Jugend forscht: Großes Bundesfinale in Essen

Für einen Tag ist die Kritik am Bildungssystem vergessen: Die Teilnehmer von „Jugend forscht“ verblüffen auch dieses Jahr mit neuen Erfindungen. Oft praktisch, manchmal abstrakt und immer beeindruckend.

Jugend forscht 2010 / Foto: Stiftung Jugend Forscht e.V.

"Jugend forscht 2010" Foto: Stiftung Jugend Forscht e.V.

Werden Männer wirklich impotent, wenn sie ihre Handys in der Hosentasche tragen? Schaffe ich es wirklich, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen? Und kann man leckere Cocktails nicht auch vollautomatisch mixen? Die einen machen sich um solche Fragen selten Gedanken, für die anderen sind sie der Inhalt monatelanger Arbeit. 107 Projekte kamen in das Finale von „Jugend forscht 2010“. Am Sonntag wurden die Gewinner in der Philharmonie Essen ausgezeichnet. Unter dem diesjährigen Motto „Entdecke neue Welten“ nahmen neben Schülern auch Auszubildende und Studenten bis 21 Jahren am Wettbewerb teil.

Originellste Arbeit durch Angela Merkel dotiert

Drei Auszubildende aus Baden-Württemberg dürfen im September zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Berlin fahren. Marc Imbery, Fabian Anhorn und Fabian Rupp haben den Preis für die originellste Arbeit abgeräumt. Neben einem Besuch bei der Kanzlerin gibt es 2.700 Euro Preisgeld und schon erste Interessenten für die Entwicklung.

Annette Schavan lässt sich die Erfindung erklären / Foto: C.Hahn

Annette Schavan lässt sich die Erfindung erklären Foto: C.Hahn

Ihr Projekt ist der ROPEoter Advanced – eine automatisierte Wicklungsmaschine, die die Rettungsleinen der Feuerwehr schnell und genau aufwickelt. Was simpel klingt, war bisher immer ein Problem für die Feuerwehr: Die Richtlinien schreiben vor, wie die Leine aufgewickelt werden muss. Zudem muss das Aufwickeln nach jedem Einsatz mit der Hand erledigt werden. „Wir kennen das aus der Freiwilligen Feuerwehr und wollten etwas erfinden, das uns und anderen hilft“, sagen die Erfinder. Mehr als zwei Jahre hat die Entwicklung des Prototyps gedauert.

Alte Vorurteile und gefährliches Halbwissen widerlegt

Die Finalisten des Wettbewerbs mussten sich erst auf Regional- und Landesebene gegen andere Nachwuchsgenies durchsetzen. Eine davon: Stefanie Henkel. Sie hat sich die Frage gestellt, wie multitaskingfähig wir wirklich sind. Sie ließ Schüler Matheaufgaben lösen, nebenbei ein Hörbuch hören, Texte lesen und dabei Fernsehen gucken. Dabei fand Stefanie heraus, dass Menschen bei vermehrten Störungen schlechtere Leistungen erbringen. Ganz nebenbei räumte sie auch noch mit einem Vorurteil auf: „Frauen sind gar nicht besser im Multitasking als Männer“, sagt die 18-Jährige aus Niedersachsen. Wer also im Hörsaal versucht, dem Prof zuzuhören und gleichzeitig seine E-Mails beantwortet, wird keines davon 100-prozentig machen. Egal, ob Mann oder Frau.

Tamara und Rebekka Buck / Foto: Stiftung Jugend forscht e.V.

Tamara und Rebekka Buck Foto: Stiftung Jugend forscht e.V.

Genauso hartnäckig hält sich bislang das Gerücht, dass Handystrahlen die Spermien eines Mannes schädigen und seine Manneskraft beeinträchtigen. Alles Quatsch, sagen Tamara und Rebekka Buck aus Tübingen. Sie züchteten menschliche Hodengewebszellen in einem Brutschrank und legten ein Handy dazu. Ein anderer Brutschrank enthielt ebenfalls Hodengewebszellen, nur ohne den Strahlen eines Handys ausgeliefert zu sein. Die Zwillingsschwestern untersuchten die Proben auf bestimmte Veränderungen, sogenannte Apoptosemarker. Die bestrahlten Zellen wiesen nur minimale Veränderungen auf – das Handy als Potenzkiller kann ist also nicht die Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch sein.

Besserwissen lohnt sich

Den Sonderpreis für eine außergewöhnliche Arbeit durften Ali Karaca, Björn Bankowski und Daniel Lamonski mitnehmen. Die drei Gymnasiasten aus Niedersachsen wollten nicht glauben, was ihr Lehrer ihnen erzählte und hinterfragten jahrelang überliefertes Wissen: Die Eisensulfidsynthese ist ein beliebtes Experiment im Chemieunterricht, das fast jeder kennt – dabei reagieren Schwefelpulver und Eisenwolle, nachdem das Schwefelpulver erhitzt wurde. Bei der Reaktion hört man einen Pfeifton, den die gängige Lehre bislang falsch erklärte. Dass auch Lehrer sich täuschen können, bewiesen die drei Schüler: Der Pfeifton entsteht aufgrund der Faserstruktur der Eisenwolle und nicht wie bisher vermutet durch die Eisensulfidsynthese.

Rekordbeteiligung bei Jugend forscht

Immer noch ein seltenes Bild: Frauen in der Wissenschaft / Foto: C.Hahn

Immer noch ein seltenes Bild: Frauen in der Wissenschaft Foto: C.Hahn

Dieses Jahr meldeten sich 10.196 Nachwuchsforscher für den bundesweiten Wettbewerb an. Dabei ist der Süden Deutschlands eindeutig Vorreiter in Sachen Forschung: Aus Bayern und Baden-Württemberg kamen 20 der insgesamt 107 Projekte des Finales. Und die Forschung bleibt weiterhin eine Männerdomäne: Die Forschungsteams aus Nordrhein-Westfalen sind zu 94% männlich, nur ein Mädchen nahm dieses Jahr am Finale teil. Damit nimmt unser Bundesland die Spitzenstellung beim Männeranteil ein. Bundesbildungsministerin Annette Schavan betonte bei der Preisverleihung in Essen den Stellenwert der Forschung in Deutschland: „Entdecke neue Welten – ich finde, das ist ein Motto, das ungewöhnlich gut passt. Gerade in Zeiten der Krise darf niemand in Wissenschaft und Politik nachlassen. Wir brauchen mehr Investitionen in Bildung und Forschung. Wir brauchen mehr Investitionen in unsere Zukunft.“

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