Die Melodien der Nordstadt

In der Mallinckrodtstraße 16 fängt uns ein 14-jähriges Mädchen ab. Hanan, so heiße sie. Im vierten Stock lädt Hanan uns auf eine Tasse Tee ein, orientalische Teppiche liegen auf dem Boden. „Möchtet ihr ein Henna-Tattoo?“, fragt sie freundlich. Warum nicht. Dann schnappt sie sich unser Handy. „Hallo Mama, hier ist Hanan. Ich rufe vom Crashtest Handy an, meins hat kein Guthaben mehr.“ Nur ein Spaß, lacht sie. Während Hanan mir das Tattoo aufmalt, erklärt sie, was sie möchte: Aus dem Katalog sollen wir ihr einen Laptop und eine Kamera bestellen. Meine fünf Mitspieler blättern nach einem Laptop mit starker Leistung für 400 Euro und einer Canon Kamera. Hanan erzählt von ihrer Freundin, von ihrer Mama, von dem Projekt „Crashtest“. Bei der Hausaufgabenhilfe sei sie angesprochen worden, war bei der Vorbesprechung, „das Spiel ist interessant und spannend, es hat mir Spaß gemacht“. Die fünf werden fündig. „Einer von euch muss den Bestellschein ausfüllen. Meine Mama zahlt dann in Raten zurück“, sagt Hanan. Ist das Ernst? Wir können ja einen falschen Namen angeben. „Nein, nein, schon die richtige Adresse und Kontonummer“. Wir stutzen.

"Live in Marrakech" gibt es Tee und Henna-Tattoos. Bild: Edi Szekely/Theater Dortmund

Wir wollen den Bestellschein nicht ausfüllen. „Dann bekomme ich 1,50 fürs Tattoo und 1 Euro für den Tee – von jedem“, sagt Hanan. Ich habe gar kein Geld dabei, die anderen wollen nicht zahlen. „Dann kauft ihr mir einen Döner.“ Über 20 Minuten versuchen wir, Hanan zu überreden, uns nicht doch Gebet 7 zu geben. Vor ihr liegen Stempel, die sie mit unsichtbarer Farbe auf unsere eigenen Geldscheine drücken kann. Gebet 7 steht auf einem, den wollen wir haben. Er ersetzt unsere Geldscheine durch die neue Währung Gebet. Was wir dabei hätten, fragt Hanan. Kugelschreiber, Kaugummis, Rabatt-Gutschein um neue Schuhe zu kaufen? Nein, nein, nein. Hanan ruft unsere Checkerin an – „schmeiß sie raus“ hören wir Schwarzer Engel durch den Lautsprecher meckern. Doch Hanan bleibt hart, am Ende bekommt sie einen Regenschirm – und wir nur Gebet 9.

Wir rufen die Checkerin an. Kamener Straße 10 ist das nächste Ziel. Gebet 8.

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