Die Melodien der Nordstadt

Vor dem Hauseingang kommt uns Gerd entgegen, in locker sitzendem Pulli, Sonnenbrille und Socken in den Latschen. In der Hand hält er eine Tüte mit Bierflaschen: „Ihr seid zu früh, ich wollte gerade Flaschen wegbringen.“ Durch einen weiß gefliesten Treppenstock gehen wir bis zu seiner Wohnung.
Kurze Zeit später stehen wir in einem rot gestrichenem Raum, eine Kerze brennt, Stühle stehen im Halbkreis beieinander, an der Wand hängt ein Buddha-Plakat. Eben noch die dunkle Atmospähre im Flur, riecht es nun nach Räucherstäbchen. Gerd bietet uns Wasser an, aufs Klo dürfen wir auch, „ums Klopapier müssen wir nicht tauschen.“ Dann geht er weg, wir trauen uns nicht zu trinken. Was wir dafür wohl geben müssen?
„Die Verwandlung“ sagt Gerd, als er wieder da ist. Er hat die Sonnenbrille abgelegt, eine Kette mit Rosenquarz-Anhänger angelegt und trägt eine indische Baskenkappe mit Goldapplikationen.


Gerd Neumann ist Heilpraktiker. Er wohnt in der Nordstadt, um ihr Farbe zu geben.

Gerd stellt sich uns als Heilpraktiker vor. „Viele fragen, warum ich nicht aus der Nordstadt wegziehe“, sagt er. „Wenn ich hier nicht wäre, wäre es dunkler.“ Die Nordstadt habe eine eigene Melodie. Meist sei das Tatü-Tata oder ein schreiendes Halt’s Maul. Mit seiner Sitar will er die Nordstadt melodisieren. Und wir sollen dabei helfen.

In seiner Wohnung dürfen wir nach Tönen suchen: „Töpfe, Deckel, Drummer-Schneebesen, alles könnt ihr nehmen.“ Jeder sucht sich seinen Ton. Julia klopft auf der Mikrowelle, Rosa schnappt sich den Mörser. Ich schlage gegen einen Topfdeckel, der wunderbar hallt. Gerd spielt Sitar, wir kratzen mit dem Schneebesen auf seinem Holzboden, hauchen gegen hohle Bierflaschen, musizieren. Gerd nimmt alles auf, schneidet dann ein Video für seinen Youtube-Kanal „gerhardneumann1“.

Weil wir das gut gemacht haben, bekommen wir einen Stempel. Leider nicht Gebet 8, den habe er nicht mehr. Gerd entschuldigt sich, ich trinke noch etwas Wasser.

Borsigstraße 56, sagt Schwarzer Engel durchs Telefon.

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