Minimalismus – Gegenströmung in konsumorientierter Gesellschaft

Mal ist es ein T-shirt, dass im Schaufenster so einladend aussieht, mal ein Sonderangebot im Supermarkt –  Schränke und Schubladen füllen sich so mit immer mehr „Kram“, der nie benutzt wird. Der Trend Minimalismus möchte Schluss machen mit diesem konsumgetriebenen Leben.

Du triffst dich in der Stadt mit einer Freundin auf einem Kaffee und kommst an einem so einladenden, bunten Schaufenster vorbei. Die Schilder locken mit niedrigen Preisen und genau so ein Top fehlte dir ja ohnehin noch im Kleiderschrank. Ein paar Minuten später ist das Teil dann gekauft und – wie es leider allzuhäufig der Fall ist mit solchen Impulskäufen – landet kaum getragen in einer Ecke des ohnehin schon überfüllten Kleiderschranks. Fast Fashion, die schnell hergestellte trendbasierte Mode, ist nur ein Beispiel für Impulskäufe.

Der Minimalismus sieht sich als Gegenbewegung hierzu. Es gibt mittlerweile viele Blogs zu dem Thema Minimalismus, mit Erklärungen, Tipps und Erfahrungen. Auch auf YouTube werden fast täglich neue Videos zum minimalistischen Leben hochgeladen, zum Beispiel zum richtigen Ausmisten und zum Aufbauen einer Capsule Wardrobe, bei der anstelle eines vollen Kleiderschranks eine Sammlung von wenigen zeitlosen Kleidungsstücken zusammengestellt wird, oft auf die Jahreszeiten abgestimmt. Es geht darum, sich von allen Dingen zu trennen, die nicht benutzt werden und nur die Wohnung voll müllen und gleichzeitig zu lernen keine weiteren zu kaufen. Eine Reduktion des materiellen Besitzes auf das Wesentliche und des Konsums generell. 

Wie geht das? 

Die Grundaussage zu dieser Frage scheint auf vielen Blogs sehr ähnlich: Jeder Mensch soll selbst herausfinden, wie viel und was er braucht, um glücklich zu sein. „Minimiere deinen Besitz nur so weit, wie du dich damit wohlfühlst. Es geht beim Minimalismus nicht darum, dass du fast nichts mehr besitzt oder deine Wohnung aufgibst“, schreibt Silke in ihrem Blog minimalisch. „Minimalismus leben bedeutet für mich, sich eine Umgebung zu schaffen, in der man sich wohlfühlt, die aber auf ein Minimum reduziert ist“, schreibt Michael auf MINIMALISMUS & LEBEN

Minimalismusblogs im Netz
 

Und was bringt diese Einstellung?

Im Minimalismus geht es vor allem um Zufriedenheit mit seinem Besitz. „Wir können freier atmen, weil wir nicht von so vielen Gegenständen erdrückt werden, die wir doch eigentlich nur gekauft haben, weil wir dachten, nicht anders zu können“, erklären Jule und Anni auf Ihrem Blog Im Gegenteil. Viel Auswahl zu haben, bedeutet eben auch eine größere Gefahr zum Falschen zu greifen. „Wir wissen aus vielen Studien in der Entscheidungspsychologie, dass bei zu viel Auswahl die Wahl für viele Menschen wirklich eine Qual wird“ meint Gisela Steins vom Institut für Psychologie der Universität Duisburg-Essen. „Deshalb wird unser Überfluss bei vielen Konsumgütern nicht unbedingt als positive Freiheit empfunden“.

Viele Auswahlmöglichkeiten zu haben, muss nicht immer als positiv empfunden werden, sagt Gisela Steins von der
Universität Duisburg-Essen
Foto: Gisela Steins

 Ist Minimalismus dann das Gegenteil von Konsum?

„Minimalismus ist für mich nicht das Gegenteil zu Konsum“, sagt Steins. Es könne ein Ausdruck von einem bewussteren Umgang mit Konsumgütern sein. Statt sich dem Konsum komplett zu verweigern, raten Mimimalismusblogger dazu, sich beim Kaufen die nötige Zeit zu lassen, um sich kritisch mit dem Produkt auseinandersetzen zu können und sich zu überlegen: brauche ich das wirklich und wie lange kann ich es benutzen? Statt auf Quantität zu schwören und ständig günstige Dinge in Masse zu kaufen, bauen Minimalisten eher auf Qualität und Haltbarkeit.  

Hat der Minimalismus das Potenzial zum Massenphänomen?

Eine Prognose darüber zu stellen, ob sich der Minimalismus Trend dauerhaft durchsetzten kann, sei laut Gisela Steins, unmöglich. „Wünschenswert wäre, dass der Gedanke der Produktwahlfreiheit viel differenzierter und kritischer gesehen würde“. Die Bereitschaft auf Kosten von Quantität in Qualität zu investieren, könne auch dafür sorgen, dass man sich vor dem Kauf mit den Herstellungsprozessen der Produkte beschäftige und anschließend zu Produkten greife, die ethisch vertretbar seien, so Steins.

Minimalismus ist so auch als Luxusphänomen einer konsumorientierten Gesellschaft zu verstehen, das nur möglich ist, da Mittel und Masse an Produkten bestehen. Gisela Steins weist auch daraufhin, dass der Trend in sein Gegenteil verkehrt werden könnte: „Wenn [die Beschäftigung mit Konsum] zu etwas Gutem führt, okay; es kann aber auch ein Statussymbol werden und damit ein neues Konsumgut.“

Beitragsbild: flickr.com/Geneva Vanderzeil apairandasparediy.com mit CC Lizenz