Trennung von Facebook – es ist kompliziert.

„Mache Facebook zu deinem Facebook“ – unter diesem Slogan läuft die erste medienübergreifende Marketingkampagne des Konzerns in Deutschland. Gerade zurzeit sollte Facebook andere Sorgen haben, als seinen besorgten Nutzern Grundfunktionen zu erklären. Aufgrund der Vorwürfe bezüglich des Datenschutzes, der geheimen Algorithmen und Hassreden kann man als Nutzer schon mal über Alternativen zum Marktführer nachdenken. Die gibt es zwar. Aber echte Facebook-Konkurrenten sind es noch nicht.

Laut Facebook stehen die Sorgen und Fragen echter Menschen aus Deutschland im Zentrum der Motive und Videos der neuen Kampagne: nervige Katzenvideos, nervige Essenbilder und zu viele nervige Informationen. Facebook erklärt den sich beschwerenden Nutzern, wie einfach man solche Beiträge verbergen kann und Facebook eben zu seinem Facebook machen kann. Dieser Newsfeed-Algorithmus stand zuletzt in der Kritik. Er entscheidet, welche Beiträge die Nutzer auf ihrer Startseite zu sehen bekommen, das kritisieren auch die „echten Menschen“ aus den Werbevideos. 

Die auf Facebook allgegenwärtige und kritisierte Hassrede wird bei der Kampagne außer Acht gelassen. Facebooks Umgang mit den Nutzerdaten ist ein ebenso kontroverses Thema wie die Hassrede, wird aber auch nicht berücksichtigt. Laut Facebook konzentriert sich die Kampagne vorerst auf die grundlegenden Funktionen des sozialen Netzwerks. Man wolle sich aber in Zukunft mit Themen wie Hassrede, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und der Verwendung von Daten befassen.

Mache Facebook zu deinem Facebook

Mache Facebook zu deinem Facebook.

Posted by Facebook Hamburg on Montag, 14. November 2016

Wegen solcher Themen steht der blaue Riesenkonzern aus dem Silicon Valley immer wieder in der Kritik. Alternativen gibt es genug – populär und verbreitet sind diese aber so gut wie nie. Matthias Rötters arbeitet bei der Medienagentur Medienprofis in Köln und berät Unternehmen, Vereine und Dienstleister in Social-Media-Fragen. „Die meisten Menschen erreicht man bei Facebook, so drehen sich auch 95 Prozent unserer Kundenanfragen um Facebook“, sagt Rötters. Er würde seinen Kunden natürlich auch zu anderen Netzwerken raten, das mache aber aktuell keinen Sinn.

Warum bleiben wir bei Facebook?

Denn die Nutzer hätten sich seit Jahren an das System von Facebook gewöhnt. In dieser Zeit habe Facebook seinen Kern behalten, sich aber vor allem im Bereich der werblichen Nutzung immens weiterentwickelt. „Facebook bietet hier so viele Möglichkeiten wie kein anderes Netzwerk – schon allein bei der ganz exakten Ansprache einer bestimmten Zielgruppe“, sagt Rötters. Das Phänomen, warum man bei Facebook bleibt und nicht auf eine der vielen Alternativen zurückgreift, lässt sich laut Rötters an einem gesellschaftlichen Prozess erklären: „Die Nutzer gehen dahin, wo die anderen schon sind und das ist momentan zweifelsfrei Facebook.“ 

Doch welche Alternativen gibt es für Wechselwillige? Wie viele Nutzer sind da schon? Welche Umstellungen muss man in Kauf nehmen?

DIASPORA*

(Screenshot: https://diasporafoundation.org)

Das New Yorker Netzwerk Diaspora* wurde 2010 nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne mit einem Startkapital von 200.000 Dollar gestartet. Die Gründer, vier Mathematikstudenten, wollten sich mit Diaspora von den Datenzwängen von Facebook und Co. abheben. Die Grundfunktionen orientieren sich trotzdem am Marktführer: Der „Stream“ ist Diasporas Startseite – hier werden Beiträge angezeigt, für die man sich interessiert. Beiträge können Nutzern gefallen, oder weitergesagt werden. Durch Direktnachrichten können Benutzer untereinander Kontakt halten. Momentan nutzen etwa 662.000 Nutzer das soziale Netzwerk. Die Befreiung aus den Datenfängen von Facebook oder auch Google+ soll durch das dezentralisierte Netzwerk gelingen: Statt sich bei einer zentralen Seite einzuschreiben, melden sich die Nutzer auf einzelnen Servern an oder gründen sogar neue Server. Die entstandenen Server kommunizieren miteinander und erschaffen so eine gesamte Diaspora Welt, auf der die Nutzerdaten nicht zentral gespeichert werden müssen. So grenzt sich das Netzwerk von den großen Datenfallen ab, ist aber eher eine Plattform für technisch-interessierte Nutzer, die den Glauben in die Datenpolitik großer Konzerne verloren haben. 

nebenan.de

(Screenshot: https://nebenan.de)

Ein Netzwerk für die Nachbarschaft, die Straße oder das Wohnviertel – nebenan.de bietet die Möglichkeit auch digital neben seinen Nachbarn zu wohnen. Ob nun zwei Eier beim Kuchenbacken fehlen oder ein Stadtteilfest geplant wird. In dem Nachbarschaftsnetzwerk werden nur Beiträge von Leuten aus der Nachbarschaft veröffentlicht. Die Nutzer müssen sich mit richtigem Namen und richtiger Adresse anmelden, damit der digitale Stadtteil funktioniert. Um das zu gewährleisten, kann man sich nur mit einem Zugangscode, der per Postkarte kommt, anmelden. Alternativ verifiziert nebenan.de aber auch die Adresse durch den Upload eines Behördenschreibens. Ähnlich wie Diaspora nutzt auch nebenan.de klassische Facebook-Elemente wie einen Newsfeed, eigene Gruppen, Veranstaltungen und auch ein Fundbüro. Im eigenen Profil geben die Nutzer persönliche Infos an und sollen eintragen, wie sie Nachbarn helfen wollen und in der Nachbarschaft nützlich sein können. nebenan.de ist ein lokales Facebook, das den Zusammenhalt in der Nachbarschaft stärken soll. 

Platzhirsch Facebook

Es gibt also Alternativen zu Facebook, alleine die Zahlen sprechen gegen die kleineren Konkurrenten. Weltweit nutzen etwa 2,7 Milliarden Menschen Soziale Netzwerke. Unangefochten steht Facebook mit etwa 1,7 Milliarden monatlich aktiven Nutzern an der Spitze. Zu Mark Zuckerbergs Imperium gehört mit WhatsApp seit 2014 auch einer der zwei größten Mitteilungsdienste der Welt. Zusätzlich dazu hat der hauseigene Facebook Messenger mit einer Milliarde Nutzer in 2016 noch mal genauso viele Abonnenten wie WhatsApp. Auch die mobilen Mitteilungsdienste stehen unter dem Vorwurf, Nutzerdaten für kommerzielle Zwecke zu verwenden. Getreu dem Motto „Wenn der Dienst umsonst ist, dann ist der User das Produkt“, leitet WhatsApp die Telefonnummer und das App-Verhalten der Nutzer an Facebook weiter. Dadurch kann Facebook neben den Daten, die Nutzer in ihrer Timeline posten, mithilfe der WhatsApp Daten die personalisierte Werbung auf Facebook gestalten. 

Auch im Mobilfunkbereich gibt es Alternativen

Dienste wie Signal und Threema, Telegram und Viber versuchen den beiden großen Marktführern Konkurrenz zu machen. Zwar nutzt WhatsApp mittlerweile schon die Ende-zu-Ende Verschlüsselung, die es nur Verfasser und Empfänger erlaubt, die Nachrichten zu lesen. Kritik gibt es trotzdem dank der Vermittlung der Daten an Facebook. Nutzer suchen nach Alternativen: Die Schweizer-App Threema läuft komplett anonym, indem der Nutzer eine zufällig generierte Threema-ID erhält, anstatt sich mittels E-Mail-Adresse oder Rufnummer anzumelden. Die Funktionen ähneln WhatsApp sehr: Texte, Bilder, Videos, Standorte und Sprachnachrichten können an Einzelpersonen oder Gruppen geschickt werden. Lediglich Telefonate können über Threema nicht geführt werden. Laut statista nutzen etwa vier Millionen Menschen die App. 

Ähnlich wie Threema nutzt auch der Kurzmitteilungsdienst Signal die Ende-zu-Ende Verschlüsselung und setzt auch auf einen generierten Code statt persönlicher Informationen zur Anmeldung. Mit Signal lassen sich auch verschlüsselte Telefonate führen und somit fast alle Funktionen von WhatsApp auf eine komplett verschlüsselte Weise nutzen. 

Whistleblower und NSA-Aufklärer Edward Snowden nutzt ebenfalls Signal, anstatt dem Facebook-Imperium zu vertrauen. Gerade Edward Snowden sollte ja wissen, wovon er redet. Wenn aber sogar Stimmen wie die Snowdens nichts an der Vormachtstellung von Facebook ändern können, zeigt sich, wie stark sich Nutzer an die Masse gebunden fühlen und in dem „gesellschaftlichen Prozess“, wie ihn Matthias Rötters nennt, gefangen sind. Alternativen gäbe es nämlich genug, nur werden sie nicht von den Massen genutzt. 

Beitragsbild: flickr.com Charis Tsevis unter Verwendung der Creative Commons Lizenz

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