Pokémon GO: Da ist doch was im Busch

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Die Parks weltweit sind voller Menschen, der Campus hallt von Rufen wieder: „Lass mal da lang, da ist ein Kadabra!“ „Mist, nur noch 10 Pokébälle.“ Das Pokéfieber ist ausgebrochen. Wir haben TU-Studierende gefragt, warum sie spielen, und bei einem Experten nachgehakt, was das für die Zukunft der Videospiele zu bedeuten hat.

Die neue Smartphone-App des Nintendo-Kultspiels  lässt Nutzer*innen in der realen Welt Pokémon fangen. Per GPS wird bestimmt, wo sich die Trainer*innen gerade befinden. Pokémon in der Nähe lassen sich über die Handykamera direkt in der Umgebung betrachten. Augmented Reality,  zu deutsch „erweiterte Realität“, nennt sich diese Technik. Das Spiel schlägt ein wie eine Bombe. Schätzungen zufolge macht die App zurzeit etwa 1,6 Millionen US-Dollar Umsatz pro Tag. Schon bevor die App in Europa in den App-Stores offiziell verfügbar war, holten sich etliche Fans das Spiel über Umwege auf ihre Geräte.

 

TU, deine Trainer

 

Dabei ist das Konzept des Spielt nicht vollkommen neu. GPS-basierte Spiele gibt es schon länger. „Geochaching“ etwa, bei dem man auf der ganzen Welt versteckte „Caches“ sucht, Boxen mit Gästebüchern und kleinen Preisen darin, wird schon seit Jahren gespielt.

Und die Firma Niantic, die auch Pokémon GO entwickelt, hat 2014 bereits die App Ingress veröffentlicht, die ähnlich aufgebaut ist und zu ihrem Start ebenfalls viel Aufmerksamkeit bekam. Neu an der Nintendo-App ist vor allem die Kombination von GPS-basierter Augmented Reality und dem Algorithmus, der die Pokémon direkt in die Umgebung integriert.

Laut Informatik ist noch Luft nach oben für Pokémon GO

Der Erfolg des Spiels hängt trotzdem vor allem von der altbekannten und heißgeliebten Marke Pokémon ab, erklärt Thomas Lindemeier, Medieninformatiker an der Universität Konstanz. „Die Zielgruppe der App sind die Leute, die bereits mit den alten Spielen aufgewachsen sind. Die haben die Technologiewelle der letzten Jahre mitbekommen und sind deswegen ideale Kandidaten für die App.“

Dabei nutze Nintendo mit Pokémon GO noch gar nicht alle Register, die die Informatik zu bieten hat. „Momentan werden die Pokémon quasi bloß auf eine Fläche im Bild projiziert. Die technischen Möglichkeiten wären eigentlich da, um die Pokémon wirklich in die Umgebung zu integrieren. Man könnte dann zum Beispiel auch um sie herumlaufen“, so Lindemaier. „Momentan hängt es vor allem an den Rechenkapazitäten der Smartphones, die so etwas noch nicht zulassen. Je nachdem, wie sich die Technik entwickelt, könnte das aber in ein paar Jahren auch möglich sein.“

TU, deine Trainer

Lindemeier ist überzeugt, dass es nicht beim Pokémon-Hype bleiben wird. „Es gibt so viele Anwendungsmöglichkeiten für Augmented Reality. Ich glaube, es werden noch viele Apps auf den Markt kommen, die sich diese Prinzips bedienen.“

Eine neue Form des Spielens

Videospiele zu spielen bedeutete bisher, alleine zuhause vor dem Computer zu sitzen. Doch plötzlich ist die Stadt voll mit Menschen, die Spazierengehen, um Pokémon zu sammeln. „Das wird unsere Gesellschaft auf jeden Fall beeinflussen. Es wird ja oft davon ausgegangen, dass der moderne Trend eher dahin geht, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen. Solche Anwendungen deuten in die exakt andere Richtung.“

Noch müssen die Spieler*innen aber auf ihre Handys starren, um die App bedienen zu können. Das lenkt von der Umwelt ab und kann im Straßenverkehr regelrecht gefährlich werden. „Da wird es helfen, wenn diese Spiele etwa über Brillen wie das Google Glass oder die HoloLens von Microsoft genutzt werden können“, sagt Lindemeier. Die Entwicklerfirma Niantic hat angedeutet, mit der App in dieser Richtung experimentieren zu wollen. So könnte es aussehen, wenn die Technologie funktioniert:

Bis dahin könnte es aber unter Umständen noch ein paar Jahre dauern. Selbst wenn der Hype um Pokémon GO bis dahin abflaut, so rückt er dennoch die Möglichkeiten von Augmented Reality in den Fokus der Öffentlichkeit und ebnet so den Weg für weitere Anwendungen, die auf dem Gebiet experimentieren wollen. In der Zwischenzeit müssen fleißige Sammler*innen doch noch aufs Handydisplay schauen. Der gelegentliche Blick nach vorn empfiehlt sich – vor allem für die eigene Gesundheit – trotzdem.

 

Teaser/Beitragsbild: Universität Wien / flickr.com / Bild bearbeitet von Kira Schacht. Verwendung unter Creative Commons 2.0. Pokémon/Nintendo.

Fotos: Kira Schacht