Auszeichnung für Nachwuchsschriftsteller

Wie lässt sich das Ruhrgebiet erzählen? Liegt es noch immer zwischen Zeche, Sportplatz und Pommesbude? Spielen Geschichten aus dem Pott unter Tage, im Grubenstollen oder gibt es heute auch andere, neue aktuellere Themen? Mit diesen Fragen eröffnete Literaturwissenschaftler Oliver Ruf am Mittwochabend die Preisverleihung des Wettbewerbs „Literatur von der Ruhr“.

Bis Ende April 2010 waren explizit junge Nachwuchsschriftsteller und Schriftstellerinnen aufgefordert worden ihre Manuskripte, die sich mit dem Lebensraum Ruhrgebiet befassen sollten, am Institut für deutsche Sprache und Literatur der TU Dortmund einzureichen. Am Mittwoch durften dann die drei Gewinner ihre Werke dem Publikum vortragen.

Spielte mit seiner Band bei der Preisverleihung und erhielt den dritten Platz für seinen Text "Hinterkopfprogramm": Daniel Böhm. Foto: Mareike Maack

Spielte mit seiner Band bei der Preisverleihung und erhielt den dritten Platz für seinen Text "Hinterkopfprogramm": Daniel Böhm. Foto: Mareike Maack

Musik und Literatur

Gitarrenklänge und Gesang dringen aus dem Internationalen Begegnungszentrum an der Emil Figge Straße in Dortmund. Immer mehr Leute betreten den Saal und setzen sich leise. Eine Band spielt. An der Gitarre sitzt Daniel Böhm. Der Drittplatzierte des Wettbewerbs beweist, dass er nicht nur schreiben kann, sondern auch sehr musikalisch ist.

Nachdem Wettbewerbsbegründer Oliver Ruf Publikum und Teilnehmer begrüßt hat, gibt er das Wort an Prof. Dr. Walter Grünzweig von der TU Dortmund weiter, der über die Literatur und das Ruhrgebiet philosophiert. Zum Ende seiner Ansprache fordert Grünzweig alle Anwesenden auf, es den Teilnehmern gleich zu tun, das Ruhrgebiet literarisch kennen zu lernen und es zu nutzen: „Nutzen sie die Möglichkeit die das Ruhrgebiet bietet.“

Literarische Beiträge rund um den Lebensraum Ruhrgebiet

Entstanden ist der Wettbewerb „Literatur von der Ruhr“ im Rahmen eines Hochschulseminars am Institut für deutsche Sprache und Literatur der TU Dortmund. Ziel des Wettbewerbs war es den Studierenden neue praktische Kenntnisse und Erfahrungen im Bereich Literaturmanagement und angewandter Wissenschaft im Sinne von Berufsqualifizierung und interdisziplinärer akademischer Lehre zu vermitteln, erklärt Ruf. Bewertet wurden die literarischen Werke anonymisiert von einer Jury. Diese setzte sich neben dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Christof Hamann aus den Germanistikstudenten Michaela Sonnabend und Rainer Holl zusammen. „Es sollten auch diejenigen die eingesendeten Texte begutachten, die selbst zur Generation der Einsendenden gehören“, begründet Ruf die Zusammensatzung der Jury.

Mit einem Zitat von Walter Benjamin läutet Wettbewerbs-Initiator Ruf die Preisverleihung ein und gibt seinen Teilnehmern damit gleichzeitig eine Botschaft mit auf den Weg: „Höre niemals mit schreiben auf, weil dir nichts mehr einfällt. Es ist ein Gebot der literarischen Ehre, nur dann abzubrechen, wenn ein Termin (eine Mahlzeit, eine Verabredung) einzuhalten oder das Werk beendet ist.“

Der Literaturwissenschaftler Oliver Ruf rief den Wettbewerb "Literatur von der Ruhr" ins Leben. Foto: Mareike Maack

Der Literaturwissenschaftler Oliver Ruf rief den Wettbewerb "Literatur von der Ruhr" ins Leben. Foto: Mareike Maack

Sonderpeis für Merjam Wakili mit „du“

Als nächstes betritt Rainer Holl mit Hut und Karohemd die Bühne. Das Jurymitglied wird an diesem Abend die Laudationen auf die Preisträger halten. Vor Beginn der eigentlichen Preisverleihungen wird ein Sonderpreis verliehen. Dieser geht an Merjam Wakili mit ihrem rein lyrischen Text  „du“. „Es ist ein einzigartiger Text, der in unseren Köpfen hängen geblieben ist, nachdem die Entscheidung über die ersten Plätze schon gefallen war“, erklärt Holl die Auszeichnung. Merjam Wakili liest ihr Werk mit klangvoller, zarter Stimme. Es beginnt mit den Worten: „Du mit deiner Kaugummibefleckten Haut…“ und beschreibt  die Liebeserklärung an eine dunkle Geliebte – das Ruhrgebiet.

Weiter geht es mit der offiziellen Preisverleihung der ersten drei Plätze. Auf Aufforderung von Rainer Holl betritt Daniel Böhm die Bühne. Der junge Mann, der eben noch das Publikum mit Gesang und Gitarrenspiel begeistert hat, steht nun hinter dem Rednerpult und kann kaum fassen, dass sein komplexes Werk„Hinterkopfprogramm“ den dritten Platz belegt hat. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so gut abschneide, weil mein Text keine geistige Erzählstruktur aufweist, sondern alles etwas technischer in Form eines inneren Monologs erzählt wird.“

In der Tat ist es ein sehr komplexes Werk. Doch die Zuschauer hängen gebannt an seinen Lippen, während es seinen Text vorträgt. „Es ist ein Text der einem im Ohr bleibt, den man nicht mehr losbekommt, wie ein Fisch der an einem Angelhaken hängt“, so Holl.

Das Logo des Wettbewerbs "Literatur von der Ruhr"

Das Logo des Wettbewerbs "Literatur von der Ruhr"

Fremder im Ruhrgebiet

Nach einer kurzen Pause – in der Daniel Böhm wieder als Musiker auf der Bühne steht – geht es weiter im Programm. Das Werk „Lichtblicke oder der Geschmack des farblosen Wasser“ hat mit seinem Autor Tobias Sommer den zweiten Platz belegt. Der aus Schleswig-Holstein stammende junge Mann nähert sich dem Thema Ruhrgebiet durchaus kritisch. Sein Werk erzählt eine Geschichte aus der Perspektive eines fremden im Ruhrgebiet. „Sommer ist es gelungen den Figuren seiner Geschichte eine Tiefe zu verleihen, die wir zwar erahnen, in die wir aber niemals vollkommen eindringen können“, sagt Holl.

Anschließend kündigt Holl mit großer Freude den Sieger des Abends Thomas Preyer mit seinem literarischen Werk „Kopfkohle“ an. Obwohl der 26-Jährige bereits im Vorfeld wusste, dass er den ersten Platz belegt hat wirkt er immer noch überrascht: „Ich habe wirklich nicht damit gerechnet hier den ersten Platz zu belegen. Ich hatte Zeit und habe einfach mal drauf los geschrieben.“ Bevor er beginnt dem Publikum seinen Siegertext vorzutragen, sagt er: „Wenn mir nicht alle folgen können, wenn ich das jetzt Vorlese, ist das ganz normal“. Jeder soll sich seinen Text doch im Nachhinein mal ganz in Ruhe alleine durchzulesen, fügt Preyer hinzu.

„Kopfkohle“ holt den Sieg

Der Gewinner Thomas Preyer bei der Preisverleihung. Er gewinnt mit seinem Text "Kopfkohle". Foto: Mareike Maack

Der Gewinner Thomas Preyer bei der Preisverleihung. Er gewinnt mit seinem Text "Kopfkohle". Foto: Mareike Maack

Mit ruhiger Stimme beginnt der ehemalige Lehramtsstudent der TU Dortmund zu lesen. Seine Stimme passt sich den Figuren an, die er gerade spricht. Er erzählt von einer Reise quer durch das Ruhrgebiet. Es ist als würde man alles was er erzählt miterleben, man sieht die Bilder der bekannten Plätze im Ruhrgebiet von denen er erzählt direkt vor sich. „Seine Bilder sind kein Klischee, man fühlt sich beim Lesen als säße man in einem Zug an dessen Fenster die Bilder des Ruhrgebiets vorbeirasen,“ sind die passenden Worte von Rainer Holl über den Text des Erstplatzierten. Als Preyer seine Stimme senkt und seinen Beitrag beendet klatscht das Publikum begeistert Beifall.

Wieder betritt Daniel Böhm mit seiner Band die Bühne: Musik zum Abschluss. Ein schönes Ende für einen gelungenen Abend.  Wer nun Lust bekommen hat die besten Werke des Wettbewerbs einmal selbst zu lesen kann dies tun. Wie Oliver Ruf zum Ende ankündigt, werden alle Texte unter dem Titel des Siegertextes „Kopfkohle“ in einer literarischen Anthologie veröffentlicht. Diese wird voraussichtlich Anfang 2011 erscheinen.