Intim und ironisch – „Schreibgut“ mit Tiefgang

Am Hafen erzählt nur Kapitän Blaubär seine Geschichten? Weit gefehlt. Als Quartett „Schreibgut“ lasen die Dortmunder Poetry-Urgesteine Rainer Holl, Tobi Katze, Laura Reichel und Murat Kayi ihre Stücke – und die waren viel mehr als nur Seemannsgarn. Mit einer Mélange aus Musik und Texten wurden die Zuhörer ans Meer, an den See, aber auch in die Badewanne entführt.

Schreibgut, das neue literarische Quartett. Murat Kayi, Rainer Holl, Laura Reichel und Tobi Katze in der Hafenliebe (v.l.) Foto: Sarah Teschlade

Schreibgut, das neue literarische Quartett: Murat Kayi, Rainer Holl, Laura Reichel und Tobi Katze (v.l.) lasen ihre Texte in der Hafenliebe vor. Foto: Sarah Teschlade

„Wir sind Schreibgut und wir sind gestrandet – in der Nordstadt, wo Wort stattfindet.“ Mit diesem Spruch eröffnete das Quartett am Donnerstagabend, 16. Juni, in der Hafenliebe die Veranstaltung. Schreibgut, das sind Tobi Katze, für den „die deutsche Sprache zur Bitch wie zur Geliebten“ geworden ist, Rainer Holl, der „Sex mit seiner Schreibmaschine hat“, Laura Reichel, die weibliche Stimme des Quartetts, und Murat Kayi, sozusagen der Poetryslam-Opa der Dortmunder Szene.

So intim ihre Beziehungen zum Schreiben und zur Literatur sind, so persönlich und nachdenklich waren auch die vorgetragenen Texte – wenn auch nie ohne die gewisse Prise Ironie und den ein oder anderen Lacher.

So zum Beispiel bei Murat Kayis erstem Text zum Thema – passend zur Hafen-Szenerie – Wasser. „Ich möchte, dass ihr alle die Augen schließt und euch vorstellt, welches Gewässer ihr gerne wäret und vor allem warum“, forderte er das Publikum auf. Nach ein paar Minuten lieferte er dann die Auflösung des kleinen Experiments, die ziemlich psychologisch ausfiel: Laut Kayi sagte die Auswahl des Gewässers mit all seinen Eigenschaften etwas über das Sexleben aus. „Daher kommt es häufig zu Problemen, wenn der eine Partner sagt, er wäre gern wie die Niagara-Fälle, so wild und ungezähmt, und der andere stellt sich vor, er wäre eine Badewanne – seicht und ruhig.“

Laura Reichel und Tobi Katze sorgten mit ihren Texten für viele - verschiedene - Emotionen. Foto: Sarah Teschlade

Laura Reichel und Tobi Katze sorgten mit ihren Texten für viele - verschiedene - Emotionen. Foto: Sarah Teschlade

Meer fühlen

Tobi Katze bewies mit seinem Gedicht zum Thema Meer Tiefgang. Man fühlte sich entführt an den Fjord in Dänemark, konnte förmlich den salzigen Geruch der Luft auf der Zunge schmecken und das weite Meer vor sich sehen. Gepackt von der zerrenden Sehnsucht, dem Fernweh, durch Katzes Worte transportiert, herrschte absolute Gänsehaut-Stimmung im Raum. Und der ein oder andere wird an die Tage gedacht haben, an denen man an seinem Schreibtisch sitzt und sich fragt, warum man nicht gerade am Meer ist, befreit von jeglichen Sorgen.

Da sich viele Gefühle nicht in Worte fassen ließen, wie Murat Kayi anmerkte, gab es zu einigen Stücken auch musikalische Begleitung: Rainer Holl leitete seinen Text „Poesie, du alte Hure“ mit einem Stück auf der Kinder-Klarinette „Klarina“ ein. „Ich habe gedacht, Hafenmusik als Einleitung passt ganz gut“, sagte er. Wenn es auch kein Akkordeon war, so klang es jedoch sehr authentisch nach rauem Seegang und Möwen-Gekreische.

Neben der Melodie der Poesie gab es auch musikalisch noch was auf die Ohren. Foto: Sarah Teschlade

Neben der Melodie der Poesie gab es auch musikalische Unterhaltung. Foto: Sarah Teschlade

Gefährliches Territorium

Laura Reichel gehört normalerweise eher zur Herz-Schmerz-Fraktion, mit ihren „kitschigen Texten über Liebe“, wie sie selbst sagt. Mit ihrem Text zur Frauenfussball-WM über gegebene Rollenbilder von Mann und Frau in der Hafenliebe begab sie sich aber auf sozio-politisches und – in Anbetracht der vielen anwesenden Frauen – auf gefährliches Territorium.

„Ich möchte mich jetzt schon mal bei allen Frauen für diesen Text entschuldigen!“, sagte Reichel. Der Tenor ihres Vortrags: Eine fußballspielende Frau kann nicht erwarten, von Männern wirklich noch als „Frau“ wahrgenommen zu werden. „Wir Frauen wollen doch schließlich auch keinen Mann, der im rosa Tütü auf der Bühne den sterbenden Schwan macht, oder?“, rechtfertigte sie ihren Standpunkt.

Der kleine Konfrontationskurs wurde ihr jedoch nicht übel genommen. Im Gegenteil: Wie auch Tobi Katze, Rainer Holl und Murat Kayi durfte auch sie nach langem Applaus noch eine Zugabe geben. Danach ließen die meisten den gelungenen Abend mit einem kühlen Bier in einem Liegestuhl am Wasser ruhig ausklingen.