„Wir können uns nicht schützen“

Quelle: flickr.com/Andrey

„Ich habe nichts gehört. Nur jubelnde Fans“, sagt Ilhan Cagpa. Die Erinnerung ist noch frisch: Die Uhr zeigt eine Minute vor halb elf. Ilhan steht auf der Straße, drängelt sich durch den Trubel. Anhänger des türkischen Fußballklubs Besiktas Istanbul kommen ihm entgegen, feiern ausgelassen den 2:1-Heimsieg über den Gegner Bursaspor. Für Ilhan ist es ein normaler Samstag in der türkischen Millionenstadt.

In diesem Moment ahnt er noch nicht, dass nur rund einen Kilometer weit entfernt von ihm 44 Menschen getötet, über 150 verletzt werden. Eine Autobombe zündet neben dem kürzlich erbauten Besiktas-Stadion. 45 Sekunden später sprengt sich ein Selbstmordattentäter im benachbarten Macka-Park in Mitten einer Gruppe von Polizisten in die Luft.

Nur wenige Minuten vergehen nach den Explosionen, da bekennen sich die Freiheitsfalken Kurdistan (TAK), eine Splittergruppe der verbotenen oppositionellen Untergrundgruppierung PKK, zu der Tat. Sie wollten Rache an den staatlichen Sicherheitskräften üben, Rache für ihren inhaftierten Chef Abdullah Öcalan.

Ilhan erfährt das alles erst zehn Minuten später, als er die Nachrichten schaut. Der 30-Jährige nimmt sofort sein Telefon in die Hand, ruft bei seiner Arbeit an, ein Hotel direkt am Macka-Park: „Ich habe mich erkundigt, ob dort alle in Ordnung sind.“ Eine Kollegin sei nur 200 Meter von der ersten Explosion entfernt gewesen, erfährt Ilhan. Er kann aufatmen. Ihr geht es gut.

Rückkehr nach Deutschland kommt nicht in Frage

Nur wenige Tage später erzählt Ilhan nüchtern von dem Abend, große Emotionen zeigt er nicht. Es war bereits der fünfte Anschlag auf Istanbul in diesem Jahr. Nach den Explosionen am Samstag hatte die Regierung Staatstrauer ausgerufen, am Sonntag hingen die Flaggen auf Halbmast. Von außerordentlicher Trauer nahm Ilhan auf den Straßen allerdings nur wenig wahr: „Bei ein paar wenigen merkte man es schon. Aber – ich weiß es klingt komisch – ich glaube, wir gewöhnen uns daran (die Terroranschläge, d. Red.). Und das ist das schlimmste an allem.“

Ilhan ist gebürtiger Duisburger. Mit nur zwei Jahren entschied sich seine Familie allerdings zurück in die Türkei zu gehen. „Ich habe öfter drüber nachgedacht, nach Deutschland zurückzukehren“, erzählt er, „aber die Bedingungen der Europäischen Union sind sehr hart. Ich habe keine Aufenthaltserlaubnis.“

Infografik: Türkei erneut Ziel von terroristischen Anschlägen | Statista

Nun also lebt er in einer Stadt, in der dieses Jahr schon 83 Menschen durch Anschläge getötet wurden. Angst verspürt Ilhan nur selten. Meistens versucht er nicht darüber nachzudenken, wenn er zur Arbeit fährt, wenn er sich mit Freunden trifft, oder wenn er an öffentlichen Plätzen verkehrt: „Wenn jemand sagt: ‚Nimm nicht die U-Bahn, nimm nicht die Fähre’ – na was soll ich denn sonst benutzen? Das Leben geht weiter und ich muss zur Arbeit. Natürlich versuche ich aufmerksam zu sein, aber ganz ehrlich: Wir können uns nicht schützen.“

Starke Polizeikontrollen an Bahnhöfen und auf Straßen

Es war bereits der zweite Anschlag auf Istanbul durch die TAK in diesem Jahr, die anderen drei wurden durch Täter mit Verbindungen zum IS verübt. Gemeinsam haben aber alle den Faktor der Unberechenbarkeit. Es waren nie mehr als drei Täter gleichzeitig, viele von ihnen waren erst kurz vorher in die Türkei eingereist. Das macht es den Sicherheitsbehörden schwer. „Istanbul ist halt ein attraktives Ziel für Terroristen“, glaubt Ilhan, „Es ist sehr international und das wichtigste für die Terroristen: Hier werden sie gehört. Wenn hier etwas passiert, geht das direkt durch alle Medien. Und das wissen sie.“

Das wissen auch Polizei und Militär. Sie sind besonders wachsam. Die Regierung hatte den Ausnahmezustand bereits im Oktober nach dem Putschversuch bis Mitte Januar verlängert. Metro-Stationen, Brücken, Straßen, alles wird akribisch von bewaffneten Männern in Uniform kontrolliert. „Meinen Hotelgästen rate ich immer, ihren Ausweis überall hin mitzunehmen, sonst kann das richtig Ärger geben“, sagt Ilhan. Auch ihn nerven die Kontrollen. Aber damit kann er leben. Solange das der einzige Effekt bleibt, den der Terror auf sein Alltagsleben hat.

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