Der Breitmaulfrosch: DJ BoBo, der ewige Tanzbär

Ob Glitzerbärte, grüne Smoothies oder hippe Fummel aus der Mottenkiste – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne über merkwürdige Trends wütet – dabei nimmt er kein Seerosenblatt vor den Mund. Heute ärgert er sich darüber, dass DJ BoBo im Jahr 2017 immer noch Musik veröffentlichen darf – und damit sogar Stadien füllt. 

Es gibt Dinge, die wird man das ganze Leben nicht mehr los. Eingewaschene Kakao-Flecken auf einem weißen T-Shirt zum Beispiel. Oder den peinlichen Spitznamen, den sich die eigenen Eltern ausgedacht haben. Oder Herpes. DJ BoBo (sic!) als Herpes der Musiklandschaft zu bezeichnen, wäre vielleicht ein wenig infam. So ist der Schweizer ja eigentlich nicht bösartig. Und anders als Herpes, der nach dem Abklingen für immer nur als stiller Begleiter im Körper schlummert, ist DJ BoBo ganz schön laut.

DJ der Herzen: BoBo hat immer noch viele Fans. Foto: flickr.com/JürgenTelkmann mit CC-Lizenz

Nein, BoBo ist eher der ehemalige Mitschüler, den man schon in der Mittelstufe nicht ausstehen konnte. Und der einen dennoch periodisch alle zwei Jahre – als man ihn gerade schon wieder vergessen hatte – zu einem Rotwein-Tasting in sein neues Zuhause einlädt. Genervt geht man also hin, nur um festzustellen, dass der Typ noch immer keinen Deut cooler, sein Geschmack noch immer keinen Deut besser geworden ist. Und wenn man dann mit Sodbrennen wieder nach Hause trottet, möchte man ihm schreiben: „Alter, hör endlich auf damit!“ Aber man tut es nicht. Weil man weiß: Er wird sich nicht ändern. Und wenn man ihn gerade verdrängt hat, dann hört man doch wieder von ihm.

Ein Schaumparty-Prophet

BoBos Tastings sind Studioalben. Alle zwei Jahre ein Neues, das dann doch wieder genauso klingt, wie jenes davor. Anfang der Neunziger stieg Peter René Baumann aka DJ BoBo mit langer Mähne und in Ballonseide gehüllt erstmals wie ein Prophet der neuen Eurodance-Szene aus den Schweizer Bergen herunter auf die Tanzflächen deutscher Großraumdiscos. Ein Mann, gemacht für Schaumpartys und gepunchte Wodka-Mischgetränke. Songs wie „I loye you“ und „Vampires are alive“ wurden Hymnen einer Zeit, die sich vor allem durch blondierte Haare und Plateauschuhe auszeichnete. In allen Belangen also nicht gerade die Hochphase deutscher (Pop-)Kultur. Drohte BoBo durch sein mangelndes musikalisches Talent zunächst zum Stimmungsanimateur für das betrunkene Ballervolk auf Mallorca zu verkommen, sicherte ihm schon früh die durch und durch humanistische Botschaft seiner Songs und seines Denkens („Ich glaube an das Gute in den Leuten“, „Meine Lieblingsheldinnen der Wirklichkeit sind Mütter“) einen Platz im Mainstream-Herzen der Nation. Das Geld floss abseits des Bierkönigs. Glück gehabt. 

Mit der Jahrstausendwende allerdings verschwanden BoBos zahlreicheiche Mitstreiter auf dem Kreuzzug der Plastikbeats allmählich aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Nur nicht BoBo. Noch immer halten sich seine Melodien und bedeutungsschweren Lyrics hartnäckig in Autoradios und Intros von Trash-TV-Formaten. Noch immer, wenn jemand auf einer WG-Party halbbetrunken „Everybody“ auflegt, verspüre ich unweigerlich die Angst, dass gleich auch noch H.P. Baxxter aus einem Stroboskop-Gewitter auftaucht und mir mit einer Stricknadel ein Augenbrauenpiercing sticht. Anmoderiert von Hugo-Egon Balder, festgehalten auf VHS-Kassette. Ein Neunziger-Trauma, das nie zu enden scheint.

Es gibt doch Ed Sheeran

Das liegt auch daran, dass Nimmersatt-BoBo kontinuierlich an alte Erfolge anknüpfen will. Sein neuster Versuch: „Mystorial“ – der 13. Langspieler. Rausgekommen im September vergangenen Jahres und immerhin in Deutschland auf Platz 13 gechartet, betourt BoBo mit frischen Stücken gerade eifrig die Bühnen des anglo-sächsischen Raums. Das wirklich Schlimme daran: Er füllt auch noch Stadien. Zuletzt am vergangenen Samstag (13. Mai) die Dortmunder Westfallenhalle. Im Schnitt kommen 10.000 Fans, um sich der Mischung aus schlecht-produzierten Playbacks und Detlef-D!-Soost’schen Choreographien hinzugeben.

Ich weiß, über Geschmack lässt sich nur schwer streiten. Ich kann Musik durchaus eine gewisse Qualität zugestehen, auch wenn ich sie persönlich vielleicht nicht mag. Ich kann verstehen, warum andere etwas gut finden, auch wenn ich es vielleicht nicht tue. Aber bei DJ BoBo, da verstehe ich wirklich gar nichts. Dieser Mann ist ein Rudiment aus einer Zeit, in der Ganzkörper-Jeansoutfits und Wörter wie „dufte“ noch en vogue waren. Wer also tut sich im Jahr 2017 noch freiwillig ein BoBo-Konzert an? Muttis ohne konkreten Musikgeschmack? Für die gibt es doch Ed Sheeran. Ironie-Gänger? Für die gibt es doch Trash-Pop-Parties und Jan Böhmermann. Mir fällt da wirklich niemand ein.

Der nächste Termin steht schon

Vielleicht sollte ich dieser Frage selbst auf den Grund gehen. Der nächste Termin für ein Konzert in Dortmund steht immerhin schon fest: 7. Juni 2019, wieder in der Westfalenhalle. Es wird wahrscheinlich so schockierend wie in meiner Vorstellung. Und am Ende werde ich wohl davon trotten und werde DJ BoBo schreiben wollen: „Alter, hör endlich auf damit!“ Aber ich habe seine Nummer nicht. Und in zwei Jahren wird er sowieso ein neues Album veröffentlichen. Es gibt eben Dinge im Leben, die wird man nicht mehr los. DJ BoBo und Herpes gehören definitiv dazu. 

Beitragsbild: Helena Brinkmann

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