Die Superhelden unter den Nahrungsmitteln

Acai, Goji und Co sollen eine Wunderwirkung auf die Gesundheit haben.

Acai, Goji und Co sollen eine Wunderwirkung auf die Gesundheit haben.

Sich gesund zu ernähren ist gar nicht so einfach. Gefühlt werden jeden zweiten Tag Theorien von neuen Studien widerlegt: was gerade noch gut für das Herz sein sollte, erhöht plötzlich den Cholesterinspiegel. Momentan spukt ein Trend durch die Supermarktregale, der eine einfache Lösung des Problems verspricht: Superfoods.

Der regelmäßige Verzehr dieser Nahrungsmittel soll uns fit halten und zahlreichen Gesundheitsproblemen vorbeugen. Auch die Lebensmittelkonzerne haben die Chance gewittert: Goji-Beeren, Algenpräparate und Co türmen sich in den Regalen von Supermärkten und Bioläden.

Doch was sind eigentlich Superfoods? Sind sie wirklich so super, dass sie uns einer gesunden Lebensweise oder dem Traumkörper näher bringen können? Die Foodbloggerin Lynn Hoefer beschäftigt sich regelmäßig mit den angeblichen Wundernahrungsmitteln. Auf www.heavenlynnhealthy.com veröffentlicht die angehende Ernährungsberaterin Rezepte und Informationen rund um gesunde Ernährung – den Superfoods widmete sie bereits zahlreiche Artikel.

Wann der Wahnsinn angefangen hat

„Das Paradebeispiel sind Chia Samen“, erklärt Hoefer. „Chia Samen haben beispielsweise zehnmal mehr Omega-3-Fettsäuren als Lachs, viermal mehr Eisen als Spinat, fünfmal mehr Calcium als Vollmilch, fünfzehnmal mehr Magnesium als Brokkoli“. Auch Acai-Beeren, Goji-Beeren und sogar Grünkohl werden manchmal als Superfoods bezeichnet.

Eine klare Definition des Begriffs gibt es allerdings nicht: Generell bezeichnet er Lebensmittel mit einer besonders hohen Nährstoffdichte – wie hoch die sein muss, dazu gibt es keinerlei Richtlinien. „Das Wort „Superfood“ ist eher eine Marketing-Strategie und zur Zeit können Unternehmen frei entscheiden ob und wann sie ein Lebensmittel als „Superfood“ bezeichnen“, so die Expertin.

Den Beginn des Superfoodwahns in Deutschland machten wohl die Cranberries. Die hierzulande nicht sehr bekannten Beeren wurden vor ein paar Jahren als entzündungshemmend und gut für Blase und Nieren beworben. Inzwischen ist es verboten, dies auf der Verpackung zu vermerken – weil es keine wissenschaftliche Basis dafür gibt. Auf die Cranberries folgten Chia, Quinoa, Acai und Gojibeeren. Untermauert wurden die Empfehlungen oft mit exotischen Mythen zu den Produkten: so aßen die Azteken Chia-Samen angeblich um sich für den Kampf zu stärken.

Aber nicht nur exotische Nahrungsmittel verbergen sich hinter dem Begriff Superfoods, sondern auch Althergebrachtes in neuer Verpackung: Wer bei Grünkohl an Omas Eintopf mit fettiger Wurst denkt, hat noch nichts von „Kale“ gehört – Superfoodler schreddern das Gemüse roh und verzehren es in Smoothies oder Salaten. Superfood scheint ein Sammelbegriff zu sein, unter dem nahezu willkürlich Nahrungsmittel mit (angeblich) gesundheitsfördernder Wirkung beworben werden: Nüsse, Brokkoliblätter, Quark und seit neuestem Brühe. Auffällig: Meist handelt es sich um wenig bis gar nicht verarbeitete Nahrungsmittel. Chemische Inhaltsstoffe sind tabu.

Trend aus den USA

In den USA ist der Trend Superfoods schon viel länger bekannt als in Deutschland. Internetshops wurden gegründet, Hollywoodstars wie Gwnyeth Paltrow hielten medienwirksam Superfooddiäten ein. Wie das Handelsblatt im Mai 2015 berichtete, beugte sich sogar Mc Donalds der Mode – und bot zum Frühstück Superfoodsmoothies aus Grünkohl und Spinat an. Auch Lynn Hoefer kam während eines Aufenthalts in den USA mit dem Thema in Kontakt. „Da mir während dieser Zeit Bluthochdruck diagnostiziert wurde, obwohl ich schon immer sportlich und gesund gelebt habe, habe ich mich noch intensiver mit Ernährung beschäftigt. Wenn man das Wort „Superfoods“ mal zur Seite legt, dann ist die Idee, Lebensmittel mit vielen Nährstoffen zu sich zu nehmen sicherlich nicht verkehrt.“

Dennoch ist bei angeblichen „Wundermitteln“ grundsätzlich Vorsicht geboten – vor allem, wenn deren Wirkung kaum erforscht ist. Auch mit Spinat quälten viele Eltern lange Zeit ihre Kinder, weil er ideale Eisenquelle galt – bis der Popeye-Mythos als ein simpler Kommasetzungsfehler enttarnt wurde. Berit Uhlmann, Food-Redakteurin bei SZ online, beschwert sich darüber, dass viele Verbraucher den Ernährungstipps von Starköchen und Kochshows Glauben schenken – obwohl dahinter nur selten fundiertes Fachwissen stecke. So schrieb auch Starkoch Jamie Oliver 2015 ein Kochbuch mit dem Titel „Superfood für jeden Tag“ und sagte dazu, er wolle lediglich eine allgemein gesunde Lebensweise vermitteln.

Internethype

Auch Lynn Hoefer glaubt, dass der Hype durch die Medien und das Verhalten der Lebensmittelkonzerne einen großen Einfluss auf die Promotion der Superfoods haben: „Firmen nutzen zunehmend das Potential von Blogs als Werbeplattform und bieten vielen Bloggern an, ihre Superfoods kostenlos zu testen in der Hoffnung, dass diese ihre Marke auf dem Blog oder auf Social Media positiv erwähnen.“

Grünkohl heißt jetzt Kale und kommt in den Smoothie statt in den Eintopf. (Source: wikimediacommons)

Grünkohl heißt jetzt Kale und kommt in den Smoothie statt in den Eintopf. (Bilder: wikimediacommons)

Superfoods sind keine neuen Lebensmittel, sondern vielmehr solche, deren Wirkung neu oder wieder entdeckt und in Bezug auf ihre gesundheitliche Wirkung interpretiert wurden. Es gibt tatsächlich bisher keinerlei wissenschaftlichen Grund, zu den oft teuren Produkten zu greifen, die den Namen Superfood auf der Packung tragen. Auch eine Wunderwirkung sollte man von von ihnen nicht erwarten, vielmehr können sie als nährstoffreiche Ergänzung zur gewöhnlichen Ernährung gesehen werden. Gerade im Bereich der Wirkung einzelner Nahrungsmittel auf den Körper gibt es noch große Forschungslücken – dogmatischen Essempfehlungen ist daher mit Vorsicht zu begegnen.