„Träume brauchen Freiräume“: So leben die Bochumer Hausbesetzer

Hausbesetzung – das klingt wie ein Begriff aus ferner Vergangenheit. In der 68er-Bewegung wurden deutschlandweit viele Häuser besetzt, meist von jungen Menschen aus der linken Szene, um gegen den Wohnungsmangel in Großstädten zu protestieren. In Bochum-Riemke wurde am 18. Mai 2017 ein Haus in der Herner Straße besetzt. Die Initiatoren, die sich SquatBO nennen, wollen auf die vielen leer stehenden Häuser und die steigenden Mieten aufmerksam machen. Vor Ort habe ich – Luisa, 21 Jahre, Studentin – erlebt, wie der Alltag in dem besetzten Haus abläuft, wovon die Besetzer träumen und wie es mit dem Projekt weitergehen soll. 

„Schön, dass du bei uns vorbeikommen willst. Menschen, die dir über die Besetzung etwas erzählen können, sind eigentlich immer vor Ort, der Rundgang durchs Haus ist auch kein Problem“, lautet die Antwort auf meine Rechercheanfrage zu dem besetzten Haus in der Herner Straße 131 in Bochum. Der Kontakt zu den Besetzern war im Internet einfach zu finden. Mir scheint es fast ein bisschen zu einfach. Als ich anfing, über Häuserbesetzungen zu recherchieren, bin ich davon ausgegangen, dass Hausbesetzer möglichst anonym bleiben wollen und sich lieber nicht in der Öffentlichkeit präsentieren. Denn Hausbesetzungen gegen den Willen des Eigentümers sind in Deutschland strafrechtlich Hausfriedensbruch. Mithilfe einer Räumungsklage kann der Vermieter die Besetzer vor Gericht auf Räumung der besetzten Gebäude verklagen. Daraufhin könnte eine Zwangsräumung stattfinden. Die Besetzer von SquatBO legen allerdings viel Wert auf einen guten Austausch mit der Öffentlichkeit. Seit der Besetzung am 19. Mai 2017 schreiben die Initiatoren auf ihrer eigenen Website regelmäßig auf, wie die Besetzung abläuft und welche neuen Projekte es gibt. Neben der Internetseite sind sie auch auf Facebook und Twitter aktiv und treten regelmäßig mit Journalisten in Kontakt.

Am Tag der Besetzung schrieben sie auf ihrer Website: „Wir widersetzen uns mit der Besetzung der kapitalistischen Verwertungslogik, nach der Immobilien nur genutzt werden, wenn es profitabel ist.“ Weiterhin schreiben sie, was SquatBO mit dem Haus vorhat: „Hier wollen wir zum einen ein soziales Zentrum schaffen und zum anderen Wohnraum nutzbar machen.“ Die Gruppe möchte also einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammenkommen können, um sich zwanglos auszutauschen und soziale Projekte ins Leben rufen zu können. Das Haus an der Herner Straße sollte sich dafür besonders eignen, da es aus Ladenlokalräumen im Erdgeschoss und großen Wohnungen in den Obergeschossen besteht. Das Ladenlokal ist inzwischen bereits zu einem Veranstaltungsraum ausgebaut worden.  

Zwei Tage nachdem ich eine Antwort der Besetzer bekommen habe, stehe ich schon vor dem dreistöckigen Haus mit der grünen Fassade. Transparente sind quer darüber gehängt. „Besetzt! Wir bleiben alle!“, steht auf einem und „Träume brauchen Freiräume“, auf einem anderen. Die selbst bemalten Betttücher zeigen eine klare Botschaft, können allerdings nicht vollständig die bröckelige Fassade des über 100-jährigen Hauses verdecken. Das Gebäude ist baufällig und deshalb seit einiger Zeit unbewohnt. Die eigentliche Besitzerin ist eine ältere Dame, die so hoch verschuldet war, dass das Haus in den Besitz der Stadt überging. Diese sollte es bis zum 22. Juni 2017 zwangsversteigern. Vor Kurzem fanden die Besetzer heraus, dass trotz der Gespräche, die sie mit Stadt und Oberbürgermeister Ullrich Sierau geführt haben, das Haus von einem Privatinvestoren gekauft wurde. Die Pläne, ein soziales Begegnungszentrum zu schaffen, dürften somit vorerst gescheitert sein, aber die Besetzer lassen sich so schnell nicht von ihren Träumen abbringen. 

Der einzige Weg ins besetzte Haus führt über eine Leiter. Foto: Linda Fischer

Ein Fenster als Eingang zum Haus

Ich gehe durch ein Tor in den ruhigen Innenhof. Es sieht aufgeräumt und sauber aus. „Please respect our neighbours“ heißt es auf einem Schild, das am Gartentor zum Nachbarhaus lehnt. Im Innenhof herrscht eine beinahe unheimliche Stille. Das Untergeschoss ist versperrt, alte Schränke und Gerümpel aus dem Keller verhindern den Zutritt. Die Besetzer verbarrikadieren sich vor einer Räumung. Der einzige Zugang zum Haus führt über eine rote, wackelige Leiter, die an der Hauswand im Innenhof lehnt. Sie führt in eines der Fenster im ersten Obergeschoss. Das Fenster steht offen, man könnte einfach so hineinklettern. Aber ich versuche es erst einmal mit Rufen: „Hey, ist da jemand?“ Plötzlich taucht ein Gesicht im Fenster auf. Ein Mädchen mit braunen Locken, sie lächelt. „Hey, kannst hochkommen“, ruft sie. Mit meinen zwei Taschen klettere ich die Leiter hoch und steige durchs Fenster in die erste Etage. Ich fühle mich wie ein Einbrecher. Das Mädchen gibt mir die Hand. Sie stellt sich als Bianca vor, ihren richtigen Namen verrät sie nicht. „Du musst dein Handy hier vorne abgeben“, sagt Bianca und öffnet eine Box in der bereits um die 20 Handys liegen. Wem sie gehören, erfahre ich nicht. Die Anzahl der Handys ist vielleicht der einzige Hinweis auf die Anzahl der Besetzer im Haus. Denn Bianca kann mir weder sagen, wie viele an der Besetzung insgesamt beteiligt sind, noch wie viele Personen sich momentan im Haus befinden. Auf die Frage, warum ich das Handy abgeben muss, antwortet Bianca nur: „Abhörgefahr“. Das klingt wie in einem Science-Fiction Film. Ich lege mein Handy zu den anderen. Meine Kamera und ein Aufnahmegerät darf ich mitnehmen.

Das ist schon eine sehr luxuriöse Hausbesetzung
– Bianca, Hausbesetzerin

Bianca zeigt mir die Küche. Ein gemütlicher Raum, aufgeräumt und gut bestückt mit Geschirr, Besteck und Töpfen. „Wir haben alle Möbel und auch viele Lebensmittel von Nachbarn geschenkt bekommen“, erzählt sie, „die kamen einfach auf uns zu, die sind total froh, dass hier endlich mal etwas passiert, und unterstützen uns sehr.“ Die Stockwerke über dem ersten weisen leere Räume auf. Reste von Tapeten mit Schmetterlingsmuster sind die Spuren der ehemaligen Hausbewohner. Der letzte Mieter ist im vergangenen Jahr ausgezogen, weil nichts an dem Haus gemacht wurde.

Gemeinschaftliche Küche. Foto: Linda Fischer

Wasseranschlüsse sind vorhanden. Im dritten Stockwerk gibt es sogar noch Strom, dieses Stockwerk war bis vor Kurzem noch bewohnt. Im Treppenhaus hängen Verlängerungskabel, die den Strom in die anderen Stockwerke bringen. „Das ist schon eine sehr luxuriöse Hausbesetzung“, sagt Bianca und lächelt. Insgesamt wirkt das Mädchen mit den Locken und den großen braunen Augen sehr ernst. Sie redet selbstbewusst und bestimmt. Ich überlege, was sie wohl außerhalb des Hauses macht, wer sie ist. Bianca weiß selbst nicht, wie viele Menschen in dem Haus ein- und ausgehen und was sie außerhalb des Hauses machen. „Das ist aber auch unwichtig, hier ist jeder Mensch gleichwertig, solange er für unsere Ziele einsteht“, sagt sie.

In einem der Badezimmer ist die Wand aufgebrochen und es wurden neue Rohre verlegt. „Anscheinend war da gerade mal Geld da“, vermutet Bianca. Offensichtlich aber nicht genug Geld, um die Wand wieder zu verputzen. In einigen Räumen haben die Besetzer bereits angefangen zu renovieren, Tapeten abgekratzt und Wände gestrichen. Wir gehen durch Zimmer in denen Schlafsäcke auf dem Boden liegen, daneben abgebrannte Kerzen. Die meisten Räume sind vollständig ausgeräumt. „Die Besetzer haben meist noch eigene Wohnungen, in denen sie übernachten. Wir wollen hier ja auch nicht einziehen, sondern das Haus lediglich besetzen“, betont Bianca. 

Wie in einer normalen WG

Wir steigen eine Treppe hoch und gelangen in eine Art Wohnzimmer. Im Halbkreis stehen alte Sofas und weiße Plastikstühle, davor ein selbst gebauter Tisch. Auf den Sofas sitzen sechs der Bewohner. Fünf Jungen und ein Mädchen. Die Gesichter haben sie mit Tüchern und Sturmhauben vermummt. Bei dem Anblick wird mir mulmig. Sie blicken misstrauisch in unsere Richtung.  „Setz dich doch!“, fordert mich Bianca auf – sie ist die ganze Zeit nicht vermummt. „Wir haben gerade Couscous gekocht, willst du was?“ Ich lehne dankend ab. Wir sinken in die braunen Sofas. Nach kurzem Gespräch nehmen die meisten Bewohner ihre Maskierung ab und die Stimmung wird entspannter. Sie erzählen von den Anfängen der Besetzung und dem Alltag, der sich ständig um die nächsten Veranstaltungen und Vorhaben im Haus dreht. Beispielsweise Renovierungsmaßnahmen am Haus oder Pressekonferenzen und Gespräche mit der Stadt. Allerdings bleibt auch noch Zeit für Gespräche untereinander, gemeinsame Abendessen oder Spieleabende. „Wir leben hier eigentlich wie in einer normalen WG, manchmal gibt es kleinere Reibereien übers Putzen oder die Lautstärke, aber meistens verstehen wir uns sehr gut“, beschreibt eine Bewohnerin das Zusammenleben.

Eine der Hausbesetzerinnen von SquatBO. Foto: Linda Fischer

Was in dieser Wohngemeinschaft grundlegend anders läuft: Es müssen Tag und Nacht Wachen eingeteilt werden, die Fenster und Türen im Blick halten und die anderen Hausbewohner vorwarnen, falls jemand versuchen sollte, in das Haus einzudringen – eine Vorsichtsmaßnahme. Die Besetzer machen sich dabei weniger Sorgen um die Polizei. „Mit der Polizei sind wir mehrmals in Kontakt getreten, die werden wahrscheinlich nicht versuchen, uns hier gewaltsam herauszubekommen. Wir setzen sehr auf den Dialog mit Polizei und Stadt“, erklärt Bianca. Vielmehr müssen sie Vertreter der rechten Szene im Auge behalten. Die Bewohner sind klar links orientiert und zeigen dies öffentlich mit Plakaten und Fahnen an der Häuserwand. Angst haben sie nicht. „Wir wissen ja alle, worauf wir uns hier eingelassen haben“, sagt ein Besetzer mit ernstem Blick. Über die Hausbesetzer selbst erfahre ich während des Gesprächs nur wenig. Lediglich, dass die Gruppe aus Studierenden, Arbeitslosen, Auszubildenden, Schülern und Arbeitenden besteht. Wie viele es sind, kann mir keiner sagen. Sie wollen möglichst anonym bleiben. „Wenn es aber dazu kommen sollte, dass einer von uns Ärger mit der Polizei bekommt oder sogar festgenommen wird, dann werden wir uns alle stellen“, sagt Bianca und ergänzt: „Entweder wir bekommen dafür alle Stress, oder keiner. Denn natürlich wissen wir, dass das hier illegal ist.“

Die Hausbesetzer bei einer Besprechung Foto: Linda Fischer

Forderung nach mehr bezahlbarem Wohnraum

Nachtschichten und Gesetzesverstöße nehmen die Bewohner in Kauf, um mit der Hausbesetzung ein Zeichen zu setzen. Vor allem gegen die vielen leer stehenden Häuser und die steigenden Mieten in Bochum. Nach über 20 Jahren ist dies die erste Hausbesetzung in der Stadt. Und das hat auch seinen Grund: Die Mieten im Ruhrgebiet sind verhältnismäßig niedrig, der Quadratmeterpreis liegt in Bochum bei gerade mal 6,21 Euro. In München ist er dreimal so hoch. In den letzten Jahren sind aber auch im Ruhrgebiet die Mieten gestiegen und bezahlbarer Wohnraum wird knapper. Das bekommen vor allem finanziell schwache Menschen, wie Hartz-IV-Bezieher, Studierende oder Geflüchtete zu spüren. „Es kann nicht sein, dass Menschen auf der Straße leben müssen, während riesige Häuser leerstehen“, sagt Bianca.

Die Gruppe hat die Stadt aufgefordert, das Haus zu kaufen und für Sozialräume zur Verfügung zu stellen, dazu müsste es jedoch vollständig renoviert werden. Der Wert des Hauses wurde vom Amtsgericht Bochum auf 181.000 Euro festgesetzt. Ein Gutachten schätzt, dass die Renovierung 388.000 Euro kosten wird. „Wir haben angeboten, das Haus kostenfrei zu renovieren, wenn wir es danach nutzen können, aber das wollte die Stadt nicht“, erklärt ein Besetzer und zündet sich eine Zigarette an. Die anderen blicken ernst und nicken zustimmend. „Die Stadt will vor allem eines: Geld verdienen! Ob da Leute auf der Straße leben, ist zweitrangig. Die verkauft das Haus lieber an Privatinvestoren, die schicke Wohnungen daraus machen“, sagt Bianca.

Der Traum von einer Dauerkommune

Neben der gemeinsamen Idee von Sozialräumen macht die Szene der Hausbesetzer noch etwas anderes aus. Ein Lebensgefühl. Die Utopie einer Dauerkommune: zusammen leben und arbeiten, jenseits der Kleinfamilienmodelle. Die Besetzer versuchen ihrer Vorstellung von einer links ausgerichteten, perfekten Weltpolitik so nah wie möglich zu kommen. „Jede Entscheidung, die wir treffen müssen, wird zunächst umfassend diskutiert. Wenn alle dafür sind und nur einer dagegen, können wir die Sache nicht umsetzen, sonst würden wir uns über diesen Einen aufgrund einer Mehrheit hinwegsetzen – das wollen wir nicht“, erklärt eine Besetzerin mit leuchtenden Augen. „Jeder ist hier gleichwertig. Jemand, der jeden Tag hier ist, hat genauso viel zu sagen, wie jemand der nur einmal im Monat kommt“, beschreibt Bianca das Zusammenleben. Um das zu verwirklichen, treffen sich die Hausbewohner zweimal am Tag zu einer Plenarsitzung. Bei dieser werden der aktuelle Stand der Hausbesetzung, neue Projekte und geplante Veranstaltungen besprochen. Neben Kinderschminken, Lese- und Filmabenden haben die Besetzer die Nachbarn zu einem Kennenlernen eingeladen. An diesem Abend soll ein Wein-und-Käse-Abend stattfinden.

An dem Haus müsste vieles renoviert werden. Foto: Linda Fischer

Allerdings scheint dieser Traum schon am Ende zu sein. Nachdem die Stadt das Haus an einen Privatinvestoren verkauft hat, wissen die Hausbesetzer nicht, wie lange sie noch bleiben können. Die Aktivisten der Herner Straße reagierten mit einer Kundgebung vor dem Bochumer Rathaus auf den Verkauf des Hauses. Allerdings ohne Erfolg. Die Besetzer wurden nicht über den Kauf informiert. „Wir hätten uns gewünscht, dass die Stadt oder der Oberbürgermeister mit uns in Kontakt tritt. Das ist schon ein ziemlicher Schlag ins Gesicht“, erzählt ein Besetzer frustriert. Nach der Hausbesetzung wollten die meisten wieder vollständig in die eigenen Wohnungen einziehen. Aber die Gruppe, die sich während der Hausbesetzung gebildet hat, soll erhalten bleiben. „Wir haben viele Ideen, wie es nach der Besetzung weiter gehen könnte. Wir wollen uns nicht kleinmachen, auch wenn wir hier scheitern. Wir werden immer weiter für unsere Ziele eintreten“, sagt Bianca. Was genau das für Ideen sind, will sie nicht verraten. Trotz der Zukunftsaussichten wirkt sie deprimiert. Die Aktivisten haben viel Mühe und Zeit in das Haus gesteckt und hatten bis zuletzt geglaubt, dass sie damit etwas bewirken können.

Als ich wieder zu dem kleinen Fenster komme, das Ein- und Ausgang des Hauses ist, blicke ich in den Innenhof. Einige Hausbesetzer sitzen um einen Gartentisch herum, zusammen mit Carsten, einem der Nachbarn. Er hat Honigmelone mitgebracht und unterhält sich mit den Bewohnern. Wahrscheinlich werden sie nicht mehr lange Nachbarn sein. 

Beitragsbild/ Artikelbild: Linda Fischer