Was wäre, wenn …
alle Unis privatisiert würden?

In unserer neuen pflichtlektuere-Serie „Kurtopia“ schicken wir den Protagonisten Kurt auf eine Reise ins Fiktive. Allzu weit hergeholt sind die Gedankenspiele allerdings nicht: Kurt wird sich in einer Welt bewegen, in der Lösungsansätze für aktuelle Probleme existieren. Diese Ansätze können in einer Utopie münden, oder aber in einer Dystopie. Folge 1: Was wäre, wenn alle Hochschulen in private Hand übergehen würden?

Kurt studiert Kunstgeschichte an der TU Dortmund. Er wird oft gefragt, was er damit später einmal machen will. „In Museen arbeiten oder Kunstveranstaltungen organisieren“, antwortet er dann. Die meisten seiner Gesprächspartner verdrehen daraufhin die Augen. „So ein Träumer“, denken sie sich. Kurt aber steht zu dem, was er macht. Er ist stolz darauf, nicht das zu studieren, was so viele wählen: BWL. Er pfeift auf spätere finanzielle Sicherheit und strebt nach Selbstverwirklichung.

Doch als Kurt eines Morgens die Zeitung aufschlägt, muss er schlucken. Die Überschrift „Hochschulen werden privatisiert“ springt ihn regelrecht an. Sofort beginnt er zu lesen. Das Bildungsministerium habe ausreichend Interessenten für die Übernahme aller 239 staatlichen Hochschulen in Deutschland gefunden, steht da. Jede Hochschule soll in Zukunft von mehreren Stiftungen oder Unternehmen gemeinsam geleitet werden. Die Unis würden dann wettbewerbsorientierter denken, so die Argumentation, folglich steige die Qualität der Lehre.

Kurt bekommt bei dieser Vorstellung ein mulmiges Gefühl. Wird sein Fach Kunstgeschichte künftig dann überhaupt noch angeboten? Wird sich ein Träger finden, der diesen Studiengang unterstützt? Der seine Leidenschaft und die Hunderter anderer Studenten versteht? Vielleicht möchte ja ein großes Museum Träger werden, denkt er sich. Obwohl: Gerade hier in Dortmund?

Nur wenige Tage später trifft die jähe Enttäuschung eom, und zwar in Form eines Briefs von der Uni. Betreff: „Umfassende Neuerungen in der Hochschulorganisation“. Die TU Dortmund soll in „RWE-ThyssenKrupp-Hochschule der Wirtschaft“ umbenannt werden, steht da. Ab dem kommenden Semester werden 530 Euro Studiengebühren fällig. Monatlich. Ein Semesterticket wird die Deutsche Bahn AG künftig nicht mehr anbieten. Sie unterstützt fortan nur noch Studenten ihrer eigenen Hochschulen. Kurts erster Reflex: Panik. Wie soll er 530 Euro im Monat aufbringen?

Doch der richtige Schock wartet erst im zweiten Schreiben. Es ist an ihn persönlich adressiert. Kurt solle doch lieber die Hochschule wechseln, heißt es dort, sein Studiengang werde ab dem nächsten Semester nämlich nicht mehr angeboten. Alternativ könne er natürlich gerne das Studienfach wechseln. Anbei eine Liste über verbleibende und neue Studiengänge an der RWE-ThyssenKrupp-Hochschule der Wirtschaft.

Hektisch sucht Kurt nach einem kreativen Studiengang. Erneuerbare Energien oder Elektrotechnik, damit kann er sich nicht identifizieren. Dann findet er den Studiengang Industrie-Design. Das klingt doch gar nicht so übel, denkt er sich. Doch in der Beschreibung die nächste Ernüchterung: Der Studiengang lehrt, Maschinen und Arbeitsplätze effektiv zu gestalten, um die Produktivität der Mitarbeiter zu erhöhen. Kurt seufzt. Effektive Arbeitsplatzgestaltung hat nun wirklich gar nichts mit Surrealismus und Kunstgeschichte zu tun.

Die kommenden zwei Tage verbringt Kurt mit der Suche nach einer neuen Hochschule. In Berlin findet er eine Uni, deren Träger die Stiftung des Deutschen Historischen Museums sein wird. Und siehe da: Dort wird ein Studiengang mit dem Namen „Kunstgeschichte und Verwaltung“ angeboten. Am liebsten würde er sich sofort einschreiben. Doch die Sekretärin der Hochschule holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Am Telefon erklärt sie ihm, dass er sich aus seinem bisherigen Studium nichts anrechnen lassen könne. Und ohnehin müsse er erst einmal eine Aufnahmeprüfung bestehen. Am besten absolviere er dafür einen Sommerkurs, Kostenpunkt 800 Euro. „Und wenn Sie nicht nachweisen können, dass Sie sich die 600 Euro Studiengebühren im Monat leisten können, haben Sie eh keine Chance“, sagt sie noch.

Kurt weiß nicht weiter. Ohne ein Stipendium kann er sich die 600 Euro Studiengebühren im Monat auf keinen Fall leisten. Was soll er bloß tun? Seine Uni schmeißt ihn raus, sein Wunschstudium existiert nur noch in einer unerschwinglichen Version. Es gibt nur eine Möglichkeit: Kurt muss einen Kredit aufnehmen. Also geht er zur Bank. Anderthalb Stunden später weiß er: Einen so hohen Kredit bekommt er nie und nimmer. Der Bankberater hat ihm haarklein analysiert, dass er als Kunsthistoriker nach seinem Studium einfach nicht genug verdienen werde, um als kreditwürdig eingestuft zu werden. Lieber solle Kurt sich bei der Arbeitsagentur beraten lassen.

Auf dem Weg nach Hause begegnet Kurt seiner alten Bekannten Stefanie. Sie haben gemeinsam Abitur gemacht. Wie es ihr gehe, fragt er. Stefanie schwärmt, es könne gar nicht besser laufen. Aufgrund ihrer guten Noten habe die Hochschule ihr das Angebot gemacht, die kompletten Studiengebühren bis zum Abschluss zu übernehmen. Außerdem habe sie einen Top-Praktikumsplatz ergattert, da ihr neuer Studiengangsleiter so gute Kontakte in die freie Wirtschaft habe.

Nach nur wenigen Minuten verabschiedet Kurt sich. Das Gespräch hat ihn ernüchtert. Sein Leben lang hat er sich wie ein Freigeist gefühlt, wie ein kreativer Schöpfer. Er ist kein Typ für Mathe oder Statistik, für Werbung oder Bilanzen. Er will seine Umwelt mit seinen Ideen begeistern. Kurt weiß nicht weiter. Ein paar Wochen später wird ihm ein neuer Bafög-Antrag verwehrt. Schließlich ist er kein eingeschriebener Student mehr. Seine Eltern verstehen ihn nicht. Warum er nicht einfach etwas anderes mache, fragen sie ihn, von ihnen müsse er bei so einer Sturheit keine Unterstützung erwarten. Die nächste Miete kann Kurt erst vier Tage zu spät überweisen, die darauf folgende mit zwei Wochen Verzug. Sein Vermieter hat keine Geduld mehr und kündigt ihm. Kurt ist nun kein Freigeist mehr. Er ist zum Pessimist geworden, fühlt sich wie ein Verlierer. All seine Kommilitonen haben das Studienfach gewechselt, aber das fühlt sich einfach nicht richtig an. Jeden Tag läuft er etwas missmutiger durch die Straßen, schläft bei Bekannten, lebt nur so vor sich hin. Warum er sich so hängen lasse, fragen ihn die Leute. Was er denn mache, den ganzen tag. „Ich bin Künstler“, sagt er dann. Und die Leute verdrehen die Augen.

 

Beitragsbilder: Wenke Wensing