Zuhause im Scheinwerferlicht

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Von Stadt zu Stadt, immer wieder neue Gesichter, immer wieder ein neues Zuhause. Svyatoslav Rasshivkin ist ein Zirkuskind. Zusammen mit seiner Mutter reist der Zwölfjährige  um die Welt und verzaubert das Publikum mit seiner Luftakrobatik. Ein Leben zwischen Rampenlicht und Familienalltag. 

„Noch einmal von vorne. Und jetzt konzentrier’ dich!“ Yulia schiebt den roten Schalter nach vorne. Ratternd beginnt die Winde sich zu drehen, Svyats Füße heben vom Boden ab. Waagerecht schwebt der Junge an den Bändern durch die Luft. „Bleib gerade! Spann den Bauch an, Svyat!“ Svyat stoppt, das Band zittert. Er holt tief Luft, dann schüttelt er den Kopf. Die Winde rattert, der Boden kommt näher. „Was ist denn los? Du spannst den Bauch nicht an! Wie soll es dann klappen Svyat? Du musst dich konzentrieren!“ 

Svyatoslav ist Luftakrobat. Mit gerade mal 12 Jahren reist er mit seiner Luftakrobatik-Nummer um die Welt. Immer dabei: Mama Yulia – und zwar nicht nur als Svyats Mutter, sondern vor allem als seine Trainerin. Der 12-Jährige ist Strapaten-Künstler; an zwei dünnen Stoffbändern hängt er unter der Zeltdecke. Schwingt hin und her, einhändig, ohne Hände, dreht sich ein und lässt sich fallen. 

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Mama Yulia ist eine strenge Trainerin. Bei Svyats Choreos achtet sie auf jedes Detail.

Hartes Training ist Pflichtprogramm

Beim Training für diese waghalsigen Figuren ist Yulia streng. Sie fordert viel von ihrem Sohn, denn sie weiß genau, worauf es ankommt, um den Traum von der Artistenkarriere zu verwirklichen. Eine Stunde trainieren die beiden vor jedem Auftritt. Wenn die anderen Akteure zwei Stunden vor Showbeginn im Zirkus ankommen, ist Svyat längst am Seil. Für seine Disziplin erntet der 12-Jährige Bewunderung. Er ist der Jüngste im Team, die Frohnatur, der kleine Bruder. 

Svyat hat viele Freunde unter den Akteuren, Freunde aus aller Welt. Für die Karriere verlassen viele ihr Zuhause und fliegen von Auftritt zu Auftritt. Immer seltener ist der Zirkus ein reines Familiengeschäft. Aber dennoch: die Artisten, auch wenn sie sich gar nicht kennen, scheinen irgendwie eine große Familie zu sein. In der Manage fühlen sie sich angekommen, unter ihres gleichen, dort sind sie Zuhause – egal, wo dieses dort liegt.

Auch Svyat lernt schon früh die Unbeständigkeit des Zirkuslebens kennen. Während der Show-Zeiten wird das Hotelzimmer zum vorübergehenden Zuhause für Svyat und seine Mutter. Aber „Zuhause“ nennt er es nie. Denn das richtige „Zuhause“, das ist Moskau. Dort war Svyat das letzte Mal vor zwei Jahren. Höchstens einmal im Jahr besucht er seine Freunde und Familie Zuhause und das auch nur, wenn die Tourzeiten es hergeben.

Als Zirkuskind sieht man viel von der Welt

Oft wird er gefragt, wie es sich anfühle, immer auf Reisen zu sein, nur einmal im Jahr nach Hause zu kommen. Eine richtige Antwort hat Svyat darauf nicht, vielleicht, weil dieses Gefühl nur schwer zu beschreiben ist. Er überlegt. „Es gibt doch Skype!“, sagt er schließlich lachend. Svyat ist Optimist, immer gut gelaunt. Er erkennt die positiven Dinge des Lebens. Und in seinem Leben als Zirkuskind gibt es davon viele: „Mir gefällt es, so viel zu reisen. In jeder Stadt ist es ein anderes Arbeiten, mit einem neuen Team, unter neuen Bedingungen. Man findet viele Freunde. Aber vor allem lernt man viel von der Welt kennen!“ 

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Auf der Bühne zu stehen, macht Svyat großen Spaß: „Ich freue mich immer, wenn die Leute von meiner Show gefesselt sind.“

Mit seinem Show-Act um die Welt zu reisen, davon träumte Svyat schon als ganz kleiner Junge.
Er wuchs in einer Artistenfamilie auf. Als er vier Jahre alt war, begann sein Großvater ihn zu trainieren, erzählt seine Mutter Yulia. „Svyat wollte immer ans Seil, für ihn kam nie etwas anderes infrage. Als Mutter frage ich mich, warum es ausgerechnet die Strapaten sein mussten. Aber als Artistin weiß ich, welchen Reiz die Höhenakrobatik hat.“

Sie selbst begann mit elf Jahren ihre Karriere als Hochseilartistin. Svyat war mit elf Jahren bereits bei der ersten Talentshow angemeldet. Ans Hochseil geht Yulia heute nicht mehr. Das hat sie gegen 50 Hula-Hoop Reifen eingetauscht. Mit ihrer Hula-Hoop-Nummer begleitet sie ihren Sohn jetzt auf seiner Tour. Völlig aufs Rampenlicht verzichten kann sie nicht. Aber die Karriere ihres Sohnes steht für sie nun an erster Stelle.

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In 20 Jahren beim Zirkus hat Yulia gelernt, sich zu arrangieren – und sich auch mal auf dem Fußboden zu schminken.

Hinter der Bühne wird es ernst

Noch zwei Stunden bis zur Show. Zwei Stunden, um noch einmal in sich zu gehen, bevor die Scheinwerfer angehen und die Musik ertönt. Auch Yulia muss sich nun auf ihren Auftritt vorbereiten. Im Hinterzelt sind mittlerweile alle Artisten versammelt; Sie trainieren, schlafen oder schauen auf einem winzigen Fernseher Fußball. Yulia verschwindet hinter einer Reihe mit grauem Stoff verkleideten Gerüstwänden. Die Pflastersteine des Parkplatzes bedeckt ein fleckiger roter Teppich. Hinter der verkleideten Gerüstwand stehen zwei große Standscheinwerfer und werfen weiße Lichtkegel in das Halbdunkel des Zeltes. An einer Gerüststange hängt Yulias Kostüm: ein schwarz-rotes Kleid besetzt mit unzähligen Pailletten, die im Scheinwerferlicht glitzern.

Yulia setzt sich auf den Boden direkt unter einem der Scheinwerfer. Vor ihr steht eine Holzbank mit einem kleinen Tischspiegel und einem Schmink-Etui. Yulia und die anderen Artistinnen brauchen keine professionelle Maske, Niemanden, der sie ankleidet oder ihnen beim Schminken hilft. Und auch keinen Zirkuswagon mit beleuchten Spiegeln und Garderobe.
Für sie ist sich selbst zu schminken Routine, jeder Handgriff sitzt – auch auf 15 qm steinhartem Fußboden. Man lernt, sich mit den Bedingungen zu arrangieren, erzählt Yulia: „Manchmal haben wir auch richtige Garderoben, aber das ist leider nicht immer möglich. Daran gewöhnt man sich.“ Zu zehnt wird der Platz schnell eng. Nicht alle Artistinnen können sich hier gleichzeitig fertigmachen. Während die einen sich warm machen, machen die anderen ihr Make-up. Das spiele sich schnell ein, versichert Yulia – und das muss es auch: „Chaos darf es hier nicht geben.“

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Für ihr Show-Make-Up braucht Yulia eine halbe Stunde.

Alles wirkt übertrieben

Toupierte Haare, schwarz geschminkte Augen, knallrot glitzernde Lippen. Glanz und Glamour für die Bühne. Wenn Yulia in die Rolle der Artistin schlüpft, dann legt sie eine Art Verkleidung an. Zu dickes Make-up, zu viele Pailletten, alles wirkt übertrieben. „So ist das im Showbusiness. Von allem zu viel, dann ist es gerade richtig“, Yulia zuckt die Schultern und zieht sich ihre High-Heels an. Routine.

Eine Dreiviertelstunde braucht Yulia für ihre Verwandlung – eine Verwandlung, die ihr nie vollkommen gelingt. „Als Artistin weiß ich, dass ich mich jetzt auf meinen eigenen Auftritt konzentrieren muss. Aber die Mutter in mir steht trotzdem pausenlos unter Strom.“

Im Hinterzelt machen sich die Artisten warm. Yulia bleibt nur wenig Zeit für Dehnübungen. Ihr eigener Auftritt ist erst in der zweiten Hälfte der Show, doch Svyat startet als dritter Akteur. Bei jedem seiner Auftritte bedient Yulia selbst die Seilwinde. Damit steuert sie die Strapaten, an denen Svyat seine Figuren zeigt. Hoch, runter, stop – Yulia muss genau darauf achten, wann sie den roten Schalter umlegt. Denn die Bedienung des Seils in zehn Metern Höhe ist echte Maßarbeit. „Aber sie ist ja auch nicht einfach nur meine Trainerin. Sie weiß genau, wie alles ablaufen muss und ich vertraue ihr voll und ganz“, Svyat lächelt. Eine letzte Umarmung. Dann ertönt die Musik.

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Seine Figuren denkt sich Svyat selbst aus. Die besten Ideen kommen ihm direkt beim Training.

Svyat ist der Publikumsliebling

Der Spot geht an. Svyat schwebt durch die Luft. Mit der rechten Hand hält er das lange Stoffband fest, mit der anderen balanciert er seinen Körper aus. Dann holt er Schwung. Eine Drehung, zwei, drei… Das Publikum ist begeistert – und Yulia erleichtert. Sie schiebt den roten Schalter nach hinten. Svyats Füße erreichen wieder den Boden. Er verbeugt sich, tosender Applaus. 

Mit dem Vorhang fällt auch die Aufregung endlich von Mutter und Sohn ab. „Ich bin immer aufgeregt, wenn sich die Vorhänge zur Manege öffnen, egal, wie gut meine Nummer sitzt“, sagt Svyat. Als Zirkuskind weiß er: Ein Leben im Scheinwerferlicht ist ein Leben in zwei Welten. Zwischen Gutenacht-Geschichte und Trainingsanweisungen, zwischen Kochschürze und Glitzerkostüm.

Svyat ist selten einfach nur Kind. Mit seinem Talent ist er auf dem besten Weg zum Profi-Akrobaten. Und diese Karriere kostet Zeit und Kraft. Nicht nur ihn, sondern auch seine Mutter. Trotzdem versuchen beide, den Familienalltag ein Stück weit beizubehalten. Neben Glitzer und Glanz auf der Showbühne: die Familie bleibt das Wertvollste.

Als Mutter und Sohn sind sie ein unschlagbares Team

Svyat ist dankbar für die Unterstützung seiner Mutter. Ohne sie zu reisen, kann sich der Zwölfjährige nicht vorstellen. Eine Umarmung, ein Handschlag, ein Kuss auf die Wange – vor seinen Auftritten genießt Svyat die Nähe seiner Mutter. „Sie ist immer für mich da und das baut mich auf.“ 

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Ein unschlagbares Team – für Svyat käme eine Show-Tour ohne seine Mutter gar nicht in Frage.

Svyat der liebende Sohn, der kleine Junge von gerade mal 12 Jahren – und gleichzeitig auch der Zirkus-Star. Mit seiner Show will er hoch hinaus, träumt von einer Teilnahme beim Internationalen Zirkus-Festival in Monte Carlo. Im Februar nahm er an der französischen Castingshow „France’s Got Talent“ teil und erreichte das Finale.

Jetzt will er für Monte Carlo weitertrainieren. Das jährliche Zirkusfestival findet vom 14. bis 24. Januar statt. 2016 ist Svyats große Chance. Er weiß genau, was er für diesen Traum aufbringen muss: Konzentration, Disziplin, weniger Freizeit, weniger Kind sein. Eine Teilnahme an einem Wettkampf dieser Größe hängt von Svyats Fortschritten ab. Für Svyat ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Nach zwei Jahren geht es jetzt endlich nach Hause

Hinter der Bühne heißt es jetzt Abschied nehmen. Noch in der Nacht fliegen Svyat und Yulia weiter. Aber dieses Mal nicht zur nächsten Show. Der Flieger geht nach Moskau, nach Hause, wo Familie und Freunde gespannt erwarten, was Svyat ihnen zu erzählen hat. Sie warten auf Svyat, den kleinen Zirkusstar, den Familienschützling. Für den 12-Jährigen unfassbar: „Erst wenn mich meine Großeltern in die Arme nehmen, dann realisiere ich, dass ich tatsächlich wieder zuhause bin.“ Das Reisen gehört zu Svyats Alltag, er kennt es nicht anders. Und trotzdem könne er sich nie ganz daran gewöhnen. „Ein Teil von mir wartet eben immer in Moskau auf mich.“

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Fotos: Saskia Wöhler