Das sind alles keine Chorknaben

Die „Initiative gegen die Todesstrafe e.V.“ gibt es seit fast 20 Jahren. Vorsitzende Gabi Uhl kennt viele Geschichten über Brieffreundschaften mit Gefangenen. Sie spricht über die Gefahren, die in den Briefen lauern.

Vorsitzende Gaby Uhl. Foto: Schuppelius

Was macht der Verein genau?

Wir setzen uns weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Unser Schwerpunkt liegt dabei in den USA. Unsere Arbeit besteht aus drei Standbeinen: Öffentlichkeitsarbeit, parteineutrale, politische Aktionen, außerdem unterstützen wir die Gefangenen, indem wir Brieffreundschaften vermitteln.

Wie kommen Sie an die Häftlinge in Ihrem Online-Verzeichnis?

Wir haben nie komplette Gefängnisse angeschrieben. Unser Engagement spricht sich unter den Gefangenen herum und die geben dann auch unsere Adresse weiter. Wir bekommen immer wieder Briefe von Häftlingen, die wir noch nicht aufgeführt haben, und nehmen sie dann mit ihrer Anzeige in unseren Katalog auf.

Haben Sie einen Überblick über die Brieffreundschaften zu Gefangenen von Ihrer Website?

Wir haben unser System umgestellt und geben jetzt keine Adressen mehr online an. Interessierte müssen uns explizit anschreiben und nach Adressen der Häftlinge fragen. Dann geben wir die Kontaktdaten weiter. Wir möchten mit den Schreibenden in Kontakt bleiben und sie mit Rat und Tat unterstützen. Solche Briefkontakte sind schon belastend.

Verharmlost eine solche Brieffreundschaft, dass die Person eine schwere Straft begangen hat?

Ich hoffe nicht! Wir hatten in unserem Gästebuch schon mal die Anfrage: “Wo finde ich einen lieben, netten Mörder?” Ich dachte mir: “Was ist das denn für ein Quatsch!” und versucht deutlich zu machen, dass in den Todestrakten Menschen sitzen, die in der Regel sehr, sehr schlimme Dinge getan haben. Man sollte nicht den Fehler machen, die Häftlinge für liebe Chorknaben zu halten und sie mit Samthandschuhen anzufassen, nur weil sie im Todestrakt sitzen. Trotzdem bleibt es nicht das einzige, was einen Menschen ausmacht. Ich will die Straftat gar nicht verharmlosen. Überhaupt nicht. Aber es gab bei den Gefangenen ein davor und es gibt ein danach – und den Menschen nur auf die Tat zu reduzieren, wird dem Einzelnen nicht gerecht. 

Schreiben eher Frauen oder Männer Briefe in den Knast?

Es sind schon überwiegend Frauen, aber nicht nur. Auch einige Männer schreiben. Möglicherweise sind Frauen diejenigen, die gerne schreiben. Ich meine, man muss ja auch gerne Briefe schreiben. Das ist eigentlich die Grundvoraussetzung für so eine Brieffreundschaft. 

Stimmt das Vorurteil, dass Frauen durch diese Briefkontakte gezielt nach dem Mann fürs Leben suchen?

Das will ich gar nicht abstreiten. Es gibt mit Sicherheit vereinzelt Frauen, auf die das zutrifft. Ich glaube aber nicht, dass das bei der Mehrheit der Fall ist. Manchmal kommt es auch vor, dass aus den Briefkontakten mehr wird, obwohl die Frau das nicht beabsichtigt hat. 

Warum passiert das trotzdem, auch wenn es vielleicht nicht geplant war?

Es hängt vielleicht davon ab, wie intensiv und emotional der Briefkontakt ist. Die Häftlinge sind da auch ganz unterschiedlich. Das ist wie im normalen Leben. 

Ganz anders ist allerdings ihr Alltag: Wenn man überlegt, dass der Häftling den ganzen Tag nur in der Zelle sitzt und der Briefkontakt für ihn das Fenster zur Welt ist, dann ist dieser Mensch für ihn sehr wichtig und dann können die Briefe eines Gefangenen schon recht persönlich werden.

Welche Gefahren hat eine Brieffreundschaft in den Knast?

Man muss aufpassen, dass man sich nicht manipulieren lässt. Es sind auch nicht immer alle Gefangenen ehrlich. Da sollte man nicht zu entsetzt sein, denn ich weiß doch, dass ich mit jemandem schreibe, der wegen Mordes verurteilt wurde. Und dann muss ich eventuell auch damit rechnen, dass er nicht immer die Wahrheit sagt. Trotzdem gehören immer zwei dazu. Jemand, der manipuliert und jemand, der das mit sich machen lässt.

Was ist mit der psychischen Belastung?

Ich muss letztendlich immer damit rechnen, dass der Brieffreund einen Hinrichtungstermin bekommt und ich ihn auf diesem Weg verliere. Ich muss mir vorher genau überlegen, was auf mich zukommt. Aus diesem Grund geben wir auch keine Adressen an Minderjährige heraus. Es ist unsere Verantwortung, sie vor dieser Belastung zu schützen. Betroffene werden über uns von Leuten unterstützt, die die Situation selbst kennen. Das ist schon sehr wohltuend.

 

Hier berichten drei Frauen über ihre Brieffreundschaften zu Häftlingen. 

Beitragsbild: Markus Bergmann

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