„Slut Walk“ durch Dortmund

Nicht nur in Dortmund fand der Slut Walk statt, auch in Berlin, Bielefeld, Köln und vielen anderen deutschen Städten wurde am Samstag demonstriert. Foto: Michael Jochimsen

Nicht nur in Dortmund fand der "Slut Walk" statt: Auch in Berlin, Bielefeld, Köln und vielen anderen deutschen Städten gingen am Samstag (13.08.2011) die "Schlampen" auf die Straße um gegen Sexismus in der Gesellschaft zu demonstrieren. Fotos (4): Michael Jochimsen

Am Samstag (13.08.2011) wurde Dortmund Schauplatz eines ganz besonderen Protestmarsches: Hunderte, meist freizügig gekleidete Demonstranten gingen beim sogenannten „Slut Walk“ für sexuelle Selbstbestimmung und gegen Sexismus auf die Straße.

„Ach du, bei meiner Figur könnte ich da nicht mehr mitlaufen“, sagt eine ältere Dame zu ihrer Begleiterin und blickt im Vorbeigehen auf die vielen leicht bekleideten Menschen mit bunten Haaren, die den Platz vor dem Dortmunder Hauptbahnhof bevölkern. Mädchen in Netzstrümpfen und Männer in bunten Röcken – sie alle sind zum „Slut Walk“ nach Dortmund gekommen.

„Slut Walk“ ist eine junge Protestbewegung

Die Protestbewegung ist erst Anfang dieses Jahres in Kanada entstanden. Ein kanadischer Polizeibeamter hatte damals bei einem Vortrag gesagt, dass „Frauen es vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht zu Opfern zu werden“. Dies löste eine Protestwelle in der ganzen Welt aus. Die zentrale Botschaft: „Selbst wenn ich mich freizügig kleide, heißt das noch lange nicht, dass ich mit jedem ins Bett gehe“.

Das Thema von Oliver Lauensteins Doktorarbeit ist Nationalität und Gender, ihm steht die Thematik des Slut Walks also auch beruflich nahe. Foto: Michael Jochimsen

Ein Mann unter Schlampen: Doktorand Oliver Lauenstein ist nicht der einzige männliche Teilnehmer beim Dortmunder "Slut Walk".

Beim „Slut Walk“ machen aber nicht nur Frauen auf Sexismus in unserer Gesellschaft aufmerksam. Unterstützt werden sie von Männern wie Oliver Lauenstein. „Was mich wütend macht ist, wie Sexualstraftäter oft in Schutz genommen werden“, sagt der 30-Jährige. Der Doktorand in politischer Psychologie ist der Meinung, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft glauben, dass Sexualstraftäter auf irgendeine Weise krank seien und durch körperbetont gekleidete Frauen zu solchen Taten erst animiert würden. „Man wird aber nicht zufällig zum Vergewaltiger“, meint Lauenstein.

Knapp bekleidet durch die Dortmunder Innenstadt

Vom Dortmunder Hauptbahnhof setzt sich der Zug in Bewegung, zieht zum U-Turm und in Richtung Linienstraße. Gezielt geht es an der „Bordellstraße“ vorbei, an Pornokinos und Sexshops. Denn die Demonstranten wollen darauf aufmerksam machen, dass auch Prostituierte Opfer sexualisierter Gewalt werden.

Auf dem Weg bis zum Endpunkt des Demonstrationszuges, dem Friedensplatz, bleiben immer wieder Passanten stehen und sehen sich die Demonstranten in den auffälligen Klamotten an. Sie sehen Schilder mit Aufschriften wie „Nur weil ich meine Beine zeige, heißt das nicht, dass ich sie für dich breit mache“. Sie hören Rufe wie „Freie Menschen, freie Frauen, können auf sich selbst vertrauen“. Die Message der Teilnehmer des „Slut Walk“ ist klar. „Es ist gut, für solche Themen auf die Straße zu gehen“, meint eine Passantin. Angesichts der Netzstrumpfhosen, Miniröcke und knappen Korsette fügt sie aber hinzu: „Mitlaufen würde ich dort nicht!“

Auch die beiden 22-jährigen Angela und Natalya halten Frauenrechte für ein sehr wichtiges und zu wenig beachtetes Thema Foto: Michael Jochimsen

In Unterwäsche und kurzem Rock: So wie die Studentinnen Angela und Natalya waren viele Teilnehmerinnen des "Slut Walk" gekleidet.

Erster „Slut Walk“ für Veranstalter voller Erfolg

Um gegen Sexismus und für sexuelle Selbstbestimmung auf die Straße zu gehen, sind die Teilnehmer aus ganz Nordrhein-Westfalen angereist. So wie die Studentinnen Angela Fronckevic und Natalya Kashkovskaya, die aus Bielefeld nach Dortmund gekommen sind. „Wir haben uns erst heute morgen spontan dazu entschieden, hier mitzumachen“, sagt Natalya, die eigentlich aus Sibirien kommt. „Ich bin für die Ideen, die hier vertreten werden und wollte sowieso mal protestieren gehen“. Und die Irin Angela erzählt: „In Irland studiere ich Frauenstudien und war schon einmal auf einem Slut Walk in Amsterdam dabei“.

Die sogenannte Täter-Opfer-Umkehrung ist noch oft die Regel statt die Ausnahme. Dabei wird dem Opfer zumindest eine Teilschuld an der Tat zugesprochen, indem es zum Beispiel durch aufreizende Kleidung den Täter zur Tat animiert habe. Foto: Michael Jochimsen

Protest gegen die sogenannte Täter-Opfer-Umkehrung: Opfern sexueller Gewalt wird oft zumindest eine Teilschuld an der Tat zugesprochen.

Die Veranstalter des „Slut Walk“ hatten nicht mit so vielen Teilnehmern gerechnet. Laut eigenen Angaben waren rund 350 Demonstranten in Dortmund dabei. Große Aufmerksamkeit gab es auch durch die Medien: Kamerateams, Fotografen und Reporter begleiteten die Demonstranten durch die City.

Auch nochmals ins eigene Bewusstsein rufen

Dass das Thema Sexismus alle angeht, egal ob Mann oder Frau, das möchte Doktorand Oliver Lauenstein beim Dortmunder „Slut Walk“ in die Öffentlichkeit tragen: „Früher dachte ich immer, ich müsste den Ritter spielen, aber irgendwann habe ich gelernt, dass Frauen auch selber sexuelle Triebe haben“. Frauen zu bevormunden und auf Partys mit aufdringlichen Avancen zu nerven, sei nur etwas für Machos. Am besten solle man sich stets vergegenwärtigen: „Ein Nein ist immer ein Nein“.

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