Weihnachtsvorlesung mit Margot Käßmann

Die zu spät gekommen sind, sitzen auf den Treppen, der Saal ist geschmückt mit roten Weihnachtssternen, neben dem Sprecherpult wartet eine Big Band auf ihren Einsatz. Der Vortrag von Theologin Margot Käßmann im Audimax der Uniklinik Essen hat etwas von einer besinnlichen Christmette. Ihr Anliegen: „Es gibt keinen Frieden durch Krieg, sondern Gerechtigkeit und Frieden sind der Weg.“

Margot Käßmann zur Weihnachtsvorlesung im Audimax der Uni-Klinik Essen. Fotos: Ann-Christin Gertzen

Margot Käßmann zur Weihnachtsvorlesung im Audimax der Uni-Klinik Essen. Fotos: Ann-Christin Gertzen

Die Krise sei überwunden, habe es in der Neujahrsansprache von Kanzlerin Angela Merkel aus dem Jahr 2010 geheißen, sagt Margot Käßmann. Im Hinblick auf die Finanzkrise und das Ringen der EU-Staaten um den Euro sei sie gespannt, ob die Kanzlerin das in diesem Jahr auch noch so sehe.

Für Käßmann gibt es aber noch ein weiteres Thema, dass die Kanzlerin in ihren diesjährigen Rückblick aufnehmen sollte: Die Herausforderung von Kriegen und Krisen. Der Arabische Frühling zum Beispiel sei ein „Aufbegehren der Menschen gegen die Unterdrückung der Diktatur“.

Warum die Menschen in Europa von dieser Entwicklung so überrascht waren, habe sie sich gefragt. „Liegt es daran, dass wir in Europa so ein festgefahrenes Bild von muslimisch geprägten Staaten haben?“ Und: „Warum empfinden wir eigentlich so wenig Mitfreude dafür, dass die Menschen dort für Freiheit, Gleichheit und Demokratie aufstehen?“ Dass die Debatte über den Arabischen Frühling anfangs davon geprägt gewesen sei, wie die westlichen Staaten mit den Flüchtlingsströmen aus diesen Ländern umgehen sollen, ärgert sie. Das sieht man ihr an. Die Stimme wird lauter: „Das war das erste, was mit der lybischen Regierung diskutiert wurde: Könnten die Flüchtlingsströme bitte wieder gestoppt werden?“

Religion wird zu politischen Zwecken missbraucht

In dieser Weihnachtsvorlesung solle es deshalb nicht darum gehen, Märchen zu erzählen, sondern zu verdeutlichen, dass das Weihnachtsfest und das Friedensthema unweigerlich miteinander verbunden seien. „Trägt Religion zum Frieden bei? Schürt Religion Konflikte?“ Käßmann geht auch mit der Kirche hart ins Gericht. Die Inquisition oder die Kreuzzüge hätten gezeigt, dass die Kirche immer dann in die Irre gegangen sei, wenn sie Wege gesucht habe, Gewalt zu legitimieren. Doch auch heute fänden sich immer noch Beispiele dafür, wie Religion zur Legitimierung von Gewalt herhalten müsse. Dabei spricht sie nicht nur vom Christentum. Der Nahost-Konflikt, die Christenverfolgung in Indien, der Konflikt in Nordirland und das schlechte Bild vom Islam seit dem 11. September 2001 – sie könne verstehen, wenn Menschen sagen: Religion schürt Konflikte. Jedoch sei diese Einschätzung oft vorschnell. Man müsse lernen zu durchschauen, wann Religion zu politischen Zwecken missbraucht werde.

Die Big Band der Universität Duisburg Essen sorgt für jazzige Weihnachtsmusik.

Die Big Band der Universität Duisburg Essen sorgt für jazzige Weihnachtsmusik.

Im vergangenen Jahr habe sie häufig Gelegenheit gehabt, auch mit Vertretern anderer Religionen zu sprechen. Deshalb ist sie überzeugt: „Jede Religion trägt einen Kern in sich, der zum Frieden ruft.“ Ein kritischer Blick auf die eigene Religion – den müssten sich die Menschen bewahren. Die ökumenische Bewegung um Friedrich Bonhoeffer in den 30er Jahren habe gezeigt, dass Religionen einen Beitrag zum Frieden leisten könnten, wenn sie sich verständigen und zusammenarbeiten würden. Zwar sei diese Hoffnung oft enttäuscht worden, aber hin und wieder gebe es doch „Glanzlichter der Verwirklichung“. Zum Beispiel als 1948 die Ökumenischen Kirchen der Welt erklärt hätten: „Krieg soll um Gottes Willen nicht sein.“

Klare Stellung zu den Menschenrechten beziehen

Im Namen der Sicherheit würden Menschen getötet und gefoltert. Da habe sich die Stimme der Religion zu erheben. „Ja, wir können Muslime auffordern, sich von fanatischen und irregeleiteten Terroristen zu distanzieren, die meinen im Namen von Allah töten zu dürfen.“ Aber man könne sich nicht im Namen westlicher Demokratie für Menschenrechte einsetzen, wenn Menschen durch unsere eigenen Soldaten gefoltert und erniedrigt würden. Jetzt sei ein entscheidender Wendepunkt erreicht, an dem Gläubige klar Stellung zu den Menschenrechten beziehen müssten: „Es gibt keinen Frieden durch Krieg, sondern Gerechtigkeit und Frieden sind der Weg.“

Käßmann ermahnt die Religionen zu besserer Kommunikation untereinander.

Käßmann ermahnt die Religionen zu besserer Kommunikation untereinander.

Doch wie können Religionen zur zivilen Konfliktbewältigung beitragen? Für Käßmann leistet vor allem das Projekt Weltethos nach dem gleichnamigen Buch des Theologen Hans Küng einen entscheidenden Beitrag dazu. Dabei gehe es vor allem um das Sprichwort: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Vier Weisungen bildeten demnach den Grundstock für eine Verständigung aller Religionen: „Ehrfurcht vor dem Leben. Handle gerecht und fair. Handle und rede wahrhaftig. Achtet und liebet einander.“ Weltethos und Waffenstillstand aller Religionen – für manch einen erscheine das naiv. Jedoch müsse die Öffentlichkeit auch sehen, was jeden Tag an mühseliger Friedensarbeit durch die Religionen geleistet werde.

Ehrliche Geschichten vom Krieg erzählen

Davon, wie Gewaltprävention in Zukunft aussehen könnte, hat Käßmann ein deutliches Bild: „Wir müssen ehrliche Geschichten erzählen, nicht nur vom Frieden, sondern auch vom Krieg.“ Rüstungsexporte müssten endlich beendet werden, denn wie könne man Friedenspolitik betreiben, wenn man gleichzeitig an Waffen verdiene? Religionsgemeinschaften würden vor Ort erleben, was Krieg bedeutet. Deshalb sei es natürlich auch an ihnen, darüber ehrlich zu berichten. Aber auch in Kindergärten müsse bereits Religionen übergreifend gelehrt werden. Denn nur dann könne auch Vertrauen zwischen den verschiedenen Religionen entstehen. Gerade in Europa müsse es vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus möglich sein, eine friedliche Konfliktlösung voranzutreiben: „Wir könnten da Vorreiter sein!“

Bei all den Negativ-Beispielen, den Vortrag beendet sie dann doch hoffnungsvoll: „Ich bin überzeugt, Religionen können durch Dialoge vertrauen schaffen und ein Zeichen sein für Menschen, die sagen: Religion ist meine Sache nicht.“

Und was nehmen die Studenten mit?

Christopher Dieter studiert Kommunikationswissenschaften in Duisburg-Essen.

Christopher Dieter studiert Kommunikationswissenschaften in Duisburg-Essen.

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„Die Rezeption über Krieg und Frieden fand ich sehr interessant. Ich würde mir mehr kritische Theologen wünschen, die sich auch trauen kontrovers über Moral und Politik zu diskutieren. Mehr fundiertes Wissen, als blindes Gottvertrauen. Das nehme ich aus dem Vortrag mit.“

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Ulrike Krause (25) studiert Medizin in Essen.

Ulrike Krause (25) studiert Medizin in Essen.

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„Ich bin mit den Erwartungen hier hin gekommen, Frau Käßmann einfach mal reden zu hören. Was ich jetzt mitnehme ist, das Auge für  kleine Gesten nicht zu verlieren. Wir sollten nicht vergessen, dass Krieg eigentlich nicht zum Leben dazugehört.“

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Marius Schoenenberg (20) studiert BWL an der Universität Duisburg-Essen.

Marius Schoenenberg (20) studiert BWL an der Universität Duisburg-Essen.

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„Frau Käßmann hat Aspekte beleuchtet, an die man sonst nicht so denken würde. Friedensstiftende Maßnahmen an der Basis anzupacken, das ist etwas, was ich einfach noch nicht so oft gehört habe. Ich finde, die Ansätze, die sie genannt hat, erfordern Mut. Natürlich denkt man jetzt auch darüber nach, welche anderen politischen Interessen mit Kriegen wirklich verfolgt werden.“

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