Warum Terror-Nachrichten kaum noch schocken

PRAYFORNICE (2) Am Donnerstagabend sind in Nizza bei einem Terroranschlag mindestens 84 Menschen ums Leben gekommen. Seitdem sind die Medien voll von Schreckensbildern und solidarischen Frankreich-Flaggen. Solche Attentate sind inzwischen längst keine Ausnahme mehr – die Nachrichten zeigen es regelmäßig.

Eben haben sie noch das bunte Feuerwerk bestaunt. Tausende – alle zusammen auf der Promenade des Anglais in Nizza. Die Stimmung ändert sich schlagartig, als ein weißer LKW ungebremst in die Menschenmasse rast. Es fallen Schüsse. Nach wenigen Minuten liegen mindestens 84 Tote auf der Uferpromenade. 50 Menschen schweben am Freitag in Lebensgefahr – darunter auch Kinder. Für Staatschef François Hollande ist klar: Es handelt sich um einen Terrorakt – mal wieder. Es sind schreckliche Nachrichten aus Paris, Istanbul, Brüssel, Nizza. Es hört nicht auf. Doch es scheint, als würde sich die zeitliche Dauer unserer Betroffenheit von Mal zu Mal immer mehr verkürzen.

Der Grund ist einfach: Terror ist inzwischen leider keine Ausnahme mehr, sondern ein Dauerzustand. Und an einen Dauerzustand gewöhnt man sich. Wir sind also dabei, uns an den Terror zu gewöhnen – das ist die traurige Wahrheit. Doch in gewisser Hinsicht ist das notwendig. „Es ist eine Form von psychischem Selbstschutz“, sagt Psychologe Dr. Jürgen Kagelmann. „Man nennt so etwas ‚psychologische Habituation‘. Das ist eine Reaktion, die sich entwicklungsgeschichtlich herausgebildet hat, damit wir nicht total überwältigt werden von der Fülle der Anschläge, Opfer und Schicksale. Ohne diese Reaktion würde man nicht mehr zur Normalität zurück finden.“

Verdrängung der Ereignisse

Auf dem Campus der TU Dortmund sind viele auch der Meinung, dass Terror irgendwie dazugehört – allerdings nicht zum eigenen Leben, sondern zum Leben „der anderen“.
Verdrängung: ein Wort, das einem sofort in den Sinn kommt, wenn man mit Dortmunder Studierende über das Thema Terror spricht. Die meisten Studierenden, die die pflichtlektüre befragt hat, sind am Freitagmorgen gut gelaunt und machen sich keine großen Gedanken über den Anschlag in Nizza. Manche wussten nicht einmal etwas von dem Vorfall.

Informatikstudent Felix Adam schocken die Terror-Nachrichten nicht mehr: „Man hört sowas doch dauernd. Klar ist das Ganze irgendwie unheimlich. Aber solange es nicht hier in unmittelbarer Nähe passiert, ist das für mich eher unwichtig.“ Ähnlich sehen das auch die beiden Studentinnen Marion Schulte und Anna Stausberg. „Wenn ich so etwas in den Nachrichten höre, denke ich: ‚Schon wieder.‘ Aber wenigstens ist das nicht in NRW passiert, sondern weiter weg“, sagt Anna. „Ich glaube, man will das alles einfach nicht wahrhaben. Man realisiert es nicht so wirklich. Es kommt einfach zu oft vor und ist gleichzeitig zu weit weg“, ergänzt Marion.

Was unsere Emotionen beeinflusst

Die räumliche Nähe spielt bei einem Anschlag eine sehr große Rolle. Laut Kagelmann ist sie nur einer der Faktoren, der unsere Emotionen nach solchen Terror-Nachrichten beeinflusst. „Menschen denken oft sehr kurzsichtig. Auch der Anschlag in Orlando [Hinweis der Redaktion: Am 12. Juni hat ein bewaffneter Attentäter in einem Club für Homosexuelle in Orlando um sich geschossen und 49 Menschen getötet] ist hierzulande vergleichsweise gering emotional aufgefasst worden. Oder die Anschläge im Irak.“ Ein weiterer Faktor ist die Identifikation mit den Betroffenen.
„Wenn bei einem Anschlag Kinder ums Leben kommen, wird das vor allem von anderen Eltern als besonders schrecklich wahrgenommen, weil sie sich mit den Eltern der toten Kinder identifizieren können“, erklärt Kagelmann. „Wichtig ist auch, in welchem Umfeld der Anschlag verübt wurde. Anschläge im Urlaub etwa, die sich gegen Urlauber richten, werden stark wahrgenommen, weil das eine besonders friedliche Umgebung ist.“

Der 11. September 2001 als Ursprung

Als am 11. September das World Trade Center einstürzte, ist eine Welt zusammen gebrochen. Der Anschlag hatte enorme politische Auswirkungen zur Folge: Es gab Kriege und die Gesetze in den USA wurden verschärft. Der Grund dafür war nicht nur das große Ausmaß, sondern auch, dass es damals noch kein Bewusstsein für die arabische Terrorgefahr gab. „Die Dimensionen, die dieser Anschlag angenommen hat, waren ungeheuerlich. Auch das mediale Interesse war enorm.  Damit ging das Ganze erst los. Und inzwischen wird es immer alltäglicher“, sagt Kagelmann. Anschläge, die mitten in Europa stattfinden, gehören für Redaktionen mittlerweile zur traurigen Routine.

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