuchte zum Beispiel ein Team um die Forscherin Kate Laskowski die Spinne Stegodyphus mimosarum, eine in Südafrika beheimatete Art. Diese lebt in Kolonien von bis zu 1000 Tieren. Jede Kolonie besteht aus Kleingruppen von rund sechs meist eng miteinander verwandten Tieren, die zwecks Beutefangs gemeinsam ein Netz knüpfen und pflegen.

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Zwei Bewohner eines Gemeinschaftsnetzes der Gattung Stegodyphus. Foto: flickr.com/berniedup

Mit simulierten Feindattacken brachte das Forscherteam diese „Wohn- und Arbeitsgemeinschaften“ in Bedrängnis. Dabei zeigten die Tiere signifikante Unterschiede hinsichtlich ihrer Aktivität, Neugier und Aggressivität. Die Schüchternen reagierten auf die scheinbare Gefahr zurückhaltend und ängstlich, während andere Exemplare forsch und mutig das gemeinsame Revier verteidigten. Mit zunehmender Dauer des Zusammenlebens verstärkten sich diese Unterschiede sogar. Studien anderer Forschergruppen bestätigen diese Befunde.  

 

Schüchterne Spinnen – forsche Läuse

Dabei sind die unterschiedlichen Charaktere offenbar nicht auf das Alter oder die Erbanlagen zurück zu führen. Darauf deuten ähnliche Experimente mit Erbsenläusen hin, die den meisten Hobbygärtnern als sommerliches Ärgernis bekannt sein dürften. Ihre Besonderheit, die Möglichkeit durch ungeschlechtliche Vermehrung, der sogenannten Parthogenese, in kurzer Zeit Unmengen genetisch identischer Nachkommen zu erzeugen, macht sie für die Forscher höchst interessant. Die Biologin Wiebke Schütt, Forscherin an der Universität Osnabrück, fand in Ihren Versuchen deutliche Hinweise darauf, dass sich auch die grünen Pflanzensaftsauger deutlich in ihrem Temperament unterscheiden – obwohl sie mit identischem Genom ausgestattet sind.

Das hatte Darwin nicht bedacht.

Dieses Phänomen kann die etablierte Auffassung von der Entwicklung der Arten aus den Angeln heben. Bisher verstand man unter Evolution die Anpassung ganzer, homogener Populationen an sich ändernde Lebensräume. Dabei setzte sich die überlegene Art durch, die unterlegene Art wurde verdrängt oder starb aus – so steht es in den Lehrbüchern. Ebenso, dass Anpassung auch schon früher die Änderung von Verhaltensmustern als Reaktion auf die sich ändernde Umwelt mit einschloss. Neu sind Hinweise darauf, dass sich Verhalten Einzelner individuell ausprägt. Die Bedeutung dieses als Inter-Individuelle Variation bezeichneten Phänomens, wurde in der Evolutionstheorie bisher schlicht vernachlässigt.

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Eine Spinnenkolonie von Stegodyphus – zur Beruhigung der Arachnohobiker: Die Gattung kommt in unseren Breiten nicht vor. Foto: flickr.com/berniedup

Dabei entfalten die Ergebnisse einige Sprengkraft: Die Vorstellung, dass auch primitiven Tieren – wie Arthropoden – eine indviduelle Persönlichkeit haben stellt eine Grenzlinie in Frage, die wir bisher zwischen Tieren und Menschen gezogen haben. Begründet doch die Idee von Individualität und Persönlichkeit unsere herausragende Stellung in der Welt.

Aber was genau meinen die Verhaltensforscher, wenn sie von  „tierischer Persönlichkeit“ reden?  In erster Linie, dass sich die Tiere immer ähnlich und damit in vorhersagbarer Weise verhalten – nicht mehr und nicht weniger. Anhand dieses typischen Verhaltens lässt sich ein Tier offenbar von seinen Artgenossen unterscheiden – jedenfalls innerhalb kleiner Gruppen. Sind Arthropoden also tatsächlich Persönlichkeiten?

Persönlichkeit als PR-Gag?

Zum Konzept Person oder dem des Trägers einer Persönlichkeit, wie wir es gewöhnlich verstehen, gehört zweifellos mehr als das. Eine Person hat auch noch eine Innenperspektive, d.h. Bewusstsein von der Welt und sich selbst und – deswegen – billigen wir Personen besondere Rechte zu, denn intuitiv bedeuten für uns „Person“ und „Mensch“ dasselbe.

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Sollten wir in Zukunft Spinnen mit anderen Augen sehen? Foto: flickr.com/to

 

Bei Arthropoden scheint die Sache klar, sie gehören für uns in eine andere Kategorie. Nicht allein wegen ihrer Größe und vermeintlichen „Einfachheit“, sondern vor allem, weil wir uns schwerlich in sie hineinversetzen können. Einer Spinne eine Innenperspektive oder gar ein Bewusstsein zuzuschreiben erscheint absurd. Spinnen sind keine Personen und sie als „Persönlichkeiten“ zu bezeichnen, ist unangemessen. Bleibt damit nichts, als geschickte PR von Forschern, die ihre Arbeit herausheben wollen aus dem grauen Einerlei der wissenschaftlichen Veröffentlichungen?

Nein, denn eins zeigt die „Persönlichkeitsforschung“ an Arthropoden deutlich: Wahrscheinlich müssen wir uns damit abfinden, dass Individualität und Persönlichkeit – ähnlich wie die Ausbildung von Fell, Flügeln oder Hufen – ein gewöhnliches, durch Selektion entstandenes Merkmal von Lebewesen ist. Sie muss als Alleinstellungsmerkmal des Menschen überdacht werden.

Auf der einen Seite wir Menschen und vielleicht noch Primaten, Delfine und einige Haustiere, auf der anderen Seite das ganze andere Getier? Dazwischen ein tiefer, unüberwindlicher Graben? So leicht können wir es uns in Zukunft nicht mehr machen.

 

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