Einmal Dirigent sein

Ein Beitrag von Sabine Knodt

Wie ist das eigentlich, in einem großen Orchester zu spielen? Wie hört es sich an, mitten unter den Posaunen zu sitzen? Oder den Celli? Als Nichtmusiker bleiben einem solche intimen Einblicke in ein Orchester zumeist verwehrt. Aber im Dortmunder U gibt es jetzt eine Ausstellung, die genau das möglich macht: „re-rite – Du bist das Orchester“.

Ein Notenpult mitten in einem dunklen Raum. Hier schlüpfen die Besucher in die Rolle eines Dirigenten. Foto: Sabine Knodt

Ein Notenpult mitten in einem dunklen Raum. Hier schlüpfen die Besucher in die Rolle eines Dirigenten. Foto: Sabine Knodt

Ganz schön dunkel ist es um mich herum. Plötzlich ist da ein kleines Licht über einem Notenpult. Dann Musiker, Streicher, dazu die Klänge eines stimmenden Orchesters. Und wieder diese Stille. Aus der Ferne, die zarte Melodie eines Fagotts. Doch die Musiker sind nicht real. Sie sind auf großen Leinwänden um mich herum zu sehen. Denn ich bin in der Ausstellung „re-rite: Du bist das Orchester“, die es zurzeit im Dortmunder U zu sehen gibt. Diese Ausstellung ist eine audiovisuelle Tour durch ein Orchester, das Igor Strawinskys Werk „Le Sacre du Printemps“, eines der wohl bedeutendsten und revolutionärsten Werke des 20. Jahrhunderts spielt. „The Rite of Spring“ heißt das Werk auf Englisch, und das erklärt auch den Titel der Ausstellung. „Re“ bedeutet so viel wie „erneut, noch einmal“. Und genau das trifft hier zu: In der Ausstellung läuft das Stück in einer Dauerschleife, man kann es immer wieder hören und dabei jedes Mal ganz neu erleben.

Verschiedene Instrumente hören

In zehn Räumen sind die verschieden Instrumentengruppen des Orchesters zu sehen: Hier die Klarinetten, dort die Posaunen, im übernächsten Raum die Celli und Kontrabässe.

Ein ausgeklügeltes Soundsystem macht es möglich, dass ich genau das Instrument besonders laut höre, dass ich vor mir auf der Leinwand sehe. Lasse ich mich allein vom Klang leiten, gelange ich so immer zu dem Instrument, dass gerade die Hauptstimme spielt. Höre ich, dass dann ein anderes Instrument eine wichtigere Rolle spielt, gehe ich einfach in einen anderen Raum zurück. So durchwandere ich im Laufe des Stückes die gesamte Ausstellung und werde mit Klangeindrücken belohnt, die ich beim Besuch eines normalen Konzerts so nie erleben könnte.

Die Besucher werden Teil eines Orchesters

„Du bist das Orchester“, so heißt es im Untertitel der Ausstellung. Und tatsächlich wird man schon allein durch das Hin- und Herlaufen „im“ Orchester zu einem Teil von ihm. Wer Noten lesen kann, kann zudem in den ausgelegten Stimmen genau verfolgen, was zum Beispiel die Klarinette gerade zu spielen hat. Im Raum der Hörner hängt ein Frack an einem Bügel. Ein Schild auf dem Stuhl fordert mich auf: „Bitte nehmen Sie Platz“. Und kaum sitze ich, sehe ich mich dank Videoprojektion auf einmal auf der Leinwand inmitten der Musiker.

Eine Trommel und ein Gong im Percussion-Raum. Im Hintergrund sieht man den Bildschirm, von dem man die Anweisungen bekommt. Foto: Sabine Knodt

Eine Trommel und ein Gong im Percussion-Raum. Im Hintergrund sieht man den Bildschirm, von dem man die Anweisungen bekommt. Foto: Sabine Knodt

Beim Schlagwerk schließlich kann ich selbst mitspielen. Eine große Trommel, Triangel, Tamburin und ein Gong stehen zur Auswahl. Auf den Bildschirmen ist ein Schlagzeuger, der auf den Einsatz vorbereitet: „The next passage is a bit tricky, so have a look at me and just follow me for this“. Dann erscheint im Bild eine Leiste; trifft der Balken die Note, muss ich auf die Trommel hauen. Ein bisschen wie Karaoke, nur eben für Klassik.

Eine Ausstellung für alle Altersgruppen

Schließlich ist da noch der Kontrollraum. Hier nehme ich per Videoprojektion die Rolle und den Platz des Dirigenten ein und mit Hilfe eines Bildschirms regle ich die Lautstärke der einzelnen Instrumentengruppen. Neben mir sehe ich dann den Dirigenten Esa-Pekka Salonen auf der Leinwand. Salonen, ein Weltklassedirigent aus Finnland, der diesjährige Exklusivkünstler des Dortmunder Konzerthauses, hatte die Idee zu der Ausstellung. Mit seinem Orchester Philharmonia Orchestra London spielte er dann „Le Sacre du Printemps“ für die Klang- und Videoinstallation ein. In London und Lissabon war die Schau schon zu sehen.

„re-rite“ ist ein spannendes Projekt für alle Altersgruppen. Ganz egal, ob Klassikkenner oder neugieriger Laie, Erwachsener oder Kind, hier kann jeder noch etwas Neues darüber erfahren, wie ein Orchester funktioniert und ein gemeinsamer Klang entsteht.