Duell am Donnerstag: Das Dschungelcamp – anschauen oder abschalten?

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Kakerlaken, Wasserschlangen und Krokodile, aufgepasst! Am Freitag Abend werden wieder elf deutsche C-Promis auf den australischen Dschungel losgelassen. Der Startschuss für Diskussionen über das Plumpsklo, lautstarken Streit am Lagerfeuer, heimlich Lästereien und Prüfungen, in denen Insekten gegessen und trübe Tümpel durchschwommen werden müssen. Und wieder werden Millionen Zuschauer vor dem Fernseher live dabei sein. Andere werden sich genau darüber aufregen. Das Dschungelcamp spaltet die Nation. Ist die Sendung ethisch verwerflich und niveaulos oder gerade durch Ironie und Schadenfreude besonders unterhaltsam? Ein Duell zwischen Laura Wassermann und Clara Bergström.

pro

An den Spott, den ich jedes Mal zu hören bekomme, wenn ich mich als großer „Dschungelcamp“-Fan oute, habe ich mich gewöhnt. „Fernsehen für Dumme“ oder „Trash-TV“ sind beliebte Stichworte. Da frage ich mich, wer die anderen rund neun Millionen Menschen waren, die im vergangenen Jahr vor dem Fernseher saßen, als Joey Heindle zum Dschungelkönig gekürt wurde – waren das alle nur „Dumme“? Wohl kaum.

Sadismus macht Spaß

Die meisten Zuschauer, die zwei Wochen lang das Dschungelgeschehen verfolgen, wollen dabei einfachgehend Spaß haben. Denn: In welcher deutschen Fernsehsendung gehen längst vergessene „Stars“ dermaßen an körperliche und psychische Grenzen, wie beim Dschungelcamp? Wo kommen derart verwegene Geschichten zu Tage, wenn die Bewohner dem Lagerkoller nicht mehr Stand halten und anfangen, zu plaudern? Richtig, nur bei RTL. Und da wir alle ein wenig sadistisch veranlagt sind – wir lachen ja auch, wenn unser Nebenmann hinfällt und dabei lustig aussieht – finden wir eben genau das komisch.

Mit der Romanze zum Erfolg?

Ob inszeniert oder nicht: Die C bis Z-Promis, die sich für die Teilnahme am Camp nicht zu schade sind – meistens, um durch Gage und Aufmerksamkeit ihre Existenz zu retten – bescheren uns jedes Jahr zwei unheimlich amüsante Wochen voller TV-Highlights. Erinnere man sich nur an das Skandal-Liebespaar Jay Khan und Indira. Der Zuschauer ahnt nichts Böses, erfreut sich an einer weiteren Dschungel-Romanze als plötzlich Sarah „K.“ alias Sarah Knappik Jays Geheimnis lüftet, er wolle mit dem Flirt den Zuschauer für sich manipulieren. Sicherlich fanden die RTL-Macher in diesem Moment Gefallen daran, die Geschichte zu dramatisieren. Lustig war es trotzdem.

Eine große Portion Ironie

Ein Tipp von mir: Setzt am Freitagabend, um 21.15 Uhr die Moralbrille ab und guckt euch die erste Folge der achten Staffel „Dschungelcamp“ mit einem Augenzwinkern an. Dann werdet ihr merken, dass die Kandidaten selbst (naja, vermutlich zwei oder drei), vor allem aber die Moderatoren mit einer großen Portion Ironie an die Sache herangehen. Das Team aus Sonja Zietlow und Daniel Hartwich sowie dem verstorbenen Dirk Bach ist das Pendant zu den melancholisch-aufgebauschten Stories im Camp. Ob Hartwichs Lästerattacken über die Bewohner oder Zietlows Fake-Telefonate, in denen sie Jürgen Drews parodiert, der es auch in diesem Jahr nicht ins Dschungelcamp geschafft hat – die Moderationen sind mit das Amüsanteste der ganzen Sendung und – wie gesagt – äußerst ironisch gemeint.

„Holt mich hier raaaaa-uuuu-s.“

So kommt der Verdacht auf, wer das „Dschungelcamp“ als Fernsehsendung für „Dumme“ abstempelt, hat vermutlich das Konzept nicht ganz verstanden. Wie war das noch einmal mit der Intelligenz bei Menschen, die Ironie nur schwer begreifen? Liebe Kritiker, macht euch nichts vor: Wenn es Freitagabend wieder heißt „Ich bin ein Star. Holt mich hier raaaaa-uuuu-s“ wird das spätestens in der nächsten Woche Gesprächsthema sein. Und ob Trash oder nicht – will nicht jeder mitreden können, wenn es sonst alle tun? Ich vermute, dem einen oder anderen würde es sogar gefallen. Zugeben würde das natürlich keiner.

contra

Morgen Abend, wenn es in Deutschland 21.15 Uhr ist, geht in Australien gerade die Sonne auf. Dann werden Sonja Zietlow und Daniel Hartwich für ein Millionenpublikum vor die Kameras treten und die achte Staffel von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ einläuten. Zwei Wochen lang wird die Sendung sich Abend für Abend selbst feiern. Und die Zuschauer werden sie auch feiern. „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ ist die teuerste Geschmacksverirrung im deutschen Fernsehen.

Zu Jahresbeginn wird das Dschungelcamp zum Zugpferd für RTL. Mit einem Marktanteil von fast 30% im Vorjahr braucht sich der Sender keine Sorgen zu machen. Das Brot und Spiele-Prinzip zieht auch im 21. Jahrhundert, nur dass nicht Gefangene gegen Tiger im Ring stehen, sondern semiprominente Selbstdarsteller in Plastikkisten, randvoll mit dicken Kakerlaken.

Menschliche Abgründe vor die Kamera gezerrt

Es ist der pure Voyeurismus, den RTL sich zunutze macht. Im selbstgebastelten Dschungelstudio sind dem Ekel keine Grenzen gesetzt. Aber nicht nur die widerwärtigen Dschungelprüfungen machen den besonderen Kick der Sendung aus. Es sind die Teilnehmer selbst, ein perfekter Mix aus allen Schubladen, die der menschliche Charakter bei RTL bedienen muss – vom Choleriker bis hin zur Exhibitionistin. Privatsphäre – gibt es nicht. Schamgefühl – gibt es nicht. Stattdessen Zickenkrieg, Cliquenbildung, Lästerattacken. RTL hält die Kamera drauf, denn es gibt ein großes Publikum, das sich genau an dieser Big Brother-Masche ergötzt.

Millionen von Euro für die Schadenfreude

Klar, die Campbewohner sind freiwillig am Platz. Sie wissen, was auf sie zukommt, wenn sie sich in den Flieger nach Australien setzen. Was aber noch viel schlimmer ist: Die Fernsehzuschauer schalten das Dschungelcamp freiwillig ein! Schade, dass es genau diese Abgründe sind, die die Zuschauer sehen wollen. Dass Unterhaltungsfernsehen genau so aussehen soll und Millionen von Euros kosten muss. Dass Befürworter sich hinter Einschaltmotiven wie satirischer Moderation oder dem spannenden sozialen Experiment, das die Sendung angeblich darstellt, verstecken. Das ist angesichts des monoton wiederholten Spektakels entweder mangelnde Selbstreflexion oder eine simple Ausrede.

Keine Sozialstudie, sondern Kommerz

Da wird gelobt, dass die Sendung sich selbst nicht ernst nehme und aus ihrem anspruchslosen Niveau keinen Hehl mache. Wie sollte sie auch! Das lobend zu erwähnen, ist mehr als peinlich. RTL betreibt mit dem Format Kommerz, das ist alles. Dem gelangweilten Fernsehzuschauer Abwechslung zu bieten, steht nur an zweiter Stelle. Soziale Phänomene kritisch offenzulegen, an gar keiner. Erst vor wenigen Tagen hat der Sender die Werbepreise rund um die Sendung angezogen.

Der Vorwurf ist bei alledem aber nicht zuerst RTL zu machen, schließlich geht der Sender seinem täglichen Geschäft nach. Tatsächlich gibt es nur einen einzigen Grund, warum „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ so erfolgreich ist. Weil Millionen Zuschauer eine Sendung glotzen, die auf Niederstes im menschlichen Charakter zielt: Häme, Schadenfreude und Machtgefühl; der Zuschauer votet, wer im Dschungel bleibt und sich weiter zwischen Plumpsklo, Kriechtier und schmerzhaften Prüfungen quälen muss. Der Dschungelcamp-Zuschauer wird zum Sadisten, der sich am Leid der Teilnehmer hochzieht. Ob bisher bewusst oder nicht, er sollte es hinterfragen. Morgen Abend ist die nächste Gelegenheit. Es gibt auch andere Unterhaltungssendungen. Wer um die Uhrzeit nichts Anderes mehr verkraftet, sollte vielleicht einfach schlafen gehen.

 

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann 

Teaserfoto: Ich-und-Du /pixelio.de

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